Bild: Jeanne Jacobs

Taucht Sachsen in den Nachrichten auf, sprechen vor allem ältere Menschen über ihre Sorgen. Auch die Einwohner der sächsischen Kleinstadt Pirna sind auf dem Papier vor allem eines: alt. Das Durchschnittsalter liegt über dem sächsischen Schnitt, nur etwa zehn Prozent der Einwohner sind zwischen 18 und 29 Jahren alt (pirna.de).

Mittags in der Breiten Straße, der zentralen Einkaufsstraße, wirkt Pirna dagegen fast ein bisschen wie eine Studentenstadt. Jugendliche stehen an den Haltestellen und warten auf ihre Busse, Auszubildende sind in der Mittagspause auf dem Weg in die Altstadt, Mütter schieben Kinderwagen mit Einkäufen nach Hause.

Knapp 40.000 Menschen wohnen in der Kreisstadt zwischen Dresden und der Grenze zu Tschechien. Es gibt zwei Gymnasien, vier Ober- und Mittelschulen, drei Förderschulen und sieben Grundschulen. Noch vor ein paar Jahren mussten Schulen zusammengelegt werden, jetzt liegen Pläne für Anbauten in den Rektorenzimmern – viel Glas und Beton und vor allem Platz für die Schüler, von denen viele aus den Dörfern rund um die Kreisstadt kommen.

Hier kannst du den Soldaten Mario, 28, treffen:

Dass die Zahl der jungen Leute in Pirna nicht mehr so stark sinkt, liegt nicht nur an den jungen Familien, die in den vergangenen Jahren aus dem Umland in die Stadt ziehen, sondern auch an den Geflüchteten, die hier ihre neue Heimat gefunden haben. 461 wohnen im Dezember in Pirna. Unter ihnen befinden sich 67 Familien mit 162 Kindern (pirna.de).

PirnaStorys

In Kooperation mit dem Studiengang Digital Journalism der Hamburg Media School hat bento zehn Journalisten nach Pirna geschickt. Eine Woche lang suchte das Team nach Alltagsgeschichten aus der sächsischen Kleinstadt – und Wahrheiten abseits des Klischees vom "braunen Sachsen". Die erschienenen Texte findet ihr hier.

Auch in der sächsischen Schweiz gab es viel Hilfsbereitschaft, Menschen, die Kleider gespendet und mit angepackt haben. Doch in den Medien taucht Sachsen vor allem mit Negativschlagzeilen auf, mit Nachrichten über rassistische Gewalttaten und über Menschen, die Angst vor der Veränderung haben.

Wer in Pirna aufwächst, kämpft mit dem Stigma der Fremdenfeindlichkeit, das den Orten in der Umgebung anhaftet: Heidenau, Freital, Bautzen. In Heidenau war es im vergangenen Jahr zu fremdenfeindlichen Übergriffen auf Flüchtlinge gekommen (bento), in Freital soll sich eine rechtsextreme Terrorgruppe gegründet haben (bento) und in Bautzen zündeten Unbekannte eine leerstehende Flüchtlingsunterkunft an, die Massen johlten (bento).

"Über die positiven Dinge berichtet aber keiner", sagt eine Jugendliche in Pirna. Sie meint: All die Zivilcourage-Bündnisse, all die Integrationsaktionen, all die vielen kleinen Momente des täglichen Miteinanders.

Und hier kannst du die 16-jährige Ellen besuchen:

Und auch wenn man sich bei der Stadt Pirna freut, dass die Zahl derer, die ihre Heimat verlassen in den vergangenen Jahren gesunken ist und es der Wirtschaft gut geht – wer studieren will, der muss raus aus Pirna. An die Uni nach Dresden oder gleich weiter weg, dorthin, wo es den richtigen Studienplatz gibt. Den Plan irgendwann zurückzukommen, haben viele. Denn Pirna, das sei eben ihre Heimat, sagen sie.

In der Fotostrecke – So sieht es in Pirna aus:
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Fühlen

Jugend in Sachsen: So sieht das Zimmer der 16-jährigen Ellen aus

Dieser eine Mittwochnachmittag war ein Schock für Ellen. Ihren Mitschülern erzählte die 16-jährige Oberschülerin stolz, dass die zentrale Brücke in Pirna mit lauter bunten Bändern behangen sei. Ein Zeichen für Offenheit und gegen den Fremdenhass, der sich vor allem durch die Randale im benachbarten Heidenau gezeigt hatte. Ellen war das wichtig, sie engagiert sich in der Kirche in der Jugendarbeit.

Aber die Mitschüler schauten sie nur verdutzt an: Die Brücke? Die habe am Morgen ganz normal ausgesehen. Später stellt sich heraus: In der Nacht hatten Unbekannte das Zeichen gegen Fremdenhass beseitigt und die Bänder abgehangen.