Während Batya von ihrem Leben erzählt, spielt eine Geigerin in der Nähe "My way" und der Song könnte passender nicht sein. Es ist ein Freitagmittag am Zionsplatz, mitten in Jerusalem. Batya sitzt hier oft mit Freunden auf den Stufen vor einer Bank. "My way", das ist Batyas Motto, auch wenn sie es nie absichtlich dazu gemacht hat.

Batya, 21, war mal religiös. Ursprünglich stammt sie aus Antwerpen, als sie neun war zog ihre Familie nach Bet Shemesh. Das ist eine Stadt in der Nähe von Jerusalem, in der ziemlich viele ultra-orthodoxe Juden leben. Die Männer tragen schwarze Mäntel und Hüte, studieren die meiste Zeit die für sie heiligen Schriften. Die Frauen halten ihre Körper bedeckt und kümmern sich um den Haushalt und die vielen Kinder. Wenn sie heiraten, tragen sie Perücken. Weil Haare sinnlich sind, deshalb soll sie nur der Ehemann sehen.

Auch Batyas Familie ist ultra-orthodox. Sie hat zehn Geschwister. Als Mädchen durfte sie zum Beispiel nicht Fahrrad fahren, sie betete mehrmals am Tag und ging in eine religiöse Schule. Ihre Freunde waren alle weiblich. Als Teenager mal abends alleine losziehen, um ein Bier zu trinken, das ging nicht. Sie aß koscher, ihre Röcke gingen weit übers Knie und sie hielt den Shabbes, also den Samstag, als Ruhetag ein. Batya war eine gute Schülerin und sehr religiös. "Beim Beten habe ich manchmal geweint. Ich fühlte mich Gott so verbunden und als Teil von etwas Großem, Heiligem."

Baytas Leben in der Fotostrecke:
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Batya hielt sich lange an die Regeln. Bis sie an diesem Leben zu zweifeln begann, an der Religion und an ihrer Familie. "Ich habe in der Schule angefangen, Fragen zu stellen", sagt Batya. Aber das war nicht erlaubt, egal um welches Thema es ging. "Das hat mich total frustriert und sehr nachdenklich gemacht."

Freitag ist in Israel wie Samstag in Deutschland. Leute schlendern durch Jerusalems Straßen, erledigen Einkäufe oder sitzen mit einem Kaffee in der Sonne. Die Stadt fühlt sich lebendig an. Batya mag das, Jerusalem ist ihr vertraut, wie auch viele Menschen hier. Immer wieder zeigt sie auf jemanden. "Die kenne ich." Dann schiebt sie sich wieder eine der langen Haarsträhnen hinters Ohr.

Mit den Fragen kam die Entfernung vom Glauben

Batya kann den Zeitpunkt nicht benennen, an dem sie anfing, sich von der Religion zu entfernen. Stück für Stück stellte sie alles in Frage, was sie kannte. "Dadurch fühlte ich mich schuldig, gegenüber Gott, der Gemeinschaft, gegenüber mir selbst. Weil ich anders war." Gleichzeitig war sie wütend. Auf Gott, die Gemeinschaft, sich selbst. Damals war sie depressiv und noch heute geht sie zur Therapie. Sie fand ihren Platz im Leben nicht. Sie wusste nur, dass sie an all die religiösen Regeln nicht glaubte.

Freunde hatte Batya nicht viele. "Du kannst nicht einfach zu einer Freundin gehen und ihr erzählen, dass du nicht mehr religiös bist." Sie dachte, dass sie niemandem vertrauen kann. "Wenn du erzählst, dass du den Schabbes nicht mehr einhältst, dich anders kleidest, anders isst ... du bist dann echt nicht mehr okay."

Glaube in Israel

Religion durchdringt in Israel den Alltag. Das fängt damit an, dass es am Samstag so gut wie keine Busse und Züge gibt. Weil es ein Ruhetag ist. In Jerusalem sperren manche Orthodoxe ganze Straßen ab, weil man an diesem Tag auch nicht mit dem Auto fahren soll. Als dort im letzten Jahr ein Kino aufgemacht hat, das auch Samstags öffnen wollte, haben ziemlich viele Leute dagegen protestiert.

Vor allem Jerusalem ist Religion sehr präsent: Hier sieht man in den Bussen, auf der Straße, in Cafés Menschen, die beten und sich religiös kleiden. Obwohl sich knapp die Hälfte der Israelis als säkular bezeichnet, dominieren die religiösen Aspekte ihr tägliches Leben. Sie können zum Beispiel nicht ohne einen Rabbi heiraten.

Batya entfernte sich nicht nur von der Religion, sie spürte auch, dass sie homosexuell ist. Aber romantische Liebe zwischen zwei Frauen, im orthodoxen Judentum geht das nicht. "Ich fühlte mich, als wären da eine Menge Mauern um mich", sagt sie. "Ich konnte nie wirklich ich selbst sein."

Als sie 20 war, begannen ihre Freundinnen zu heiraten und Kinder zu bekommen. "Wenn du religiös bist, ist es das Alter, in dem das Leben so richtig anfängt." Sie war kurz davor, ihre Ausbildung zur Grafikdesignerin an einer religiösen Hochschule abzuschließen. "Ich dachte, vielleicht sollte ich auch mit dem Leben anfangen, aber mit meinem eigenen."

Land der Gegensätze – Israel in der Fotostrecke:
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Sie tat etwas Verbotenes: Sie setzte sich an den Computer bei ihrer Schwester und las viel im Forum von Igy, einem Schwulen- und Lesbenverein in Israel. Schließlich ging sie zu einem der Treffen des Vereins. Sie fing an, sich anders zu kleiden, ihre Röcke wurden kürzer, sie trug keine Strumpfhosen mehr. Die Familie ihres Cousins, bei der sie zu der Zeit lebte, kam damit nicht klar. "Aber ich wollte zur Abwechslung mal ehrlich zu mir selbst sein."

Batya ging zu Hillel, einer Organisation, die Menschen wie ihr hilft: jungen Religiösen, die aussteigen wollen, mehr als 100 Ultra-Orthodoxe betreut Hillel betreut nach eigenen Angaben jährlich. Da begriff Batya, dass es viele gibt wie sie und viele, die ihr helfen wollen.

Während Batya erzählt, schaut sie die meiste Zeit Passanten nach. Sie wirkt, als durchlebe sie alles gerade noch mal. Kopfkino. Oft macht sie Pausen. "Ich konnte einfach nicht mehr nach den Regeln leben, die andere für mich gemacht haben." Sie suchte sich ein WG-Zimmer in Jerusalem und legte die religiöse Kleidung ab.

Ich fühlte mich, als wären da eine Menge Mauern um mich.

Das war vor einem halben Jahr. "Die Entscheidung hat mir echt Angst gemacht." Gleichzeitig hat Batya aber das Gefühl, sich gar nicht entschieden zu haben. "Ich kann nicht religiös sein oder hetero. Weil ich es einfach nicht bin."

Die Umstellung kostet Zeit und Überwindung

Batya ist jetzt frei von äußeren Zwängen, aber die inneren sind noch da. "Du kannst nicht einfach 20 Jahre Erziehung auslöschen." Vieles kostet sie noch Überwindung. Für diesen Sommer hat sie sich zum Ziel gesetzt, im Bikini an den Strand zu gehen. "Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass ich das schaffe." Sie zögert lange, bevor sie diesen Satz überhaupt ausspricht. "Ich wurde dazu erzogen, mich mit meinem Körper unwohl zu fühlen."

Batya lebt im Moment zwischen zwei Welten, einer religiösen und einer säkularen. In beiden Welten gibt es Selbstverständlichkeiten. Aber für Batya ist nichts mehr selbstverständlich.

Auch das Verhältnis zu ihrer Familie. Die kann nicht akzeptieren, dass Batya nicht mehr religiös ist. Und dann auch noch lesbisch. Eine ihrer Schwestern betet für sie und weint dabei. "Ich will nicht, dass sie denken, ich sei ein Problem." Batya sagt das mit fester Stimme, betont jedes Wort. "Ich bin ein guter Mensch. Ich versuche wirklich mein Bestes." Wenn Batya von ihrer Familie spricht, fallen keine bösen Worte, keine Anschuldigungen, keine Bitterkeit. Stattdessen ist da ziemlich viel Enttäuschung.

Und die Sache mit Gott? Batya glaubt noch immer. "Da ist ein Gott", sagt sie. "Ich weiß nicht, wer er ist und was er will. Aber ich glaube, dass jemand die Welt erschaffen hat." Unter ihren Freunden, jenen, die mal religiös waren, ist sie damit eine Ausnahme. "Die meisten sind wütend auf die Religion und totale Atheisten geworden."

Eines jedenfalls ist ihr heute klar: "Ich will nicht mein Leben lang das Mädchen sein, das mal religiös war. Ich leugne nicht, dass das ein Teil von mir ist. Aber wichtig ist vor allem, was heute, jetzt in meinem Leben passiert."

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