Socially awkward zu sein ist kein Makel mehr.

Der Pool! Dieser Blick über Barcelona! Und die Jungs – hello! Vorbei die Zeiten, als man andere mit Städtereisen und Partyfotos von mittelmäßigen Rooftoppartys beeindrucken wollte. Der neue Club heißt Sofa.

Kaum zu glauben, aber die im Rausch geknipsten Fotos waren ein Grund, sich die Nachmittage auf Open-Airs zu vertreiben, ja, vielleicht sogar der einzige Grund, am nächsten Tag wieder aufzustehen und die Party von letzter Nacht ein zweites Mal auf Facebook zu zelebrieren.

Um nichts zu versäumen, nahm so mancher teure Tickets und lange Busfahrten in Kauf. Die Aussicht auf Fotos mit schönen Menschen brachte viele dazu, die Komfortzone des eigenen Wohnzimmers zu verlassen – selbst dann, wenn sie lieber mit Popcorn und DVDs auf der Couch geblieben wären. Ein Verhalten, das sich mit "Fomo" erklären lässt: fear of missing out. Die Angst, die aus dem Gefühl hervorgeht, etwas zu verpassen.

Irgendwie ließ man sich doch überreden, um im Idealfall Dinge zu erleben, über die es sich montagfrüh zu sprechen lohnte. Wer mit wem, wo – und vor allem: Wann machen wir das wieder? Im schlimmsten Fall musste man eben zwei Stunden alleine mit dem Nachtbus nach Hause gondeln.

Festivalfotos hier, Pool-Bilder da. Die Fomo wird auch durch die ständige Inszenierung auf Social Media hervorgerufen. Leicht überkommt einen das Gefühl, dass Glück, Erfolg, perfekte Familien und Reisen nur den anderen vorbehalten bleiben. Die "Fomo" hat es inzwischen ins Oxford Wörterbuch geschafft.

Jomo ist die neue Fomo

Seit vergangenem Jahr lässt sich ein Gegentrend beobachten. Socially awkward zu sein ist kein Makel mehr. Statt sich mit einem Gläschen Sekt auf die Nacht einzustimmen, wird der nächste Serienabend geplant. Die Freude darauf hat einen Namen: joy of missing out.

Statt Mojitos fotografieren Menschen ihre Füße vor dem Fernseher. Endlich hat man auch selbst wieder das Gefühl, dass es in Ordnung ist, seine Zeit vor dem iPad zu verbringen. Das Prinzip Jomo geht sogar so weit, durch bewusstes Fernbleiben eine gewisse Befriedigung zu erfahren. Nicht ewig auf den Nachtbus warten, kein Geld ausgeben, keinen Kater haben und auch: nicht enttäuscht werden.

Nicht ewig auf den Nachtbus warten, kein Geld ausgeben, keinen Kater haben und auch: nicht enttäuscht werden.
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So ist Jomo auf dem besten Weg, eine neue Lebenseinstellung zu werden – und wirkt dabei wie ein Hilfeschrei in Zeiten digitaler Überforderung. Wer heute zu einer Party eingeladen wird, muss noch lange nicht hingehen. Auf "interessiert" zu klicken zieht besser als jede faule Ausrede.

Dass man auch mal keine Lust oder Zeit hat: geschenkt. Niemand darf mehr böse sein, schließlich sind wir alle wahnsinnig beschäftigt. Wer hat da noch den Willen und die Kraft, sich in seiner wertvollen Freizeit einer potenziell langweiligen Begegnung auszusetzen, wo man doch eigentlich lieber schweigend die Probleme anderer im Fernsehen verfolgt?

Twitter-Accounts wie So Sad Today heben die Feierabendmuße auf ein berufliches Level.

Die Betreiberin des Accounts, Melissa Broder, hat 361.000 Follower und mittlerweile ein Buch herausgeben, in dem sie sich mit der digitalen Existenz von Mittzwanzigern auseinandersetzt.

Auch in Serien wie "Broad City" wird das Nichtstun thematisiert. Statt auszugehen bleiben die beiden Hauptdarstellerinnen gerne gemeinsam zuhause und rauchen Bong.

Auf Facebook werden Memes geteilt, die zum neuen Jomo-Lifestyle passen. Dicke Pandas, die den Berg hinunterrollen. "Ich, heute Abend" steht darüber. Auch beliebt: Jake aus "Two and a Half Man" liegt auf dem Sofa und isst Pizza. Durch Memes und Videos wird das Gefühl in sozialen Medien verbreitet und eine neue Zugehörigkeit transportiert: "Seht her, ihr seid nicht alleine!"

Jomo statt Fomo – eine sympathische Alternative zu den strikten clean & healthy Dogmen der führenden Lifestyle-Accounts. Frei nach dem Motto: Wir zeigen unser Leben, und zwar auch dann, wenn gerade Chips im Barthaar hängen. So gewinnen die Werte Gemütlichkeit, Ordentlichkeit und Häuslichkeit immer mehr an Zuspruch.

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