Bild: Evgeny Makarov
Vier Menschen erzählen, wieso sie ihren Junggesellenabschied auf dem Hamburger Kiez feiern.

An der Straßenecke riecht es nach Pisse, gemischt mit dem Duft der Fastfood- und Dönergeschäfte und dem Parfum der Besucher. Aus den Bars und Clubs dröhnt Schlager, HipHop und das Beste aus den Achtzigern, Neunzigern und von heute. Es ist der Ort, an dem sich Ehepaare im Sexshop einkleiden, Freunde auf der Tanzfläche neue Partner suchen, sich Betrunkene in den Armen liegen und Prostituierte einsame Männer abfangen.

Und es ist der Ort, an dem Freunde noch einen letzten ausgelassenen Abend verbringen wollen – bevor sie heiraten. Das Traumziel der Junggesellenabschiede (JGA): die Reeperbahn.

In der Slideshow: So ausgelassen ist der JGA auf dem Kiez
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Melanie Thiel, 29, greift zu der dünnen Holzpeitsche im Korb. "Was...20 Euro? Das find ich auch bei meinem Vater im Garten", sagt sie. Sie ist Junggesellin und ihre vier Freundinnen haben sie gerade in den Keller eines Sexshops geführt.

Sie arbeiten alle als Krankenschwestern, deswegen greift eine jetzt zu dem roten Latex-Kleid in Krankenschwesternoptik. "Los, das probier ich jetzt an." Sie verschwindet hinter der schwarzen Tür. Als sie rauskommt, lachen die anderen. "Ganz schön viel Oberweite". Jetzt kann der Abend richtig losgehen.

Wir haben vier Menschen bei der letzten Party vor dem Ja-Wort begleitet und gefragt:

Was reizt euch am JGA auf der Reeperbahn?
(Bild: Evgeny Makarov)
Melanie Thiel, 29, Krankenschwester aus Bergkamen bei Dortmund

Wir waren schon einmal in Hamburg feiern und ich wollte das gern wiederholen. In Düsseldorf feiern wir immer Karneval und in Dortmund ist es auch immer das Gleiche. Nicht gerade eine aufregende Weltstadt.

Auf der Reeperbahn hat man viel mehr Möglichkeiten und alle sind sehr kontaktfreudig. Kostüme sind nicht mein Ding. Ich will trinken und lustig sein. Für mich bedeutet Spaß haben, dass man über viel Persönliches spricht und vielleicht das ein oder andere Geheimnis offenbart. Nur unter Frauen ist man einfach ausgelassener als mit den Männern.

Oft habe ich Wochenenddienste. Wenn ich mal feiern gehe, genieße ich das sehr. Die Erlaubnis, heute zu flirten habe ich von meinem Mann nicht, machen würde ich es trotzdem. Wir sind bereits seit sechs Jahren verheiratet, aber jetzt lassen wir uns noch einmal kirchlich trauen.

(Bild: Evgeny Makarov)
Steven, 28, Ingenieur aus Glasgow

Deine Challenge heute? Spaß haben.

Mit wem bist du unterwegs? Mit meinen Freunden, meinem Vater und meinem zukünftigen Schwiegervater. 16 insgesamt.

Die Jungs haben mich überrascht. Die Deutschen sind freundlich, das Essen ist gut und das Bier noch besser. Außerdem waren die Flüge nach Hamburg günstig. Wir haben heute schon einen Trip mit dem Boot gemacht und bleiben für drei Tage.

Ich bin glücklich, weil ich mit meinen Freunden einfach eine gute Zeit verbringe. Sie haben mir dieses rosa Tutu angezogen.

So sehr kann ich mich heute gar nicht daneben benehmen, schließlich sind mein Vater und mein zukünftiger Schwiegervater dabei. In zwei Wochen heirate ich.

(Bild: Evgeny Makarov)
Fernanda Diaz, 27, aus Hamburg

Deine Challenge heute? Wir dürfen uns heute nicht beim richtigen Namen nennen. Ich bin heute zum Beispiel Christy. Und wer sich vertut, muss einen trinken.

Mit wem bist du unterwegs? Mit Freunden aus der Sprachschule, wir sind zu viert.

Ich lebe seit Februar in Hamburg. Mein Mann ist Deutscher. In meiner Heimat Chile haben wir schon geheiratet und nun feiern wir bald noch einmal mit unseren deutschen Freunden.

Mein Freund hat mir heute gesagt, wir müssten etwas beim Amt erledigen und könnten danach zusammen essen gehen. Ein Ablenkungsmanöver. Die Mädels haben mich Zuhause überrascht. Sie kommen aus Albanien, Schweden und Spanien und wir kennen uns erst seit dem Beginn unseres Deutschkurses Ende Februar.

Tanzen und sich gut unterhalten, das ist mir heute wichtig.
Fernanda Diaz

Ich freue mich, dass sie mir eine solche Party organisieren – obwohl wir uns noch gar nicht so lange kennen. Wir haben erst gemeinsam gegessen, sind dann von Bar zu Bar und waren auch im Striplokal. Ich trage ein weißes Kleid und einen Schleier, das scheint den Menschen auf dem Kiez zu gefallen. Mich haben heute schon so viele umarmt, mir ein Küsschen gegeben und alles Gute für die Hochzeit gewünscht.

In meiner Heimat kennt man so einen typisch deutschen Junggesellenabschied mit komischen Tierkostümen nicht. So etwas wollte ich auf gar keinen Fall.

Heute fühle ich mich noch einmal ein bisschen wie ein Single. Flirten ist erlaubt. Tanzen und sich gut unterhalten, das ist mir heute wichtig.

(Bild: Evgeny Makarov)
Patrick, 24, Straßenbauer aus Reutlingen, in der Nähe von Stuttgart

Deine Challenge heute? Küsse sammeln. Für den Kuss auf die Wange müssen die Mädels einen Euro zahlen. Auf den Mund 5 Euro. 25 Euro habe ich mir schon verdient.

Mit wem bist du unterwegs? Mit Freunden, die ich meist schon seit der Schule kenne. Zu viert sind wir heute.

Die Leute sind hier locker und lustig, viel offener als in unserer Heimat. Wenn man da in einen Sexshop will, muss man erst einmal durch drei Vorhänge hindurch.

Was heute zählt, sind die Jungs. Wir haben nur ein Notfallhandy dabei, die Freundinnen dürfen uns nicht stören. Eigentlich ändert sich nach der Hochzeit ja nichts, trotzdem ist es ein anderes Feiern heute. Wir waren in einem Striplokal, aber das war enttäuschend. 24 Euro kostet ein Auftritt, der BH war nach fünf Minuten aus und danach passierte nicht mehr viel.

Was heute zählt, sind die Jungs.
Patrick

Ich würde auf meinem JGA auf keinen Fall mit jemandem rummachen. Ich bin kein Typ, der so sehr auf den Putz haut. Es geht auch nicht darum, besonders viel Alkohol zu trinken. Wir lachen heute einfach viel – über uns selbst, dumme Sprüche unsere Mimik und Gestik, über andere Leute, die wir beobachten.

Leider wurde unserem Kumpel eben Geld geklaut – 300 Euro. Deshalb ist er jetzt gerade auf der Davidwache. Ein blödes Ende, aber wir hatten trotzdem unseren Spaß.

Und wie sollte deine Hochzeit aussehen? Find es in unserem Quiz heraus.

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