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Jetzt weiß ich, wann Nörgeln und Wehklagen wirklich sinnvoll sind.

Als Kind war ich bekannt für meinen durchdringenden Jammerton. Meine Mutter beschreibt ihn als "langgezogen klagend". Und nicht nur sie bemerkte meine Vorliebe fürs Jammern. Unter Bekannten wurde es so etwas wie mein Markenzeichen. Inzwischen ist das zum Glück nicht mehr so – ich würde sagen, ich jammere durchschnittlich viel.

Aber vielleicht bin ich durch meine spezielle Beziehung zum Jammern besonders neugierig, als ich im Internet von einer "Jammerfasten"-Challenge lese. 

Das Prinzip ist einfach: 16 Tage nicht jammern. Ein Achtsamkeits-Coach, Peter Beer, bietet kostenlose Videos an, mit denen er Interessierte durch die Challenge führt, jeden Tag eine Lektion. Dabei geht es nicht nur ums Jammern, sondern auch ums Lästern, Nörgeln und Schimpfen. Laut oder in Gedanken. Ich beschließe, gleich einen Monat daraus zu machen. Ich will wissen, ob ich das kann.

Am ersten Tag vergesse ich die Challenge direkt, ich bin zu Besuch bei meinen Eltern. Gefährlich, denn dort verfalle ich gerne mal in alte Muster. Ich bin nicht ganz glücklich mit meinem Praktikum, Menschen antworten nicht auf meine Mails, jammer, jammer – erst am Abend fällt es mir auf.

Doch am nächsten Tag ergreife ich eine Maßnahme. Coach Beer gibt einen Tipp, wie man sich bewusst machen kann, dass man jammert: zum Beispiel mit einem Armband oder einem Ring. Jedes Mal, wenn man merkt, dass man jammert, steckt man den auf die andere Hand.

Ich fahre Fahrrad. "Kann die vor mir nicht mal ein bisschen schneller fahren?" Ring wechseln. Ich sitze im Büro. "Mann, jetzt ist der Typ schon wieder nicht erreichbar." Ring wechseln. 

Dass wir uns stark auf Probleme konzentrieren, ist menschlich. 

Ilona Bürgel, Psychologin und Referentin für Positive Psychologie, nennt das "katastrophisches Gehirn" – und erklärt es mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen: Zu wissen, ob sich gerade ein Tiger anschleicht, war überlebenswichtig – sich darüber zu freuen, dass eine Beere besonders gut schmeckt, eher nicht. Heute sind die meisten Menschen, zumindest in Deutschland, deutlich weniger Gefahren ausgesetzt. Der Fokus auf Probleme, auf das Negative, ist aber immer noch da. Und oft fällt uns das gar nicht auf.

Psychologin Ilona Bürgel

(Bild: Jörg Simanowski)

Ich bin überrascht, wie oft ich meinen Ring von einem Finger auf den anderen schiebe. Und allein das Bewusstsein dafür verändert schon etwas. Am zehnten Tag meines Jammerfastens öffne ich meinen Küchenschrank und die Linsen fallen heraus. Es ist, als würde die Zeit für einen Moment gestoppt. Ich sehe die Linsen, die sich auf der Arbeitsplatte und dem Boden verteilt haben, und merke, dass ich die Wahl habe: Ich kann mich ärgern – oder es lassen. Ich ärgere mich nicht. Als einen Moment später das Studentenfutter aus dem Schrank fällt und sich zwischen den Linsen verteilt, muss ich lachen.

In einem Video erzählt Beer, dass er früher als Ingenieur gearbeitet hat und in seinem Büro sehr viel geschimpft und gejammert wurde. Er fuhr mit einem Kollegen auf Dienstreise. Die ganze Autofahrt jammerten sie. Als sie ankamen, hatte er keine Lust mehr darauf und beschloss, beim Abendessen nicht mehr zu jammern. Das Ergebnis: peinliche Stille. Es gab keine anderen Gesprächsthemen zwischen ihm und seinem Kollegen.

Mir fällt auf, dass ich manchmal jammere, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. 

Gerade bei Menschen, die ich nicht gut kenne, ist oft das Erste, was mir einfällt, etwas Negatives. Das Wetter – zu heiß oder zu kalt, der Zug hatte Verspätung, die S-Bahn fuhr nicht. Ilona Bürgel sagt: "Das, was wir häufig denken oder tun, formt unser Gehirn. Es macht die Vernetzung zwischen bestimmten Nervenzellen stärker. Dadurch entstehen Routinen und wir merken gar nicht mehr, dass wir zum Beispiel jammern oder negativ bewerten." Dadurch, dass wir grundsätzlich eher Negatives sehen und sehr viele Menschen nicht gegensteuern, entsteht quasi eine Kultur des Negativen. Dabei wünschen wir uns doch vor allem positive Gedanken und Gefühle.

Bei der Challenge geht es um mehr, als einen Monat nicht zu jammern. Es geht um eine Lebenseinstellung. Ich kann mich bewusst dafür entscheiden, meinen Fokus auf das Positive zu legen.

In der zweiten Hälfte meines Jammerfasten-Monats helfe ich auf einem Traditionssegelschiff bei der Werftzeit. Wir sind in Gruppen eingeteilt, meine Gruppe arbeitet draußen auf dem Schiff, es regnet. Als wir zusammenkommen, um die Aufgaben zu besprechen, sagt die Gruppenleiterin: "Ich wünsche mir, dass niemand jammert. Wenn die Sonne scheint, beneiden uns alle, aber wir arbeiten eben auch dann draußen, wenn es regnet."

Es fühlt sich gut an, mit dieser Einstellung im Regen zu stehen. Am Nachmittag kommt die Sonne ein bisschen raus und über der Kieler Förde hängt ein Regenbogen, sogar eine doppelter. Ein anderer Helfer kommt aus dem Maschinenraum hoch und beschwert sich über den Regen. Ich freue mich über den Regenbogen.

Wir nehmen die Welt durch unterschiedliche Filter wahr. Wenn ich mich entscheide, positiv zu sein, dann sehe ich den Regenbogen. Bürgel sagt: "Das Denken hat Einfluss auf das, was wir wahrnehmen. Wenn man sagt: ‚Ich bin glücklich′, dann sieht man viel mehr Dinge, die schön sind und die gelingen." Ob ich glücklich bin, hat also viel mehr mit meiner Einstellung zu tun als damit, wie die Außenwelt tatsächlich ist.

Auch nach Ablauf der Challenge versuche ich, diese Erkenntnis in meinem Alltag möglichst oft zu nutzen. Zum Beispiel, indem ich langsamer Rad fahre und die frische Luft genieße, anstatt mich über andere Radfahrer zu ärgern. Oder indem ich mich auf den schönen Abend mit einer Freundin freue, anstatt über meine viel zu volle To-Do-Liste zu grübeln.

Bedeutet das, dass ich ab jetzt immer positiv sein muss? Darf ich mich gar nicht mehr ärgern oder beschweren? 

Doch, sagt Psychologin Bürgel: "Negative Gefühle haben eine Hinweisfunktion." Es gehe darum, sie zur Kenntnis zu nehmen und dann nach einer Lösung zu suchen.

Ich ärgere mich immer wieder im Praktikum, wenn ich Aufgaben bekomme, die anders sind, als ich mir vorgestellt hatte. Und ich habe das Bedürfnis, deswegen zu jammern. Das bestärkt mich in dem Entschluss, mich nach Ende meiner Ausbildung selbstständig zu machen, sodass ich selbst entscheiden kann, welche Aufträge ich machen möchte. Ich kann also bewusst in den Bereichen etwas ändern, in denen gerade etwas schiefläuft. Dann fällt es auch leichter, nicht mehr zu jammern. 


Gerechtigkeit

"Noch 17 Femizide, dann ist Weihnachten" – warum junge Aktivistinnen düstere Botschaften plakatieren
Wir haben mit der Initiatorin von Femplak_Berlin gesprochen

In Deutschland wird alle drei Tage eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet. Häufig ist dann von einem Familiendrama oder einer Eifersuchtstragödie die Rede. Feministinnen kritisieren diese Bezeichnung: Sie verschleiere, dass es nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem geht.

In Frankreich und Italien gab es Ende November große Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen (SPIEGEL). Camille (23), die in Berlin lebt und eigentlich anders heißt, will dem Thema auch hier mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Bei einem Besuch in ihrer Heimat, Frankreich, entdeckte sie eine kleine Bewegung von jungen Frauen, die nachts durch die Städte ziehen und Sprüche über Gewalt gegen Frauen plakatieren. Heute sagt sie: "Für mich war das sehr empowernd. Ich war um zwei zu Hause und konnte nicht schlafen, weil ich voller Adrenalin war. Ich habe direkt meinen Freundinnen in Berlin geschrieben: Wir müssen das auch machen, ihr würdet es lieben."

Das war der Anfang von @femplak_berlin, einer Gruppe von etwa 25 jungen Menschen. Seit Oktober plakatieren Slogans wie "Noch 18 Femizide, dann ist Weihnachten" oder "Man(n) tötet nicht aus Liebe". Wir haben Camille gefragt, was Frankreich Deutschland voraus hat, ob plakatieren wirklich die beste Art ist, auf das Problem aufmerksam zu machen - und ob sie eigentlich nur Spaß am Verbotenen haben.

bento: Camille, welche Reaktionen erhofft ihr euch auf eure Plakate?

Camille: Dass Leute sich Zeit nehmen, um zu überlegen: Vielleicht kenne ich selbst Frauen, die Gewalt vom Partner oder Expartner erfahren haben. Vielleicht habe ich auch schon mal blöde Sachen gesagt. Vielleicht sollte ich mich fragen, warum 2018 122 Frauen in Deutschland getötet wurden. Am besten wäre es, wenn sie unsere Plakate sehen und dann anfangen zu googeln, sich zu informieren.