Was bringen Bewertungen auf dem Ärzte-Portal?

Wenn dir das Fieber kochend heiß durch die Venen schießt, dann kannst und willst du gar nichts mehr. Nur liegen, bedient werden. Bitte, bring mir Wasser! Schnell, schaff Schmerztabletten ran!

Neulich war das bei mir so. Fünf Tage 38,7 Grad Fieber, dicke Mandeln, Husten. Nach den ersten zwölf Stunden in diesem Zustand robbte ich erschöpft zu meinem Handy am anderen Ende des Bettes. Ich brauchte einen Arzt.

Aber wie einen finden? In einer Stadt, in der ich noch nicht allzu lange lebe? In der ich noch nie ernsthaft krank war?

Das Bewertungsportal "Jameda" verspricht, zu helfen. Es beherbergt nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Einträge, in denen Menschen von ihrem letzten Arztbesuch berichten, damit sich andere im Vorhinein eine Meinung bilden können. 275.000 Ärzte aus Deutschland wurden dort schon bewertet, mit Noten von 1 bis 6.

Die "Jameda"-Seite(Bild: Screenshot)

Auch ich begann hier meine Suche und scrollte mich durch Erlebnisse und Erkenntnisse.

Mein Kopf pochte, die Nase lief, aber die Beschreibungen ließen mich nicht los. Dort draußen hatten Menschen Irres durchgemacht. Note 1 bis 3: langweilig. Die abgefahrenen Erfahrungen begannen ab einer 4. Von Hamburg klickte ich mich nach Berlin, Köln, Hannover. Überall fand ich angeblich ehrliche Geschichten von Menschen.

Ich klickte und klickte, jeder Fall war härter und unvorstellbarer als der vorherige:
"Dieser Arzt ist das Letzte, genauso wie die Arzthelferin. Wird beleidigend am Telefon, nach OP kein Glas Wasser bekommen, musste mich auch selber anziehen und ein Stück zur Liege alleine laufen." (Note: 6,0)
"Ich sagte, dass ich am Toilettenpapier Blut gesehen hatte. Ich sollte Penatencreme nehmen. Es war ihrem Gesichtsausdruck anzusehen, dass sie mich hasste." (Note: 5,8)
"Wer Lust hat, mit Durchfall zwei Stunden im Wartezimmer zu sitzen, sollte dahin gehen. Musste mehrere Male raus, um mich zu übergeben. Das ist keine Art." (Note: 4,6)
"Jedesmal fing ich mit dem Satz an: 'Ich fühle mich als wäre ich in den Wechseljahren'. Jedesmal war seine Antwort: 'Das kann nicht sein, Sie sind dafür zu jung.' Keuschlammfrüchte sollten die Lösung für alles sein." (Note: 5,8)
"Sein Spruch hat sich in meine Seele eingebrannt. Er fragte mich nach meinem aktuellen Gewicht. Er begründete diese Frage dann mit der Feststellung, sein gynäkologischer Stuhl sei nur bis 120 kg belastbar und er wolle nicht, dass er kaputt gehe." (Note: 4,8)
"Dieser Arzt hält eine ernsthafte Erkrankung der Haut für pubertäres Verhalten. Er wird beleidigend und lässt einen nicht ausreden." (Note: 5,8)
"Behandelt Kassenpatienten wie Menschen zweiter Klasse." (Note: 5,8)
"Auf die Frage, wie ich bei dem viralen Halsinfekt besser essen und trinken könne, bekam ich die barsche Antwort: 'Sie können essen, was Sie wollen, Sie müssen es nur nur runter kriegen.' Auf die Frage wie lange die Infektion ungefähr dauern würde, hieß es: 'Das steht da nicht dran.'" (Note: 5,0)
"Wie unangenehm eine Magenspiegelung ist, wurde unter den Teppich gekehrt. Weder wurde gesagt, dass es nötig ist, ein Mundstück um den Kopf geschnallt zu bekommen, noch, dass für die Untersuchung das Licht ausgeschaltet wird." (Note: 5,0)
"Nach postalischem Hinweis auf die langen Wartezeiten wird das Kind beim Termin herein gebeten und von drei Erwachsenen beschimpft und rausgeworfen." (Note: 5,6)
"Im Flur, in einer Nische, werden Sedierungsspritzen gesetzt. Hierzu wird nicht einmal der extra angebrachte Vorhang vorgezogen." (Note: 5,0)
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Sicher, nicht jeder dieser Einträge muss stimmen. Manche Vorwürfe klingen herausposaunt, nicht durchdacht.

Doch gerade die heftigen Emotionen, die den Einträgen zugrundeliegen, fesselten mich. Manche Beschreibungen lesen sich wie Horror-Märchen mit Spannungsbogen und Finale, andere wie Tagebucheinträge von Verzweifelten. Wer will schon einen Arzt ausprobieren, der nur Sechsen hat?

Es ist auch ein voyeuristisches Bedürfnis, das das Portal befriedigt – und das Können der Ärzte durchaus untergräbt.

Die, die hier schreiben, hauen denen, von denen sie sich schlecht behandelt fühlen, eine rein. Direkte Reaktionen durch Ärzte sind möglich, aber kaum zu finden. Dem Verfasser eines Eintrages kann man anonym eine Frage stellen – und Ärzte können Bewertungen melden, die das Unternehmen dann prüft. Aber sonst.

Wer will schon einen Arzt ausprobieren, der nur Sechsen hat?

Eine ganze Stunde verlor ich mich in den Geschichten. Dann fiel meine Wahl auf eine Allgemeinmedizinerin mit einer Praxis direkt in meiner Nachbarschaft. Bewertungsdurchschnitt: 2. Ich schleppte mich hin, noch halb im Schlafanzug.

Die Behandlung hätte angenehmer ausfallen können. Die Frau wirkte müde und gestresst, als könnte sie ihre Empfehlung, ich müsse viel trinken, schon selbst nicht mehr hören. Zwei meiner Fragen beantwortete sie nicht, beim Abhören der Brust wirkte sie desinteressiert. Einmal fragte sie gereizt: "Hören Sie mir eigentlich zu?" Frech. Und unbefriedigend.

Jetzt ein Arzt! Aber welchen?(Bild: Pixabay)

In meinem angeschlagenen Zustand fühlte ich mich nun noch ein wenig schlechter. Wieder zu Hause griff ich verärgert zum Handy. Diese Praxis und gut? Das musste ich ändern.

Ich schrieb einen Text und verteilte Noten. Behandlung: 3,8. Freundlichkeit: 5. Meinen Eintrag musste ich per E-Mail bestätigen und freigeben.

Doch als die E-Mail kam, zögerte ich.

Sollten wir die Sache persönlich klären?

Denn so wohltuend es sein kann, sich online zu empören: Wie geht es den Angeklagten, wenn sie das lesen?

Und wenn die Ärzte unter Schweigepflicht stehen, stehen wir es dann nicht auch – und sollten die Sache persönlich klären? Geht das überhaupt, so von Patient zu Experte?

Bestätigt habe ich die Mail bis heute nicht. Stattdessen überlege ich, ob ich der Frau eine zweite Chance gebe und wie ich ihr sachlich sagen könnte, was ich von ihrem Behandlungsstil halte. Vielleicht ja bei der nächsten Grippe.

Und du?

Gerechtigkeit

Wie viel Assad steckt in Donald Trump?

Kann man den gewählten Präsidenten der USA mit einem Diktator vergleichen, der seit sechs Jahren Krieg im eigenen Land führt? Kann man die Aussagen Donald Trumps denen von Baschar al-Assad gegenüberstellen? Der britische Extremismusforscher Shiraz Maher hat genau das in einem Tweet getan: