Wer schreibt

Pola ist 27 Jahre alt, aus Frankfurt am Main, und hat vergangenes Jahr drei Monate in Israel verbracht. Sie ist durchs Land gereist und hat bei einem internationalen Fernsehsender gearbeitet.

Lili macht das Geräusch von einer Pistole nach und hält ihre Hände wie eine Waffe. "Pschiuuu Pschiuuu." Ich habe sie gefragt, was sie genau gemacht hat beim israelischen Militär. Sie war beim Grenzschutz im Westjordanland, bei der Militärpolizei.

"Hast du mal auf jemanden geschossen?", frage ich und hoffe, dass sie nein sagt. Stattdessen: Stille. Lili will nicht darüber reden.

Solche Gespräche habe ich in den WGs, in denen ich in Frankfurt, Köln und Karlsruhe gelebt habe, nicht geführt. Aber jetzt lebe und arbeite ich in Tel Aviv. In Israel, einem Land, in dem Männer und Frauen zum Militär müssen, in dem der Konflikt zwischen Arabern und Israelis zum Alltag junger Menschen gehört.

Lili (r.) und Katja (l.)

Lili, Katja und ich sind 27 Jahre alt. Von unserem WG-Balkon aus können wir das Meer sehen, Palmen, und den Strand. Von meinem Balkon in Frankfurt habe ich auf Güterzüge und ein Eintracht-Frankfurt-Graffiti geschaut.

Lili und Katja haben mit 17 Jahren ihre Heimat verlassen, Lili kommt aus Russland, Katja aus der Ukraine. Ganz alleine sind sie nach Israel ausgewandert, haben mehrere Jahre Wehrdienst gemacht.

Weiße Anführungszeichen
Einmal zeigte Lili mir lachend eine Handvoll Munition, die sie in ihrem WG-Zimmer liegen hat.

Lili ist Jüdin und Zionistin – sie ist ursprünglich nur gekommen, um den Wehrdienst im jüdischen Staat zu leisten. Und dann hat sie sich so wohl gefühlt, dass sie geblieben ist.

Katja ist damit aufgewachsen, dass man als Jüdin einfach irgendwann nach Israel zieht: "Ich hatte nicht das Gefühl, in ein fremdes Land zu kommen." Es sei eher wie nach Hause kommen gewesen. Weil sie minderjährig war, als sie Aliyah gemacht hat – so heißt das, wenn man als Jüdin nach Israel einwandert – war sie verpflichtet, zum Militär zu gehen.

Weit weg von dem also, womit ich mich mit 17 so beschäftigt habe: Ich hatte keinen Bock auf Hausaufgaben, war genervt von meinen Eltern, die wollten, dass ich mich um einen Studienplatz kümmere, und hatte kein Geld für den neuen Mac-Lippenstift.

"The struggle is real", dachte ich damals. "Wie unreif", denke ich jetzt.

In der Slideshow kannst du dir anschauen, wie schön Israel und das Westjordanland sind:
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Krieg, Armee und Wehrdienst sind in Israel ständig präsent. Wenn ich nach Jerusalem fahre, sitzen neben mir im Bus jede Menge Soldaten und Soldatinnen in Uniform. Sie sind so um die 20 Jahre alt und haben große Waffen dabei. Die Gewehrläufe klappern am Boden, wenn wir über die unebenen Straßen fahren.

Immer wieder gibt es Momente, in denen ich merke, dass der Lebensalltag unterschiedlich ist. Einmal zeigte Lili mir lachend eine Handvoll Munition, die sie in ihrem WG-Zimmer liegen hat. Meine Freundin Shiran erzählte, wie sie als Panzerfahrerin im Libanonkrieg war.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern

Um den Gazastreifen und das Westjordanland gibt es zwischen Palästinensern und den Israelis immer wieder heftige Kämpfe. In den vergangenen Jahren häuften sich die Anschläge palästinensischer Aktivisten. Und immer wieder töten israelische Sicherheitskräfte Palästinenser nach Angriffen und Protesten.

Viele Politiker plädieren für eine Zweistaaten-Lösung, dabei wird in der Regel von den Grenzen von 1967 gesprochen. Dieser Bereich reicht für das Westjordanland nördlich von Jenin bis kurz vor Beer Scheva und würde Jerusalem teilen. Ein palästinensischer Staat würde außerdem den Gaza-Streifen beinhalten.

Die Uno betrachtet alle jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten als Verstoß gegen das Völkerrecht.

Mehr als 1700 Terrorattentate (Israel Nachrichten) gab es im vergangenen Jahr in Israel. Ständig habe ich Eilmeldungen auf dem Handy: ein versuchter Anschlag hier, eine aufgeflogene Terrorzelle dort.

Das Land ist umgeben von Feinden und Konflikten – und trotzdem habe ich die Israelis als ausgesprochen fröhliche Leute kennengelernt. Sie lachen ständig und haben ganz schön viel Humor.

Schwarzen Humor.

"Deutsch ist ’ne schöne Sprache" sagt Shiran zu mir. "Ihr habt schöne Wörter. Hitler zum Beispiel." Ich habe einen Kloß im Hals. Shiran kriegt sich nicht mehr ein. "Du musst dir keine Sorgen machen, meine Familie war nicht im Holocaust", scherzt sie. Dieser Humor ist mir fremd, ich kann über so etwas nicht lachen, weil ich das Gefühl habe, Opfer zu verhöhnen.

Vieles ist hier anders.

Beim Job zum Beispiel. In der Fernsehredaktion, in der ich arbeite, habe ich keinen Arbeitsplatz. Ich quetsche mich zwischen zwei Leute, die Beine an einen Schubladen-Rollcontainer gedrückt, mit meinem privaten Laptop auf dem Schoss. Nach einer Woche hatte ich das Gefühl, ein Bandscheibenvorfall ist ein Opfer, das ich hier wohl bringen muss.

Denn die Israelis finden es gar nicht schlimm, wenn man einen Konflikt laut austrägt.

Es ist lauter hier, die Menschen sind direkter und häufig unhöflich. Der Taxifahrer fährt Schritttempo, obwohl ich dringend zu einem Termin muss und schreit mich dann an, als ich sage, dass ich an der nächsten Ampel aussteigen will. Wenn ich einkaufen gehe, drängeln sich alle Leute vor. Da musste ich erst mal lernen, mich durchzusetzen.

Ich habe das ausprobiert. Einfach mal laut werden. Ungewohnt. Aber irgendwie auch gut. Denn viele Israelis finden es gar nicht schlimm, wenn man einen Konflikt laut austrägt. Es geht ihnen um die Sache, nicht darum, jemanden zu verletzen. Und sie diskutieren wirklich viel, gerne und über alles.

Letztens war ich mit ein paar Mädels essen. Meine Freundin Shiran hat Schnitzel bestellt, panierte Hähnchenbrust. Shiran fand die Kruste nicht knusprig genug, das Fleisch zu fettig: "Ich will das nicht essen, wie könnt ihr dieses Schnitzel so machen, das müsst ihr neu machen", pöbelte sie den Kellner an.

Mir war das peinlich, ich bin in meinem Stuhl zusammengesunken. Der Kellner fand Shirans Aufstand aber voll okay und hat ihr ein Neues gebracht. Anschließend gab es für alle eine Runde Anisschnaps aufs Haus.

Wir sind nach dem Schnitzel vor die Tür gegangen, Lili, Katja und Shiran rauchen gefühlt drei Schachteln Kippen am Tag. Das Dessert war schon fertig, also hat der Kellner es uns raus vor die Tür gebracht. Wir kamen mit zwei anderen Gästen ins Gespräch – mit Fremden.

Und dann durften diese Fremden wie selbstverständlich von unserem Dessert probieren. Ich hätte am liebsten den Teller weggezogen. Zu Hause teile ich meinen Nachtisch nicht mal mit meinem Freund.

Aber das passiert mir hier oft, diesen deutschen Argwohn unbekannten Menschen gegenüber gibt es hier nicht. So läuft das hier: unkonventionell, unkompliziert.

Genauso läuft es in unserer WG – so was wie Kühlschrankfächer und Putzplan gibt es gar nicht erst. Davon war ich erst gar nicht begeistert – aber es klappt total gut. Geputzt wird, wenn WG-Mama Katja das sagt. Dann helfen alle und die Wohnung ist sauberer als die meisten WGs, die ich in Deutschland gesehen habe.

Lili kümmert sich um alle Rechnungen und sammelt von uns das Geld für die Nebenkosten in bar ein. Nach ein paar Wochen habe ich meinen Platz an der Spüle gefunden – das scheint jetzt also meine Aufgabe zu sein. Katja wäscht von allen die Wäsche, ich muss sie einfach hinlegen. Am Anfang war das komisch, sie ist ja nicht meine Mama. Aber die WG funktioniert wie eine kleine Familie. Und wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich sie sehr vermissen.

Natürlich vermisse ich es nicht, wenn nicht mehr ständig Soldaten an mir vorbei laufen. Jeder Mensch, der in Frieden leben kann, ist schließlich froh darüber.

Aber ich habe mich daran gewöhnt, dass hier ein Konflikt herrscht, der noch nicht gelöst ist. Ich habe gemerkt, dass Soldaten in Israel bei weitem nicht so bedrohlich wirken wie bei uns. Ich würde mir natürlich wünschen, dass meine Freundinnen mir keine Geschichten aus dem Krieg erzählen würden – einfach, weil sie endlich in Frieden leben können.


Die Siedlerin. Warum eine deutsche Jüdin im Westjordanland lebt. Wir haben sie getroffen:

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Retro

Für mehr Weltfrieden: Die "Kelly Family" kündigt ein neues Album an

2017 wirkt in seinen ersten Wochen bislang so, als wolle es 2016 in Sachen Düsternis locker übertrumpen. Bis jetzt. Denn jetzt kehrt eine Band zurück, sie sich all der Wut entgegenstellt: Die "Kelly Family" wird 2017 ein neues Album herausbringen. Die Neunziger sind zurück.

Das Album soll "We Got Love" heißen und kommst schon in zwei Monaten, also Mitte März, heraus. Das kündigten die Kellys auf Facebook an. Bereits Anfang November hatte die Band bekannt gegeben, wieder für mehrere Live-Konzerte zusammenzukommen (bento).