Eine Firma will mir Produkte für meine "Vagiküre" verkaufen.

Ich bin Beauty-Nerd. Das fing an, als ich 12 war und meine müden Augen vor dem Unterricht mit tiefschwarzem Kajal umrandete und meine Unreinheiten unter einer Puderschicht versteckte. Ich wollte älter aussehen oder wenigstens anders. Heute mache ich mich morgens nicht mehr "zurecht", weil ich schön sein will – sondern weil ich mich wohl fühlen möchte.

Der Gebrauch von Schönheits- und Pflegeprodukten ist für mich ein Ritual. Ich genieße die Zeit. Kann jeden Morgen neu bestimmen, wer ich bin - das hat etwas Eskapistisches.

Ich bin aber auch Feministin. Und hier wird es für viele unglaubwürdig. Wie soll das gehen? Regelmäßig wird mir "kognitive Dissonanz" attestiert. Also: auf den ersten Blick unvereinbare Überzeugungen.

Und einfach ist es wirklich nicht, beides zu vereinen. Das habe ich gerade wieder gemerkt, als ich auf der Seite meines Lieblingsshops durch die neuen Angebote scrollte.

Dazu muss man wissen: Ich verfolge die News der Beauty-Welt wie Aktionärinnen den DAX.

Mir fiel dabei eine neue Pflegeserie auf: "The Perfect V." Die Umverpackung sieht edel aus, die Produkte sind teuer.

Ein Serum für 58€. Passend dazu gibt es Tuchmasken, ein Peeling, Feuchtigkeitspflege. Eine schimmernde Creme zum "Highlighten", ein Waschgel und sogar ein duftendes Erfrischungsspray. Alles wird mir in skandi-stylischem Design angeboten. Genau mein Ding, dachte ich und klickte darauf.

Und merkte: Das V steht nicht für Voldemort oder Vendetta – sondern für Vulva.

Die Firma schreibt stattdessen "V-Area", aber es wird klar, wovon die Rede ist. Pflege- und Beautyprodukte für den Intimbereich, diskret in Hochglanz vermarktet. Im Werbespot erklärt mir eine Frau, dass eine "Vagiküre" nur die logische Fortsetzung von Mani- und Pediküre sei.

Malerische Piano-Klänge unterlegen das Video. Schauspielerin ist die 26-jährige Bloggerin Mathilde Goehler.

Hat "The Perfect V" vielleicht Recht? Kümmern wir uns um alle anderen Körperteile – nur nicht um unsere Vulven? Sind wir wirklich so schlechte Feministinnen und Feministen?

Denn die Enttabuisierung der Vulva und ein selbstbewusster Umgang mit ihr sind zentrale Ziele des modernen Feminismus. Die Gründerin von "The Perfect V" betont in Interviews sogar, dass all unsere Vulven perfekt seien. Auf der Produktwebseite heißt es:

Es ist pure, sanft verwöhnende Liebe für deine "V".

In Deutschland ist die Serie in Parfümerien erhältlich. Vogue, Cosmopolitan, Elle – alle großen US-Beauty-Zeitschriften hypen die Pflegeserie und die "Vagiküre"-Idee. Und selbst Feministin Emma Watson hat zugegeben, ihre Vulva-Haare mit Öl zu behandeln. ("Into The Gloss")

Aber "The Perfect V" ist eben auch darauf ausgelegt, dass wir unsere Vulven optisch und olfaktorisch weiter perfektionieren. Und im Werbevideo kommt das biologisch korrekte Wort "Vulva" nicht einmal vor. Immer ist nur verschämt von der "V-Area" die Rede.

Intimpflege ist natürlich nicht neu. Zwischen Damenbinden und Kondomen führen Drogerien schon lange Intim-Waschlotionen und Pflege-Schaum. Es gibt medizinische Intimpflegeserien von "SebaMed", "Eucerin" und "Nivea". Alle sind in neutrale, weiße Flaschen gefüllt. Sie versprechen nicht Luxus und Feminismus – sondern maximal einen neutralen pH-Wert.

Aber die Vulva-Pflegeserie bestärkt mich nicht – sie beschämt mich.

Feministinnen aus Generationen vor mir haben diesen Diskurs bereits geführt. Wir benutzen mit Scham konnotierte Begriffe wie "Schamlippen", "Schamhaare" oder "V-Area" und verbinden Wörter wie  "Fotze", "Pussy" oder "Muschi" mit Schwäche und Hässlichkeit. Das ist gefährlich – und das Gegenteil von Enttabuisierung.

Ich bin nicht naiv. Ich sehe das Problem an meinem Beauty-Konsum.

Ich sehe, wie mein Beauty-Konsum bestehende Schönheitsstandards verstärkt. Ich weiß, ich unterstütze eine Milliarden-Industrie, die davon profitiert, mir Unsicherheiten einzureden.

Es geht niemandem um mein "Wohlbefinden", wie es in den Produkt-Spots oft heißt. Den Konzernen ist es egal, ob ich heute genug "me-time" hatte, es schaffe, meine Grenzen im Job abzustecken oder meine Oma angerufen habe.

Warum ich dann Intimpflege boykottiere – aber Gesichtspflege nicht?

Es hat lange gedauert, bis ich mich für meine damals unreine Haut nicht mehr vollends geschämt habe. Ich kann heute auch mal ungeschminkt das Haus verlassen und mich trotzdem schön und wertvoll fühlen. Aber das war mit viel Arbeit verbunden. Meine Beauty-Leidenschaft entstand aus Scham und Not.

Ich glaube, anderen geht das genauso. Wer jetzt anfängt, eine Vagiküre in seine täglich Pflege zu integrieren, tut das eher aus Verunsicherung, nicht aus Empowerment. Ich würde trotzdem niemanden verurteilen, der für eine softe und glitzernde Vulva nach "The Perfect V" greift.

Denn Schamgefühle sind die schlimmsten Influencerinnen. Auch andere Werbung funktioniert so: In einer wichtigen Situation bekommst du einen Schweißausbruch. Deine Selbstsicherheit lässt dich zwar im Stich – dein Deo nicht.

Aber Self-Care bedeutet für mich, eine wertschätzende Beziehung zu Körper und Psyche aufzubauen. Ich hinterfrage meinen Beauty-Spleen. Warum zum Beispiel denke ich als 23-Jährige schon über Anti-Aging nach?

Für mich ist eine perfekte Vulva einfach enttabuisiert – nicht parfürmiert.

Im besten Fall ist sie frei von Perfektionsdruck und in den pH-Wert eingreifenden Tensiden. Auf Waschgel kann ich laut meiner Frauenärztin nämlich auch locker verzichten, denn die Vulva reinigt sich von selbst. Und ansonsten: Wasser und Hände. That’s it.


Gerechtigkeit

Ja zu Uploadfiltern! Nein zu Uploadfiltern! Warum man die SPD vor der Europawahl abschreiben kann

Man kann es gut meinen mit der SPD. Man kann sie einordnen und verstehen wollen. Alte Partei, schwieriges Thema. Stabilität geht vor. Erst das Land, dann die Partei.

Man sieht das Hin und Her um das Urheberrechtsreform und ist froh, dass wenigstens Katarina Barley am Ende doch noch erkannt hat, dass Uploadfilter das freie Netz bedrohen. 

Und dann stellt sich heraus: Alles Verständnis war umsonst. 

Die Sozialdemokraten sorgen in der Bundesregierung dafür, dass die umstrittene europäische Urheberrechtsform kommt – inklusive Artikel 13 (der jetzt Artikel 17 heißt) und vermutlich ohne wirksamen Schutz vor Uploadfiltern.

Das empört viele. Am Donnerstagabend wurde der wütende Hashtag #NieWiederSPD auf Twitter öfter erwähnt als das GNTM-Casting von Heidi Klum.

Dass Wut und Enttäuschung so groß sind, liegt vor allem an SPD-Justizministerin Katarina Barley, die auch Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der Europawahl im Mai ist.

Barley hatte am Donnerstag angekündigt, dem Rest der Bundesregierung eine Zustimmung zur Urheberrechtsreform vorzuschlagen. Weil das Thema in ihren Aufgabenbereich fällt, ist ihre Empfehlung entscheidend für das endgültige Votum (SPIEGEL). Die deutsche Regierung muss erst im Europäischen Rat zustimmen, damit die Reform kommen kann. Vor wenigen Tagen hatte bereits das Europäische Parlament dafür gestimmt – damals noch gegen die Stimmen der SPD-Abgeordneten.

Juso-Chef Kevin Kühnert twitterte: