Bild: Helena Heinecker

"Männlich" oder "weiblich": In diese beiden Kategorien unterteilte sich unsere Gesellschaft bisher – in jedem Formular, in jeder Werbung, an jeder Toilette. Für intergeschlechtliche Menschen war das ein Zwiespalt: Sind sie nun beides? Keines von beidem? Oder liegen sie irgendwo dazwischen? 

Seit Beginn dieses Jahres können Intersexuelle ihr Geschlecht im Personenstandsregister als "divers" eintragen lassen. Lynn, 35, ist intergeschlechtlich und hat das sogenannte dritte Geschlecht schon im Pass stehen.

Was ist Intersexualität?

Intersexuelle Menschen weisen von Geburt an Körpereigenschaften auf, die – etwa in ihren Chromosomen, Keimdrüsen, in ihrer Hormonproduktion oder der Körperform – nicht nur männlich oder nur weiblich ausgeprägt sind. (Verein Intersexueller Menschen)

Bereits seit 2013 war es möglich, den Geschlechtseintrag streichen zu lassen. Das hatte auch Lynn schon getan. Eine eigene Option für Intersexuelle gab es aber noch nicht.

Betroffene zogen deshalb bis vor das Verfassungsgericht – das ihnen 2017 Recht gab: Es verstoße gegen das Persönlichkeitsrecht von intergeschlechtlichen Menschen, wenn es für sie keine positive Bezeichnung im Personenstand gebe. Bis Ende 2018 musste der Gesetzgeber eine solche Regelung einführen (bento).

Seit Beginn des Jahres gibt es nun vier Möglichkeiten, sein Geschlecht anzugeben: "männlich", "weiblich", "divers" oder keinen Eintrag.

Wie sich das angefühlt hat, erzählt Lynn hier:

Am ersten Werktag im neuen Jahr ging ich aufs Standesamt und sagte: "So, hier bin ich. Ich bin Zwitter. Ich möchte gern das dritte Geschlecht."

Die waren natürlich erstmal komplett überfordert. Zumindest in meinem Bezirk kam ich wohl als Erstes. Ich glaube, die Mitarbeiterin hatte noch gar nicht von dem neuen Gesetz gehört. Sie hatte nicht mal einen Plan, was "intersexuell" heißt. Die Software des Standesamts auch nicht. Also zog sich das wochenlang. Irgendwann rief mich die Mitarbeiterin an und verkündete ganz begeistert: "Jetzt geht es endlich!"

Als ich das Formular unterschrieb, musste ich erst einmal eine Träne wegdrücken. Es war ein unglaubliches Gefühl, endlich dazuzugehören. Endlich konnte ich auch meinen Namen ändern. Davor hatte ich einen eindeutigen Mädchennamen gehabt.

Damit fing aber die richtige Arbeit erst an. Man muss ja alles ändern lassen: Personalausweis, Geburtsurkunde, Krankenkasse… das ist doch Wahnsinn: Warum geht es eigentlich überall ums Geschlecht? Für die meisten Dinge im Alltag ist das doch gar nicht relevant. Aber in dieser Welt wird es schon zum Problem, wenn mein Internetanbieter mich als "Sehr geehrte Frau" anschreibt und dann am Telefon meine tiefe Stimme hört.

Für Lynn war es bis hierhin ein weiter Weg.

Lynn sagt, auf dem Schieberegler zwischen weiblich und männlich sei er ziemlich genau in der Mitte hängen geblieben. "Er" – dieses Pronomen bevorzugt Lynn. Weil es noch am ehesten zu ihm passe, wie er sagt. 

Als Lynn auf die Welt kam, hatte er Genitalien beider Geschlechter ausgebildet – einen Hoden und einen Eierstock, eine Gebärmutter und eine Prostata, eine Vagina und einen Penis. Die Diagnose: "Hermaphroditismus Verus", übersetzt: echter Zwitter.

Lynns Eltern wurde nach seiner Geburt gesagt, dass für ihr Kind ein erhöhtes Krebsrisiko bestehe. Deshalb wurden ihm Eierstock und Hoden entfernt, der Penis amputiert. Lynn sollte ein Mädchen sein, entschieden die Ärzte.

Warum ausgerechnet ein Mädchen? Gute Frage. Schon im Kindergarten spürte ich, dass ich mich so nicht fühlte. Mit den anderen Mädchen konnte ich mich einfach nicht identifizieren. Mit den Jungs schon eher, aber auch bei denen passte es nicht hundertprozentig.

Meine ganze Kindheit und Jugend sagte mir niemand, dass ich intergeschlechtlich bin.

Ich versuchte so sehr, ein gutes Mädchen zu sein. Eine Zeit lang rasierte ich mir die Beine. Das Schminken widerstrebte mir immer. Irgendwann gab ich es auf. Ich fühlte mich wie ein Alien. Wie ein Monster.

Alle drei Monate musste ich zu den Ärzten. Ich musste mich ausziehen, mich auf einen Tisch legen, und dann fingen die Ärzte an, an mir herumzufummeln. Ich verstand damals nicht, was mit mir gemacht wird. Bis heute weiß ich nicht, welche medizinische Relevanz diese Therapie haben sollte. Mein Eindruck ist: Es ging nie wirklich darum, mir zu helfen.

Mit acht Jahren wurde meine Pubertät eingeleitet, damit sie mit zehn anfangen und mit zwölf Ergebnisse zeigen sollte. Ich bekam hochdosiertes Östrogen verabreicht, jeden Tag musste ich etwa 20 Pillen nehmen – morgens, mittags, abends. Ich habe gebrochen, mir ging es so schlecht in dieser Zeit.

Lynn redet schneller, seine Stimme wird lauter. Als Kind so behandelt worden zu sein, sich immer für den eigenen Körper geschämt zu haben – das hat eine tiefe Wunde hinterlassen. "Für mich ist das vergleichbar mit einem sexuellen Übergriff", sagt er heute.

Wie wurden Intersexuelle behandelt?

In einer Studie des Deutschen Ethikrates aus dem Jahr 2012 gaben 80 Prozent der intersexuellen Befragten an, chirurgisch und hormonell behandelt worden zu sein (Deutscher Ethikrat).

Die in der Vergangenheit praktizierten Therapien hätten sich an dem damaligen Stand der Wissenschaft orientiert, sagt die Bundesärztekammer auf Anfrage. Trotzdem hätten sie heftige Kritik von Betroffenen auf sich gezogen, die über Stigmatisierung und Diskriminierung klagten, während sich ein anderer Teil der Betroffenen "mit ihrer Behandlung zufrieden" zeige.

2015 stellte die Bundesärztekammer klar, dass irreversible chirurgische Eingriffe "nicht mehr vor Einwilligungsfähigkeit des Kindes durchgeführt werden" sollten (Bundesärztekammer).

Als er 20 Jahre alt war, begab sich Lynn in psychotherapeutische Behandlung. 

Seine Therapeutin stieß in medizinischen Unterlagen auf die Diagnose nach seiner Geburt. Sie war diejenige, die es ihm sagte: Lynn ist intergeschlechtlich.

Das war erst mal ein Schock. Mir war bis dahin nicht bewusst, dass es Zwitter gibt.

Jeder Mensch möchte ja seine eigene Identität finden. Das ist die Hauptaufgabe im Leben: Dass wir verstehen wollen, wer wir sind. Mir wurden da ziemliche Hürden mitgegeben. Doch jetzt machte auf einmal alles einen Sinn. Jetzt verstand ich, warum ich mich immer so gefühlt hatte. Das war total schön.

Ich beschloss, mich nicht länger zu verstecken. Ich dachte: Ich muss mich doch entfalten können in dieser Gesellschaft! Und wenn sie das nicht hinbekommt, dann muss sie es lernen.

Als das Bundesverfassungsgericht dann im Jahr 2017 entschied, dass es eine dritte Geschlechtsoption geben müsse, da war das ein unglaubliches Gefühl. Diese "Wir-wären-gern-zwei-Geschlechter"-Gesellschaft hat so lange versucht, uns zu ignorieren. Uns für nicht existent zu erklären.

Als die Entscheidung fiel, fühlte ich mich unglaublich gesehen. Wow, wir hatten jetzt auch einen Platz in dieser Gesellschaft! Da konnte viel heilen in mir.

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Das neue Gesetz hat aber auch Kritiker. 

Einige stören sich am Begriff "divers", auch Lynn gefällt er nicht. Ein weiterer Kritikpunkt: Um seinen Personenstand ändern zu können, muss man eine ärztliche Diagnose vorlegen können. Dadurch werde Intergeschlechtlichkeit weiter als "Störung der Geschlechtsentwicklung" pathologisiert, kritisiert der Verband Intersexueller Menschen. Lynn hätte außerdem gern gesehen, wenn gleichzeitig ein Operationsverbot für intergeschlechtliche Kinder beschlossen worden wäre.

Bisher hält sich die Nachfrage nach dem dritten Geschlecht in Grenzen. Nur wenige haben sich bisher als divers eintragen lassen: Bis April gab es etwa in Köln sechs Anträge, in Nürnberg fünf, in Hamburg zwei (Queer.de).

Ich finde es total ignorant, wenn manche da jetzt schon schlussfolgern: Oh, anscheinend haben wir dieses Gesetz für drei Leute gemacht. Nur weil irgendjemand ein Gesetz erlässt, ist die Angst vor Diskriminierung doch nicht gleich gegessen.

Als es um die Umsetzung des Gesetzes ging, forderten manche schon: Lasst uns Geschlechtseinträge doch gleich ganz abschaffen. Ich dachte mir: Bitte nicht! Lasst uns das dritte Geschlecht ganz explizit ausformulieren.

Erst, wenn die Gesellschaft verdaut hat, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, dann können wir darüber reden, Geschlecht ganz wegzulassen. 


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