Im Interview erzählt sie, womit Menschen in ihrer neuen Heimat besonders oft kämpfen.

Sie sind unsere Nachbarn, Kolleginnen und Freunde: In Deutschland leben rund 10,9 Millionen Migrantinnen und Migranten (Destatis). Jede und jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte und manchen fiel die Ankunft in Deutschland nicht leicht. Eine fremde Sprache zu lernen und Kontakte zu knüpfen, kann immerhin schwierig sein. Trotzdem nehmen Migranten im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt seltener eine Therapie in Anspruch (Ärzteblatt).

Lena Pérez, 45, hat seit sechs Jahren eine Praxis für interkulturelle Psychotherapie in Berlin. 

Im Gespräch erzählt sie, welche Probleme Migranten häufig haben, und wie sie ihnen hilft, sich besser zurechtzufinden.

bento: Lena, was genau ist interkulturelle Psychotherapie?

Lena Pérez: Es geht darum, zu schauen, was es für ein Individuum bedeutet, Migrantin zu sein: Welche Herausforderungen oder Belastungen gibt es? Welche Hürden muss diese Person überwinden, damit er oder sie einen Platz in der Gesellschaft findet? 

Ich behandele vor allem Migranten – aber auch Deutsche, die Erfahrungen im Ausland hatten. Außerdem kommen Paare aus unterschiedlichen Kulturen zu mir, die merken, dass sie andere Vorstellungen haben, zum Beispiel von der Kindererziehung. Wir versuchen dann, einen gemeinsamen Weg zu finden.

bento: Warum gehen diese Leute nicht zu einer herkömmlichen Therapie?

Lena: Viele suchen gezielt nach Therapeuten, die die Fähigkeit haben, sich mit ihrer Kultur auseinanderzusetzen. Es ist sehr wichtig, ihre Perspektive einzunehmen, um ihnen helfen zu können.

bento: Hast du auch Klienten, die keinen festen Aufenthaltsstatus haben?

Lena: In meiner Privatpraxis nicht, aber ich arbeite auch bei einem Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Da gibt es Leute, die eine Aufenthaltsgestattung oder eine Duldung haben. In der Supervision arbeite ich auch mit Familien, die noch warten müssen, wie über sie entschieden wird. 

bento: Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu dir? 

Lena: Es geht viel um den Sinn des Lebens: Was mache ich hier? Wie gestalte ich mein Leben ab jetzt? Die Leute kommen mit Erwartungen und Vorstellungen nach Deutschland. Hier müssen sie sich dann neu orientieren. 

„Da wirkt es für sie manchmal so, als ob sie den roten Faden ihres Lebens verloren hätten. Sie stecken in einer Krise.“
Lena Pérez

Meine Klienten nehmen auch Elemente aus ihrer Kultur mit, beispielsweise Essgewohnheiten, die sich von den deutschen unterscheiden. So finden es manche Menschen aus Lateinamerika undenkbar, Kartoffeln zu essen. Einigen wird schlecht, sie erzählen von körperlichen Schmerzen. Andere sind an bestimmte Gewürze gewöhnt, die sie in Deutschland nicht bekommen. Dadurch fehlt ihnen ein gewisses Wohlbefinden.  

bento: Macht es dabei einen Unterschied, ob man freiwillig oder unfreiwillig auswandert?

Lena: Ja. Es ist etwas anderes, wenn man sich vorbereiten und verabschieden kann. Wenn man freiwillig kommt, gibt es eine Offenheit, eine Neugier. 

Ist der Migrationsprozess allerdings ungewollt, wie bei Geflüchteten, die in ihrem Heimatland bedroht werden, dann ist erst einmal alles neu. Diese Migranten trauern, weil sie alles hinter sich lassen mussten. Sie haben eine riesige Sehnsucht nach Dingen, die ihnen vertraut sind. Das Neue, das sie erleben, empfinden sie als fremd. Es ist ein schwieriger Prozess, bis sie es positiv erleben können. 

bento: Wie kannst du deinen Patientinnen und Patienten helfen?

Lena: Bei Paaren aus unterschiedlichen Kulturen geht es nicht darum, wer recht hat, sondern darum, ihre Konflikte zu überwinden. Vor allem, wenn Menschen der Liebe wegen nach Deutschland kommen, müssen sie ihre Individualität finden und lernen, mit den gegenseitigen Erwartungen umzugehen. Und sich gefühlsmäßig annähern, indem sie die andere Kultur besser kennenlernen. Ich helfe den Menschen auch, eine gemeinsame Sprache zu finden, weil sich jeder in der Muttersprache am wohlsten fühlt. 

Generell geht es oft um Sprache: Je besser man sie beherrscht, desto leichter kann man sich integrieren und positive Erfahrungen sammeln. Hobbys und ein soziales Umfeld zu finden, kann helfen.

bento: Können sich junge Leute leichter integrieren als ältere?

Lena: Nicht immer. Aber jüngere Menschen lernen schneller eine neue Sprache. Dadurch haben sie einen leichteren Zugang zu Bildung und Jobs. Ältere Personen bekommen weniger Unterstützung bei Umschulungen und lernen auch langsamer. 

bento: Berichten die Menschen dir auch von ihren Erfahrungen mit Rassismus?

Lena: Ja, viele kämpfen mit Vorurteilen am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Es gibt Leute, die hier zum ersten Mal Rassismus erleben, weil sie diese Erfahrung in ihrer Heimat nie gemacht haben. 

bento: Wie gehen sie damit um?

Lena: Viele suchen nach einer Nische, in der sie die eigene Identität und Religion behalten können. Manche machen weiter, als wären sie noch in ihrem Heimatland. Sie versuchen, ihre Werte und Traditionen weiter zu pflegen, um sich sicherer zu fühlen. 

bento: Spielt die Herkunft eine Rolle dabei, wie Situationen und Gefühle bewertet werden?

Lena: Je nach Kultur beschreiben Menschen ihre Gefühle anders. Die einen sagen beispielsweise, sie fühlen Trauer in ihrem Kopf, die anderen sagen, sie fühlen Schmerzen im Magen, wieder andere im Herzen. Da ist wichtig, zu verstehen, wie das gemeint ist, denn Trauer wird in unterschiedlichen Kulturen anders im Körper verortet. 

Auch der Umgang mit Gefühlen ist ein anderer. Manche würden beispielsweise einen Priester aufsuchen oder in bestimmten Kräutern baden. Wenn sie sich hier solche Unterstützung holen können, dann ermutige ich sie dazu – oder wir suchen nach Alternativen. So fühlen sich die Betroffenen verstanden und wieder handlungsfähig.


Gerechtigkeit

Inklusion im Alltag – So sorgst du mit für eine faire Gesellschaft

"Inklusion" – dieses Wort kennen viele vor allem im Zusammenhang mit Schule: Kinder mit und ohne Behinderung lernen hier zusammen. Inklusion ist irgendwie nicht Integration, sondern funktioniert anders. Auch das wissen viele. Aber wie genau sieht eine inklusive Gesellschaft eigentlich aus und was kann ich selbst dafür tun, dass sie gelingt?

Bei Inklusion geht es darum, alle Menschen als gleichwertig anzusehen und ihnen die gleichen Chancen und Möglichkeiten zu bieten. "Selbstverständlich!", denkst du jetzt vielleicht. Ist es aber leider noch nicht. Unsere Alltagswelt ist voller Barrieren und Ausgrenzung - Menschen mit Behinderung haben oft das Nachsehen. Wir haben ein paar Dinge für dich zusammengetragen, mit denen du helfen kannst, eine faire und inklusive Gesellschaft zu formen. 

Und was kann ich jetzt tun?

1.) Mind-Change: Denk mal anders

Vielleicht kennst du gar keine Menschen mit Behinderungen oder hast dich aus anderen Gründen noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt. Also, allerhöchste Eisenbahn. Wusstest du zum Beispiel, dass rund acht Millionen Menschen mit Schwerbehinderung in Deutschland leben? Das bedeutet, fast jeder zehnte Mensch hat eine Schwerbehinderung. So betrachtet wirkt es ziemlich bizarr, diese nicht einzubeziehen und teilhaben zu lassen.

Außerdem geht uns das Thema nicht nur alle an, weil gesellschaftliche Themen grundsätzlich jeden angehen. Sondern auch, weil du nicht weißt, ob du selbst oder deine Familienangehörigen einmal betroffen sein werden. Denn nur zwei bis vier Prozent aller Behinderungen sind angeboren, etwa ein Prozent entstehen durch einen Unfall und der mit Abstand größte Anteil wird durch eine Krankheit hervorgerufen, und zwar in mehr als 40 Prozent der Fälle noch im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65. Daher: Mach Inklusion zu deinem Thema.

2.) Behindere nicht zusätzlich

Ein abgesenkter Bordstein hat für einen Menschen ohne Behinderung kaum Bedeutung. Klar, wenn man mit dem Rad, mit dem Auto oder auch dem Kinderwagen unterwegs ist, sind sie schon praktisch. Aber wirklich angewiesen darauf sind die meisten nicht. Anders sieht es aus, wenn man zum Beispiel mit dem Rollstuhl oder einer Gehhilfe und zudem allein unterwegs ist. Daher ist es elementar für viele Menschen, dass diese Stellen nicht blockiert werden - zum Beispiel durch parkende Autos. Dich kostet es nur, ein weiteres Mal um den Block zu fahren, für deine Mitmenschen bedeutet es allerdings einen großen Einschnitt in ihre Freiheit. Und: Parke auch nicht nur mal ganz kurz auf dem Behindertenparkplatz, wenn er dir nicht zusteht. 

3.) Verständnis

Der Mensch vor dir an der Kasse braucht ewig, um seine Einkäufe in seinem Rollator zu verstauen? Zeig Verständnis für Menschen, die vielleicht einfach nicht schneller können. Nicht immer ist eine Behinderung offensichtlich. Auch ungefragtes Helfen ist eher unangebracht. Wenn du das Gefühl hast, dass jemand Hilfe gebrauchen könnte oder jemand sich sogar schon danach umsieht, frag nach, akzeptiere aber auch ein "Nein". Nur weil jemand etwas nicht schnell oder perfekt kann, nimmt es der Person nicht das Recht, es selbst zu erledigen.

Der erste Schritt zum Verstehen, ist Wissen aufzubauen. Das kannst du im Gespräch mit Menschen, die selbst betroffen sind, machen, du kannst aber auch im Internet viel darüber erfahren, indem du zum Beispiel dem Aktivisten Raul Krauthausen, YouTuberin Fabiana Kühl (Ypsilon), Performance-Künstlerin Kübra Sekin, Bloggerin Ninia LaGrande, Autorin Laura Gehlhaar, Comedian Tan Caglar oder jemand anderem in den sozialen Netzwerken folgst, der sich für Inklusion einsetzt. Und wenn du Lust hast, kannst du dein Wissen zu den täglichen Herausforderungen von Menschen mit Behinderung in diesem Quiz testen.

Zum Quiz

4.) Setze dich aktiv für eine inklusive Gesellschaft ein

Klar, es gibt eine Menge Dinge, die du nicht direkt beeinflussen kannst. Aber bei genauerem Hinsehen kannst du doch viel bewegen. Dein Stammcafé ist eigentlich schon recht barrierearm, aber es fehlt der letzte Schritt? Vielleicht kannst du das Personal für eine mobile Rampe oder eine Karte in Blindenschrift begeistern. Oder es ist vielleicht schon barrierefrei, kommuniziert das aber nicht auf der Website - ein kleiner Hinweise von dir könnte das ändern. 

Außerdem kannst du dich gegen strukturelle Diskriminierung – das sind zum Beispiel Barrieren im öffentlichen Raum oder bei der Mobilität – stark machen, indem du Petitionen unterschreibst oder in den direkten Dialog mit Verantwortlichen gehst, denn hier ist noch einiges an Arbeit zu tun. Die 29-jährige Performance-Künstlerin Kübra Sekin, die selbst im Rollstuhl sitzt, wünscht sich hier vor allem auch Solidarität von Menschen ohne Behinderung: „Gegen die Vorurteile zu arbeiten, ist dank der Sozialen Medien wie YouTube einfacher geworden, aber um strukturelle Diskriminierungen anzugehen, brauchen wir jede einzelne Stimme."

5.) Mach neue Erfahrungen, die auch dein Leben bereichern

Inklusion selbst mitzugestalten, macht Spaß und bereichert auch dein Leben. Komm in Kontakt mit Menschen, die dir neue Impulse geben und erweitere so deinen Horizont. Du lernst ganz neue Perspektiven kennen, die deine Sicht auf das Leben verändern können. Weniger Barrieren und mehr Toleranz nützen allen und machen das Zusammenleben in der Gesellschaft besser.