Bild: Glenn Carstens-Peters / Unsplash

Instagram hat den Ruf, oberflächlich zu sein, materialistisch und neiderzeugend. Doch zwischen Strandfotos und beworbenen Kosmetikprodukten tauchen dort nun immer mehr Schreibmaschinen auf. Aus ihnen ragen mit Zweizeilern beschriebene Zettel. 

Poeten haben Instagram für sich entdeckt und teilen ihre Werke mit Tausenden Followern. 

Unter dem Hashtag Instapoetry finden sich dort fast drei Millionen Beiträge, tippt man die deutsche Entsprechung Instalyrik ins Suchfeld ein, werden einem mehr als 6000 Treffer angezeigt. In Shakespears Heimat Großbritannien revolutionieren die Insta-Poeten mit ihren Gedichten derzeit sogar die Buchmärkte – doch warum sind die Gedichte auf Instagram so erfolgreich?

Eine der bekanntesten deutschsprachigen Poetinnen auf Instagam ist Clara Louise, 26 Jahre alt. Ihr folgen dort mehr als 166.000 Menschen. 

Unter ihrem Künstlernamen veröffentlicht Clara Louise auf Instagram Gedichte. Aufgewachsen ist sie in Lahnstein bei Koblenz, der Liebe wegen zog sie nach Österreich.

(Bild: Lohninger Anna Photography)

Sie hat mit etwa 13 Jahren begonnen, Gedichte zu verfassen: "Ich habe einfach alles niedergeschrieben, was mich belastet hat oder was in meinem Kopf vorgegangen ist", erzählt sie bento. Die Poetin schreibt meistens über Liebe – die zu anderen und die zu sich selbst. 

Die Gedichte haben mir dabei geholfen, mich selbst zu verstehen.
Clara Louise

Clara wollte die Gedanken nicht mehr nur für ihre heimische Schublade aufschreiben, also fing sie an, Ausschnitte auf Instagram zu veröffentlichen. Manchmal in Retrooptik auf der Schreibmaschine getippt, manchmal in verschnörkelter Handschrift. Es sollte ein Testlauf für einen Gedichtband sein. Die Likes und steigenden Followerzahlen gaben ihr recht: Als Clara anfing, lag sie bei gut tausend Followern, heute zählt sie 160 mal so viele.

Obwohl sie ihre Ideen lieber ins Handy tippt als zum Notizblock zu greifen und Verse in den sozialen Medien postet, will Clara nicht als Insta-Poetin bezeichnet werden.

"Ich verstehe nicht, was es für einen Unterschied macht, ob man etwas auf Instagram veröffentlicht oder nicht. Es ist nur ein Medium, wo man sich und das, was man macht, präsentieren kann. Es ist aber keine andere Form von Lyrik", sagt Clara Louise.

Literaturwissenschaftler Niels Penke ist anderer Meinung. Er arbeitet am Germanistischen Seminar der Universität Siegen und setzt sich unter anderem mit Popkultur auseinander. Seiner Ansicht nach zeichnen sich die Gedichte auf Instagram durch andere Charakteristika aus als konventionelle Lyrik. Während Gedichte der zeitgenössischen Lyrik oft irritieren und Fragen aufwerfen, könne dies auf Instagram nicht funktionieren, sagt Penke: "Hier geht es darum, nicht zu irritieren, sondern ohne große Voraussetzungen verständlich zu sein. Nicht formal komplex, sondern formal einfach."

Die Art des Mediums habe Auswirkungen darauf, was dort veröffentlicht wird, so der Wissenschaftler: "Der Erfolg der Instapoetry liegt vor allem darin, dass die Affordanzen des Mediums befolgt werden." Affordanzen sind Spielregeln und Funktionsweisen, die ein Medium mit sich bringt.

Das Formbewusstsein, ob man nun ein Sonett oder eine Ballade schreibt, spielt hier gar keine Rolle. Auf Instagram gilt es, sich möglichst kurz zu halten – es muss auf dem kleinen Bildschirm gut lesbar sein – und den Effekt zu provozieren, geliked, geteilt und kommentiert zu werden.
Niels Penke, Literaturwissenschaftler

Außerdem prägen sentenzenhafte Verse die Instalyrik, sagt Penke. Damit werden kurze und prägnante Zeilen beschrieben, die sich dem Leser ins Gedächtnis einbrennen. "Die Lyriker veröffentlichen auf Instagram Sätze, die man sich auch als Kalenderspruch vorstellen, auf ein T-Shirt drucken oder auf den Unterarm tätowieren lassen kann", sagt Penke.

Tatsächlich hat Clara schon oft Bilder von Tattoos ihrer Gedichte zugeschickt bekommen. 

Sie denkt, dass die Menschen sich aus einem Grund wieder mehr nach Poesie sehnen: "Dieses Bewusstsein dafür, dass Dinge sich verändern, dass wir an einem Maximum angekommen sind und es irgendwann nicht mehr weiter nach oben geht, ist vielleicht ein Grund dafür, warum die Leute sich wieder mehr mit sich selbst befassen anstatt mit allem, was um sie herum passiert."

Niels Penke sieht dabei eine Ähnlichkeit zum jungen Goethe des Sturm und Drangs.

Dessen Erlebnislyrik handelte ebenfalls von Erlebnissen und Empfindungen, die authentisch und glaubwürdig wirken sollten. "Von besonderen Erfahrungen authentisch zu schreiben, das hat immer schon in bestimmten lyrischen Traditionen eine Rolle gespielt", sagt Penke. Die jungen Lyriker heute würden in ihren Gedichten oft Stimmungslagen ihrer Generation aufgreifen – damit könnten sich die Nutzer identifzieren.

Der Gedichtband von Clara Louise liegt auf der Bestsellerliste von Amazon im Bereich Lyrik derzeit vor Rilke und Goethe, knapp hinter dem von Rupi Kaur.  

Verlegt hat sie das Buch mit dem Titel "Von verlassenen Träumen & einem leichteren Morgen" selbst, nachdem sie von mehreren Verlagen Absagen oder nicht einmal eine Antwort bekommen hatte. Am Ende ist es wohl deren Verlust, denn Clara hat inzwischen nach eigenen Angaben rund 20.000 Exemplare verkauft. Zum Vergleich: Bei vielen anderen Lyrikern, deren Gedichte nicht auf Instagram geteilt werden und die ihre Texte über einen Verlag in den Buchhandel bringen, spricht Niels Penken von vergleichsweise kleinen Auflagen – sie kämen selten über den vierstelligen Bereich hinaus.

"Ehe man ein Buch im Handel hat, ist es ein ganz schöner Akt", sagt Penke, "da braucht man Kontakte, Geld und muss sehr viel investieren, wenn man noch keinen Namen hat." Auf Instagram Inhalte zu veröffentlichten, sei einfacher. "Das gibt die Möglichkeit, relativ schnell ein großes Publikum zu finden, was man sich sonst über Jahre erarbeiten müsste."

Normalerweise bestimmen die Verlage als Gatekeeper darüber, welche Bücher im Handel landen, danach entscheiden Verkaufszahlen, wie lange sich ein Buch in den Regalen hält, sagt Penke. Dieser Prozess kehre sich durch Instagram nun manchmal um: "Jede Minute stimmen Menschen auf Instagram mit Likes über Inhalte ab. Wenn jemand hinreichend erfolgreich ist, dann findet irgendwann der Transfer in ein Buch statt." 

Doch so leicht das alles klingt: Das Veröffentlichen auf Instagram hat auch seine Schattenseiten. 

"Man veröffentlicht dort ja nicht einmal im Monat, sondern fast täglich", sagt Penke. "Die Frequenz ist so hoch, dass zu jeder Zeit eine Übersättigung, Ermüdung und Langeweile des Publikums droht." Außerdem seien Gefühle auch erschöpflich: Ein Poet könne nicht jahrelang dieselbe Emotion vermitteln, dadurch wirke er irgendwann unglaubwürdig.

Clara versucht, diesen Herausforderungen zu trotzen und bringt bald einen zweiten Gedichtband heraus. Nach den hohen Verkaufszahlen des Vorgängers hatte sie dieses Mal auch Angebote von Verlagen vorliegen. Sie hat sich dagegen entschieden und bleibt lieber unabhängig: "Ich möchte nicht so viel an dem verändern, was ich mache, weil es dann für mich keinen Sinn mehr ergibt."

Schon jetzt postet Clara Louise auf Instagram erste Auszüge aus dem neuen Buch – selbstverständlich in typischer Insta-Optik: verschnörkelte Schrift, zerknittertes Papier, frisch aus der Schreibmaschine. 



Future

Hilfe von der WG-Therapeutin: Wenn die Mitbewohner in der Prüfungsphase keine Ruhe lassen

Tabea* schreibt:
"Zurzeit ist mein Leben ziemlich stressig. Ich bin 21 Jahre alt und hole mein Abitur nach. Dafür wünsche ich mir ein ruhiges Arbeitsumfeld – meine WG ist aber kein guter Ort. Zuerst war hier alles super, jetzt haben wir aber zwei neue Mitbewohner, die sich weder an die Regeln, noch an den Putzplan halten. Die gesamte Wohnung ist von unten bis oben zugemüllt, schmutzig und es riecht sehr unangenehm. In der Küche haben sich schon viele Tiere angesammelt.