Bild: Ian dooley/Unsplash

Erst vor Kurzem teilte ich ein Foto von meinen Freundinnen und mir auf Instagram: Oberkörperfrei saßen wir am Strand, das Bild zeigte unsere Rücken. Mit ein paar Klicks konnten nicht nur meine Freundinnen sehen, wie ich im Bikini aussehe – auch mein Chef hat potentiell Zugriff auf mein Profil, denn es ist öffentlich. Mir ist bewusst, dass ich dadurch Risiken eingehe, dass ich viel, vielleicht zu viel, aus meinem Privatleben preisgebe – aber all das akzeptiere ich. Warum?

Während ich früher auf SchülerVZ weder Profilfoto veröffentlicht, noch meinen Klarnamen angegeben habe, lasse ich heute auf Instagram alle Hüllen der Privatsphäre fallen.

Ich gebe in meiner Profilbeschreibung an, wo ich wohne, wie alt ich bin und wo ich studiere. Ich teile in meiner Story live die intimsten Momente mit der Welt. Dabei vergesse ich oft, dass das Risiko von Datenmissbrauch hinter meinem Bildschirm lauert. Wenn wieder mal die Meldung von einem Datenleck auf meinem Handy aufpoppt, registriere ich sie, aber an meinem Umgang mit meinen persönlichen Infos und Fotos ändert das nichts. 

Dabei geht es noch um viel mehr als um mein Passwort, das andere in die Hände bekommen könnten (BR24). Mit den Daten von Social-Media-Nutzern sollen ganze Wahlen beeinflusst und entschieden worden sein (Spiegel Online). Meine Bilder kann außerdem jeder durch wenige Klicks herunterladen, verfremden und teilen – ohne dass ich davon etwas mitbekomme.

Beim Bewerben in der Medienbranche, in der ich arbeite, ist es oft Voraussetzung, einen Link zu den eigenen Kanälen auf Social Media mitzuschicken. 

Mein zukünftiger Arbeitgeber kann in meiner Instagram-Story also live mitverfolgen, wie ich mir am Wochenende einen Ouzo genehmige. Das ist mir bewusst. Warum also teile ich das trotzdem?

Die Datenlage dazu, wie viele Menschen Instagram nutzen, ist unübersichtlich. Instagram selbst teilte im September 2017 mit, dass 800 Millionen Personen die Plattform aktiv mindestens einmal im Monat nutzen, 500 Millionen sogar täglich (CNBC). Viele dieser Userinnen und User posten trotz der Risiken des Missbrauchs von Daten und Fotos ein Bild nach dem anderen. Lassen Kollegen, Freunde, Fremde hautnah an ihrem Privatleben teilhaben. So nah, wie sie es in ihrem "echten" Leben wahrscheinlich nie täten – im digitalen aber hingegen schon. 

Auch ich tue das. Mit Johanna Schäwel habe ich über mein Nutzungsverhalten gesprochen. Die 30-Jährige hat zur Sozial- und Medienpsychologie promoviert, nun forscht sie an der Universität Hohenheim in Stuttgart zum Thema Privatheit von Nutzern in sozialen Online-Netzwerken.

„Instagram bietet die Möglichkeit, eigene Erinnerungen und Fotos erstens sehr schön und zweitens manchmal auch stark optimiert darzustellen.“
Johanna Schäwel

Für unser Offenbaren bietet uns die Plattform sogar Belohnungen in Form von Likes und Kommentaren. Dies sei ein Grund, warum wir die Privatsphäre vernachlässigen, sagt Schäwel. Das Modell, das dahintersteckt, nennt sich Privacy Calculus: "Das besagt, dass wir die positiven Konsequenzen von Selbstoffenbarung auf sozialen Medien gegenüber den negativen Konsequenzen abwägen. Aber ganz oft ist es so, dass die negativen Seiten einfach verdrängt werden, weil wir danach streben, belohnt zu werden."

An meinem Geburtstag teilte ich in meiner Story, wie der Tischtennisball beim Beer-Pong gegen die Wand prallte und im Anschluss in meinem Becher landete. Die Reaktion ließ auf unseren erhöhten Alkoholpegel schließen – nicht nur meine Freunde konnten das sehen, sondern auch meine Kollegen, die mir auf Instagram folgen. Daran verschwendete ich in diesem Moment jedoch keinen Gedanken. Stattdessen erhoffte ich mir, dass mir die Gäste auf das Video der Party am nächsten Tag antworteten, wie viel Spaß sie hatten.

Es gibt Schranken, die will ich nicht überschreiten. 

Während ich in ein Album aus Papier auch das Foto geklebt hätte, das meinen Freund beim Pinkeln im Wald zeigt, würde ich so etwas nicht öffentlich posten. Und würde jemand Fremdes den Schnappschuss davon, wie mir beim Essen im Bett Spaghetti auf die nur halb bedeckte Brust plumpsten, zu Gesicht bekommen – ich würde mich schämen. 

Das, was ich mache, nennt sich Impression Management:

„Selbst, wenn es in der Realität manchmal ein bisschen anders und man nicht perfekt geschminkt ist, können wir auf den sozialen Medien trotzdem unser Idealselbst präsentieren – quasi so, wie wir gerne von anderen gesehen werden möchten.“
Johanna Schäwel

Ich gehorche damit den Regeln der Plattform: In der Insta-Welt wollen wir lobende Kommentare von uns bekannten und unbekannten Nutzern einheimsen, um unser Selbstbewusstsein aufzupolieren – denn Likes, Follower und Views sind das Geld dieser Welt. Deshalb poste ich nur die Bilder, auf denen ich möglichst gut aussehe oder offensichtlich Spaß mit Freunden habe. Ich gebe mich der oberflächlichen Insta-Welt hin, in der Beliebtheit, retouchierte Oberschenkel und langgezogene Silhouetten mehr zu zählen scheinen als die Liebe zum eigenen Körper. Und das, obwohl ich mir dessen bewusst bin, und meine Selbstzweifel dadurch steigen. 

Dahinter steckt der Wunsch nach Anerkennung, sagt Schäwel: "Wir Menschen sind soziale Wesen und es ist ganz wichtig, dass wir auch von externer Seite Bestätigung dafür bekommen, was wir tun. Wenn man zusätzlich von Fremden diese Anerkennung erfährt, bedeutet das noch mehr Wertschätzung."

Eine ehemalige Mitstudentin hat vor kurzem ihr Profil gelöscht und damit auch ihre mehr als Tausend Follower verloren. Sie wollte nicht mehr in einem gläsernen Haus sitzen, in das jeder Nutzer einen Blick werfen kann. Dadurch, dass sie stets unter Beobachtung stand, passte sie ihr Verhalten an: Sie wollte ihren Followern gefallen und deren Ansprüchen gerecht werden. Doch der gewünschten Perfektion konnte und wollte sie nicht nachkommen. 

Mich regte die Story, die sie auf Instagram als Abschied teilte, zum Nachdenken an.

Aufgrund der Mechanismen, die Johanna Schäwel mir erklärt hat, bin ich zwar immmer noch nicht so weit, Instagram zu löschen oder mein Profil auf privat statt öffentlich zu stellen. Ich schaffe es nicht, all die Erwartungen von Kommentaren, die das Ego pushen, abzulegen. Aber ich habe einen wichtigen Rat der Expertin umgesetzt:

„Im Hinterkopf haben, dass die anderen auch nicht perfekt sind, aber sich eigentlich nur nicht trauen, das zu zeigen: Das kann helfen.“
Johanna Schäwel

Ich bearbeite meine Bilder nun nicht mehr. Ich versuche nicht mehr daran zu denken, welches Bild am meisten Likes abstauben wird. Statt unter Alkoholeinwirkung Stories unmittelbar zu posten, reflektiere ich: Was teile ich da? Welche Auswirkungen könnte das haben?

Ich denke häufiger darüber nach, wer diese Bilder zu sehen bekommt – und ob ich ein paar davon nicht doch lieber in mein persönliches Fotoalbum sortiere. Schließlich geht manches meinen Chef und fremde Follower auch einfach nichts an. 



Grün

Brennender Regenwald: Kann man Umweltschutz und Landwirtschaft irgendwie versöhnen?

Der Regenwald im Amazonas brennt. Umweltforscher warnen, dass es hundert Jahre dauern könnte, bis sich der brasilianische Regenwald von dem Inferno erholt. (SPIEGEL ONLINE

Trotzdem hat der ultrarechte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro die Hilfen der G7-Staaten zurückgewiesen und ihnen eine "kolonialistische Mentalität" im Umgang mit der Krise vorgeworfen. (SPIEGEL ONLINE) Ursache der Brände ist Brandrodung, die von der Bevölkerung genutzt wird, um im Regenwald Platz für Felder zu machen. 

Aber warum wird im Amazonas gerodet? Was macht die Rodung mit dem Wald? Und woher kommt das schwierige Verhältnis der brasilianischen Regierung zum Umweltschutz?

Wir haben mit der Geoökologin Sophie von Fromm gesprochen. Die 26-Jährige hat im Amazonasgebiet zu Landnutzung geforscht (TU Bergakademie Freiberg). Heute ist sie Doktorandin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und untersucht, wie Kohlenstoff unter veränderten Klimabedingungen in Böden gespeichert wird.