Bild: Instagram/marenjolie

Maren steht in der Küche, jeder Handgriff wirkt ferngesteuert. Ihre Finger sind blau angelaufen – ihr Körper hat kaum noch Energie, um sich warm zu halten. Vor ihr steht die Küchenwaage, mit der sie alles abwiegt, was sie isst. Auch dann, wenn es bloß eine Himbeere ist. Ihre dürren Arme ragen unterm Pullover hervor, der lose an ihren knochigen Schultern hängt. Maren isst im Stehen. Sie hat gelesen, dass sie dann mehr Kalorien verbrennt. Nach der Mahlzeit läuft sie auf und ab. Zu extrem ist ihr Bewegungsdrang, aus Angst, zuzunehmen. 

Es ist eine Szene aus Marens Vergangenheit. Mit 15 erkrankte sie an Magersucht, ihr Alltag bestand aus Zwängen und Kontrolle. Die heute 19-Jährige ging schon immer offen mit ihrer Essstörung um – häufig startete sie Livestreams, in denen sie über ihre Krankheit sprach und in denen man ihr bei Szenen wie dieser zuschauen konnte. Anfangs wollte sie sich auf Instagram nur ein paar Ernährungstipps holen, bis sie auf die falschen Seiten stieß. Geblendet von den scheinbar perfekten Körpern scheinbar glücklicher Mädchen kopierte sie deren Essverhalten und rutschte in eine toxische Abwärtsspirale. 

Wenn bestimmte Postings bei Instagram zum Auslöser von Anorexie – also Magersucht – werden, gibt es dafür einen Namen: Instarexie. 

"Das ist aber eher ein Modebegriff und kein anerkanntes Krankheitsbild im Essstörungsbereich", sagt Shirley Hartlage, die junge Menschen mit Essstörungen bei Waage e.V., einem Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg, berät. 

Mit weltweit einer Milliarde Nutzer war Instagram nach WhatsApp das meistgenutzte soziale Netzwerk im Jahr 2018. Es hat einen enorm großen Einfluss – und das kann schnell gefährlich werden. 

"Instagram verändert unser inneres Bild und sagt uns, wie wir aussehen sollen: Wer schön und dünn ist, bekommt viele Likes", sagt Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin. 

Sie spricht von einem Schönheitsideal, das nie erreicht werden kann. Laut einer Studie führt die App zu einer Verzerrung des Verständnisses von "natürlich" und "real". Das eigene Aussehen wird als unzureichend empfunden. "Instagram kann bewirken, dass junge Nutzerinnen anfangen, ihren Körper perfektionieren und ihr Selbstwertgefühl aufwerten zu wollen", erklärt Expertin Hartlage. "Durch dieses Streben nach dem perfekten Körper kann sich eine noch größere Körperunzufriedenheit entwickeln, was widerrum auch ein Mitauslöser für eine Anorexie sein kann." 

Ich habe mich in meinem Körper total unwohl gefühlt. Als ich dann immer die Bilder von dünnen und schönen Mädchen sah, wollte ich auch einfach so aussehen wie sie – weil ich dachte, dass ich dann glücklicher bin.
Maren

Die Fotos haben Maren zur weiteren Gewichtsabnahme motiviert, sagt sie. Immer exzessiver habe sie sich mit ihrem Körper und ihrer Ernährung beschäftigt. Sie habe sich mit anderen Nutzern verglichen und angefangen, zwanghaft Sport zu treiben. 

Medienwissenschaftlerin Götz hat sich mit der Bedeutung von Instagram bei der Entwicklung von Essstörungen in einer noch unveröffentlichten Studie befasst. Sie hat dafür 143 Menschen befragt, die aktuell wegen einer Essstörung in Behandlung sind. "Die Betroffenen gaben an, dass Influencer ihre Krankheit beeinflusst haben und Vorbilder zum Abnehmen waren", erklärt Götz. "Durch den ständigen Vergleich haben die Befragten ein überkritisches Verhältnis zum eigenen Körper entwickelt und sich daraufhin selbst als hässlich und dick wahrgenommen." 

Wenn wir als Gesellschaft begreifen würden, wie ungesund die untergewichtigen Körper vieler Influencerinnen sind, würde das unsere eigene Körperwahrnehmung um einiges verbessern - und auch ein gesundes Essverhalten fördern.
Maya Götz

Für Maren war Instagram in ihrer schlimmsten Zeit der letzte Kontakt zur Außenwelt. Von Freunden und der Familie isolierte sie sich. Für die Schule hatte sie ein Attest, weil ihr Körper zu schwach war. Als Ärzte eine ambulante Therapie für gesundheitlich nicht mehr ausreichend befanden, wurde sie in eine Klinik eingewiesen. 

Dort bekam Maren einen strikten Ernährungsplan, der speziell an ihren Körper angepasst wurde. Sie sollte pro Woche zwischen 500 bis 700 Gramm zunehmen – erreichte sie das Ziel nicht, wurde ihre Kalorienmenge gesteigert. In vielen Einzeltherapiestunden lernte sie, ihren eigenen Körper wieder wahrzunehmen und ihn zu akzeptieren. 

Essstörungen: Hilfe für Betroffene

Essstörungen können jeden treffen. Nicht immer sind die Anzeichen eindeutig. Hausärzte und Psychotherapeuten bieten professionelle und vertrauliche Hilfe an. Auch Spezialambulanzen oder Beratungsstellen können helfen.

Unter der Rufnummer 0221/89 20 31 bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine anonyme Beratung an. Weitere Informationen und Hilfsangebote finden sich unter www.bzga-essstoerungen.de.

Während ihres stationären Klinikaufenthalts verzichtete Maren eine Zeit lang auf Instagram. Damit sie gesund werden konnte, ohne permanent durch die App getriggert zu werden. 

Viele junge Frauen, die sich bei Waage e.V.  Hilfe suchen, legen zur Genesung eine Pause auf Instagram ein. "In diesen Fällen ist es wichtig, eine Alternative im realen Leben außerhalb der App zu finden. Die Betroffenen sollen wieder anfangen, echte Konktakte aufzubauen, sich unabhängiger vom ständigen Vergleich zu machen und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln", erklärt Hartlage. 

Erst, als Maren sich stabil genug fühlte und aus der Klinik entlassen wurde, kehrte sie auf Instagram zurück. Sie wollte es zu einem positiveren Ort für sich machen und entfolgte allen Accounts, die sie früher triggerten. Sie erstellte einen "Recovery-Account" – einen Account, mit dem sie sich gemeinsam mit anderen Betroffenen zur Genesung motivieren wollte. 

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"Und wenn dir das wahre Leben nicht gefällt, wenn du dir denkst dass es sich nicht gelohnt hat, wenn du dem Leben ohne Krankheit eine Chance gegeben hast und immer noch zurück willst wirst du zurück können. Du wirst in der Zeit in der du versucht hast dich raus zu kämpfen nicht vergessen wie du zurück zu deiner Erkrankung kommst.“ - Worte die ich mir, als ich wirklich angefangen habe dagegen an zu kämpfen immer und immer wieder gesagt habe. Ich hatte solche Angst. Was wenn ein normales Leben nichts für mich ist? Was wenn ich jedem egal bin? Was wenn ich mich niemals „normal“ akzeptieren kann? Was wenn ich gar nicht so aussehen will wie „normale“ Menschen? Was wenn es ohne Krankheit nicht schön ist und es mir weiterhin schlecht geht? Fragen über Fragen. Fragen die mir jetzt so unrealistisch erscheinen. Wie konnte ich denken, dass es schöner ist sein Leben in einer Krankheit zu verbringen, immer einsamer zu werden weil einem alles genommen wird ohne das man es überhaupt merkt? Wie konnte ich denken dass es schöner ist kurz vor dem Ende zu stehen? Wie konnte ich denken dass das ganze schöner als ein normales Leben ist? Ein Leben mit Höhen und tiefen aber ein Leben das man wirklich wieder leben nennen kann! Ein Leben in dem man so viel unternehmen, Spaß haben und auch lachen kann. Man muss den ersten Schritt wagen, den Schritt ins Ungewisse, der Schritt raus aus seiner Comfortzone. Ich sage euch eins, hätte ich diesen Schritt vor einem Jahr nicht gewagt wüsste ich nicht wo ich heute stehen würde. Ich bin dankbar für diese neue Chance, die ich mir trotz den vielen Zweifeln und dieser riesigen Angst erschaffen habe. Die Chance auf ein Leben ist jetzt da, heute könnt ihr dem allem den Kampf ansagen. Und glaubt mir es wird sich lohnen und in der Zeit in der man selbst nicht daran glaubt gibt es trotzdem nur eine Richtung und zwar nach vorne. Denn wenn euch das richtige Leben am Ende nicht gefällt könnt ihr immer noch zurück.♥️

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"In dieser Zeit habe ich sehr liebe Menschen kennengelernt und wir haben uns gegenseitig auch stark unterstützt", erzählt sie. Trotzdem hatte sie sich das zu einfach vorgestellt. "Dann habe ich gemerkt, dass diese Accounts auch stark darauf aufbauen, sich gegenseitig fertig zu machen." Viele Nutzerinnen und Nutzer, die einen Recovery-Account führten, steckten selbst noch tief in der Krankheit. Sie versteckten sich hinter dem vermeintlichen Wunsch nach Genesung und hielten in Wirklichkeit an der Essstörung fest.

Es ging nur noch darum, wer am schnellsten wieder abnimmt und wer die meisten Kalorien verbrennt.
Maren

Diese Dynamik ist toxisch, findet auch Expertin Götz. Sie sagt: Die Gesellschaft muss die Individualität von Körpern wieder mehr wertschätzen: "Wir brauchen Influencer wie Fine Bauer, die zeigen: Oh, ich darf auch einen Bauch haben und sehe trotzdem wunderschön aus", so die Medienpädagogin.

"Es könnte die Aufgabe von verantwortungsvollen Unternehmen sein, die Influencerinnen für sich nutzen: Sie sollten gezielt Frauen mit unterschiedlichen Körpern suchen, die zu sich stehen und mit Begeisterung zeigen, dass es egal ist, wie viel man wiegt", sagt Götz.

Statt weiterhin untergewichtige Körper zur Schau zu stellen, sollte man anfangen, kleine Fettröllchen zu zelebrieren - weil sie normal sind!
Maya Götz

Wenn Maren alte Fotos von sich sieht, erschrickt sie. Heute fühlt sie sich in ihrem Körper wohl. Sie treibt viel Sport und ernährt sich ausgewogen – aber nicht mehr aus Zwang, sondern weil sie es gerne tut.

Heute ist Maren sportlich und schlank – sie hat gelernt, wieder ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln.

Maren hat ihren Körper wieder lieben gelernt. Das ist nicht immer leicht. Vor allem, wenn Maren Nachrichten bekommt, in denen steht: "Du bist so fett geworden!" Früher war das ein Anlass für sie zu hungern – heute kann sie Kommentare wie diese ignorieren. Zumindest sagt sie das.

"Damals habe ich diesen Leuten geglaubt, dass ich wirklich fett bin, weil ich noch so wenig Selbstvertrauen hatte und meinen Körper durch die Körperschemastörung falsch wahrgenommen habe", erklärt die 19-Jährige. "Mittlerweile weiß ich aber, wie tief die Mädchen noch in ihrer Krankheit stecken, die mir so etwas schreiben. Und dann bin ich froh, dass ich all das endlich durchgestanden habe." 

Heute nutze sie Instagram wieder, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Maren sagt, sie interessieren die Bilder von dünnen Mädchen einfach gar nicht mehr.


Gerechtigkeit

Was junge Rechte gefährlicher macht als alte: "Die Neue Rechte hat die AfD klar im Griff"
Wir haben den Extremismusexperten Matthias Quent gefragt: Gibt es einen NSU 2.0?

Rechte Gewalt ist in Deutschland weit verbreitet. Und wurde trotzdem über Jahre hinweg verharmlost. Mindestens 169 Menschen haben in Deutschland seit 1990 nach einer "Tagesspiegel"-Recherche die Angriffe von Neonazis und anderen Rechten nicht überlebt. In der Öffentlichkeit wurde aber Islamismus als größere Gefahr wahrgenommen.

Auch die Enttarnung des rechtsextremen NSU-Trios änderte daran zunächst nur wenig. In einer jahrelangen Terrorserie hatten drei Rechtsextremisten acht türkisch- und einen griechischstämmigen Zuwanderer sowie eine deutsche Polizstin ermordet (SPIEGEL ONLINE). 

Nun, zwölf Jahre später, nach dem Mord an Walter Lübcke, wird wieder diskutiert, wie vernetzt die Szene wirklich ist. 

Der Verfassungsschutz geht in seinem aktuellen Bericht von 24.100 rechtsextremen Personen aus, die Hälfte davon soll gewaltbereit sein. Ob Terroristen des NSU, der mutmaßliche Lübcke-Mörder oder der Angreifer in Hessen, der aus dem Auto einen 26-Jährigen Eritreer niedergeschossen haben soll, sie alle teilen eine Gemeinsamkeit: Sie sind Akteure jenseits der 40. Ihr menschenfeindliches Weltbild haben sie in den Neunzigern kultiviert, als in Rostock-Lichtenhagen und Solingen die Asylunterkünfte und türkischen Wohnhäuser brannten. 

Geht die größte Gefahr in der rechten Szene von Männern mittleren Alters aus? Oder werden bereits jüngere Nachfolger rekrutiert? Und wenn ja, wie? 

Antworten auf diese Fragen kennt Matthias Quent, 33 Jahre, aus Thüringen. Der Soziologe forscht am Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft zu rechtsextremen Strukturen in Deutschland. Sein neues Buch "Deutschland rechts außen" befasst sich mit dem Machtzuwachs der rechten Szene – und zeigt auf, wie die Rechtsextremen die Demokratie unter Druck setzen.