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Wie das Instagram-Profil heute Kontaktliste, Visitenkarte und Handynummer ersetzt

Swipe nach rechts, Match, Smalltalk. "Wie geht's dir? Was machst du?" Bei Tinder war neulich alles wie üblich. Chemie passt. Zeit für den nächsten Schritt: die Handynummer.

"Wir können unsere Instagram-Namen austauschen, wenn du magst", sagt das Date. Ich bin verwirrt. Instagram? Will er nicht per Messenger schreiben? Will er erst noch einen Blick auf meine Urlaubsfotos, mein Mittagessen oder aus meinem Büro werfen – bis er sicher ist, dass er sich weiter unterhalten will?

Aber er hat Recht – und ich bin der Zeit hinterher. Statt Handynummern tauschen wir heute Profilnamen. Und zwar nicht nur beim Dating, auch Freundinnen und Freunde oder Kolleginnen und Kollegen lernen wir über ihre Insta-Feeds besser kennen. Das hat gerade auch das US-Magazin The Atlantic festgestellt.

Instagram ersetzt die Kontaktliste, den Whatsapp-Chat und die Visitenkarte. Sind wir ehrlicher mit unserem Privatleben? Welches Kommunikationsverhalten steckt dahinter?

Eigentlich bedeutet die Frage nach dem Instagram-Profil so etwas wie: "Hey, ich möchte Fotos von deinem Privatleben sehen." Nur, dass das keiner seltsam findet. Wir müssen heute niemanden mehr heimlich stalken, sondern werden direkt dazu eingeladen. Hier bin ich, und das war letzten Sonntag mein Frühstück – bitteschön!

Ich schicke dem Date meine Instagram-Handle und folge ihm zurück. Da sind Surf-Bilder mit Kumpels, Fotos aus seiner Heimat Italien und viele Städtetrips. Dann noch ein Absolventenbild von der Uni. Aha! Er ist also gerne viel in der Welt unterwegs, auch beruflich. Dafür vermisst er die Sonne und das italienische Essen. Sport macht er am liebsten mit Freunden oder der Fußballmannschaft. Klingt gut.

Klar, denn Instagram ist eine perfekte Version von uns.

Aber es ist noch mehr. Bei meinen Freunden kenne ich mittlerweile die Insta-Namen auswendig – egal wie verrückt sie sind. Das ist wie früher, als man 12 Jahre alt war und die Festnetznummer der engsten Freundinnen im Kopf hatte.

Zuerst fühlt es sich weniger ernst an, wenn wir nur unseren Profilnamen verraten. Dort folgen uns ohnehin schon hunderte Menschen und wir ihnen. Es ist leicht, es muss nicht bedeuten, dass der andere tatsächlich Kontakt aufnimmt und nimmt so den Druck beim Kennenlernen. Außerdem fühlt es sich sicherer an, nur das Profil zu teilen, nicht die Privatnummer. Denn im schlimmsten Fall könnte uns das Gegenüber dann ja anrufen. Wir wollen lieber die Kontrolle über die Kommunikation behalten.

Instagram ist so etwas wie die Visitenkarte der Persönlichkeit

Ich positioniere mich auf Instagram. Mit Hobbys, Freunden und Lieblingsessen. Gehe ich jeden Sonntag um 6 Uhr laufen? Oder backe ich mein eigenes glutenfreies Brot und treffe mich mehrmals wöchentlich mit meiner Mutter? Sieht man ständig das Yoga-Studio – oder einen, zwei, drei Drinks?

Noch mehr verraten Bildunterschriften und Kommentare. Stehen unter den Bildern lustige Sprüche, Tagebucheinträge oder gar nichts? Welche Hashtags benutzt jemand? #petrolheads, #ootd oder #vegan? Halte ich Hamburg für meine #Heimat? Bin ich politisch? Andere können mich hervorragend abchecken – und müssen mir niemals schreiben, falls sie ein Problem mit #nofilter oder #feminist haben.

Dazu die Emojis, die den Humor verraten: peinliche Zwinkersmileys, mitfühlende Herzen unter den Sonnenuntergangs-Posts der Freunde oder ein kryptischer Kaktus? Zu den eigenen Fotos kommen die markierten Bilder von Freunden.

Instagram liefert mir ein komplettes Psychogramm meines Dates – vor dem ersten Treffen.

Bei Dates macht das Sinn. Aber auch die Menschen aus dem Büro trifft man auf Instagram. Mit den neuen Kollegen tauscht man gleich Instagram-Namen aus. Selbst bei beruflichen Terminen wird statt nach der Visitenkarte öfter mal danach gefragt.

Ist das noch okay? Ein Kollege rief mir letztens zu: "Wir sehen uns im Internet." Dort bekomme ich dann Einblick in den Strand-Urlaub oder die Jogging-Runde.

Unangenehm ist das gar nicht: Ich darf das alles ja sehen, wurde dazu eingeladen. In der Kaffeeküche kann ich locker nach dem Wochenende fragen, ohne zu überlegen, ob das zu privat ist. Ich habe ohnehin schon alles gesehen und kann gleich nachhaken: Hat die selbstgemachte rote Pasta am Sonntag geschmeckt?

Instagram scheint die Plattform zu sein, auf die sich alle einigen können. Privat und trotzdem öffentlich. Man folgt sich, man liket und kommentiert. Wir nehmen ein bisschen am Alltag anderer Menschen teil. Aber in Maßen, Ausschnitten, Bruchstücken. Und Konversation gibt es nur in Ausnahmefällen.

Das hilft auch beim neuen Date.

Bei WhatsApp kann es nämlich ziemlich ermüdend sein, wenn einem keine Gesprächsthemen mehr einfallen. Und wer will nach stundenlangem Schweigen schon nach einem Treffen fragen?

Dann lieber per DM. Die Schauspielerin Ellen Page hat so ihre Frau Emma kennengelernt. Page mochte ein Tanzvideo bei Instagram, folgte der Tänzerin, schickte ein unverbindliches Kompliment per DM und der Rest ist Geschichte. (Jezebel)

Sind wir jetzt also oberflächlich, weil wir Menschen am liebsten über ihre Feeds kennenlernen? Nein. Instagram ist ein Zwischenschritt. Ein Weg, dem anderen noch einen kleinen Schritt näher zu kommen. Ein Fenster in die Welt des anderen, statt einer Zahlenkombination die mit Erwartungen vollgepackt ist.

Mag man auch Italien und Surfbilder, tauscht man eben doch noch Nummern aus.


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