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Wir müssen reden

Instagram, wir müssen uns mal unterhalten. Über die Funktion, sich anzeigen zu lassen, wer die eigenen Storys angeschaut hat. Es ist nämlich so: 

Verlieben war schon immer sehr einfach, verliebt sein schon immer sehr kompliziert.

Zumindest bei mir. Erst wartet man, auf WhatsApp-Nachrichten, auf Likes, auf kleine Zeichen der Zuneigung. Und dann muss man sich auch gleich wieder eine gute Antwort überlegen. Und so weiter. Dating ist grausam. Bis vor Kurzem hatte ich allerdings noch keine Ahnung, dass es noch viel, viel schlimmer werden kann. Und dann kamen Instagram Stories.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Ich bin – wie jeder anständige Narzisst – absolut davon überzeugt, dass jeder sich für meinen scheiß langweiligen Alltag interessiert. Deshalb filme ich, wie Millionen andere, die Banalität meiner Tage – vom Aufstehen bis zum im Morgengrauen nach Hause wanken. Einfach, weil sich genau das andere Menschen angucken. Sie schauen mir bei Instagram zu. Und warum auch nicht? Ich gucke ihnen und ihrer schnöden Existenz ja ebenso zu.

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Die Insta-Story ist perfekt für Leute wie mich, die ein bisschen zu alt für Hundefilter sind und ein bisschen zu egozentrisch für gar keine Filter.

Die aber in jedem Fall ein übersteigertes Sendungsbewusstsein haben.

Das alles hat wunderbar funktioniert. Bis ich diesen Mann traf – und seitdem von unseren wahnsinnig hübschen, wahnsinnig klugen Kindern träume, die wir eines Tages zeugen werden, wenn wir endlich zusammen sind. 

Bis dahin muss ich mir die Zeit vertreiben – und das mache ich natürlich, indem ich alle zwanzig Sekunden nachschaue, ob dieser Mann sich auch meine Story angesehen hat. Das ist schon längst keine Angewohnheit mehr, sondern ein Zwang geworden.

 

Und wenn er nicht zugeschaut hat, muss ich davon ausgehen, dass er mich wahrscheinlich gerade für immer vergessen hat. 

Und ich mit meinen zwanzig noch nicht angeschafften Katzen in meiner Wohnung an Aufmerksamkeitsdefizit verrecke, bis sie anfangen, mich aufzuessen und das ist absolut keine Übertreibung, das ist meine Realität, sorry.

Also aktualisiere ich Instagram so oft, bis endlich in den Insights zu sehen ist: Er hat geguckt! Und dann? Dann ist erstmal Ruhe. Für ungefähr zwanzig Minuten. Und dann geht alles von vorne los. 

Verzweifelt habe ich schon oft nach dem Kästchen gesucht, das ich anklicken kann, um mich selber zu erlösen. Aber: keine Chance. Instagram will, dass ich dieser infantile Idiot bleibe, zu dem ich geworden bin. Und das ist ja auch verständlich: schließlich bindet einen User kaum etwas mehr als der verzweifelte Schrei nach Liebe, wobei "Liebe" hier natürlich als die Unfähigkeit zu sehen ist, Spannung auszuhalten.

Deshalb, liebes Instagram: Bitte, bitte, bitte nehmt mir die Insights weg. 

Bitte lasst mich nicht weiter diese gestörte Stalkerin sein, deren Laune davon abhängig ist, ob ER sich meine Stories angesehen hat.

Und ja, ich weiß, natürlich könnte ich mich endlich mal wie ein Erwachsener benehmen und mir eingestehen, dass eine ganze Menge nicht mit mir stimmt, wenn so etwas meinen Tag beeinflusst. 

  • Natürlich sollte ich darüber nachdenken, wie ich Zuneigung definiere. 
  • Und natürlich sollte ich ihm vielleicht einfach sagen, dass ich ihn ziemlich toll finde und es sehr, sehr leid bin, mein Bücherregal zu filmen oder meine Meinung oder irgendeinen anderen Quatsch, nur damit er darauf reagieren kann – aber am Ende stehen wir alle auf Likes und Herzchen, auf die digitale Zuckerfabrik für unser Klick-geiles Gehirn. 
  • Und natürlich wäre der beste Rat, einfach nichts mehr zu posten, einfach mal abhauen, den Laden dicht machen, ciao Leute, ich bin jetzt offline und dann schreibe ich ein langweiliges Buch über digitalen Detox wie die anderen Opfer, die nach zwei Monaten wieder genau so viel bei Facebook abhängen wie vorher.

 

Genau das wird also nicht passieren, deshalb, oh Instagram: Gib mir das Kästchen zum Ausschalten, gib mir die Chance nur ein bisschen irre zu sein und nicht komplett. 

Ich verspreche auch, mein supergesundes Mittagessen zu fotografieren und weiter meine Stories zu platzieren, im Namen des Hashtags, des Geo-Tags und des Heiligen Filters, Amen.

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Beschlossene Sache: SPD traut sich in Gespräche mit Union

Die SPD-Führung hat sich für Sondierungsgespräche mit der Union entschieden. Gemeinsam sollen sich nun SPD, CDU und CSU treffen und über eine mögliche Regierungsbildung reden.

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Nun folgt der SPD-Parteivorstand der Empfehlung von Schulz – die Gespräche können beginnen.