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Das Nudelwasser kocht, doch Fabian merkt es nicht. Der junge Mann mit den dunklen Haaren und der Brille mit den ovalen Gläsern sitzt am Esstisch in seiner hellen, geräumigen WG-Küche und versucht konzentriert, eine Zwiebel zu schälen. Topf aus dem Schrank holen, Wasser reinfüllen – all das hat er allein geschafft. Sogar an das Salz hat er gedacht, ohne dass Evi oder Thomas ihn daran erinnern mussten. Doch dann hat er beim Zwiebelschälen den Topf auf dem Herd vergessen. Fabian kann vieles allein, aber ohne seine Mitbewohner würde er im Alltag nicht zurechtkommen.

Fabian hat eine geistige Behinderung. Ob morgens beim Anziehen oder abends beim Nudelnkochen – bei vielem, was er tut, fehlt der letzte Schliff. Einige Dinge, wie lesen und schreiben, werden wohl für immer außer Reichweite bleiben. Außerdem telefoniert er nicht gern und könnte in einer Notsituation keine Hilfe holen. Der 33-Jährige kann deshalb nicht allein zu Hause bleiben, muss rund um die Uhr betreut werden. Sein Elternhaus zu verlassen und ein eigenständiges Leben zu führen, schien lange Zeit schwer vorstellbar. 


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Und dennoch ist Fabian vor vier Jahren ausgezogen. In eine WG mit vier Studenten, mitten in Hamburg-Winterhude. Die Fünfer-WG liegt in einem viergeschossigen Neubau. Auf dem Klingelschild wurde nur Fabians Name eingraviert, die vier anderen stehen auf einem Aufkleber daneben geschrieben.

In sogenannten "inklusiven Wohngemeinschaften" leben Menschen mit und Menschen ohne Behinderung zusammen unter einem Dach. Die Mitbewohner ohne Beeinträchtigung, meistens Studenten, assistieren im Straßenverkehr, beim Einkaufen und im Haushalt; dafür wohnen sie vergünstigt. Gemeinsam versuchen sie, die kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu bewältigen.

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"Fabi, wie viele essen heute mit?", fragt Evi ihren Mitbewohner fröhlich und blickt auf den Esstisch. Fabian hat den Tisch gedeckt, zwei tiefe Teller fehlen noch. Evi studiert Sonderpädagogik und ist vor etwa einem Jahr in die WG gezogen. Jetzt hilft sie Fabian geduldig beim Nachzählen. "Alles klar, Teller holen!", sagt Fabian schließlich. Sein Betreuer Thomas, der zweimal in der Woche in der WG aushilft, steht am Herd und sieht nach dem dampfenden Nudelwasser. 

Eine 500g-Packung Fussili wird heute genügen, beschließen Evi und er. Die Jungs essen heute Abend woanders. Nur für Jule, die später hungrig nach Hause kommen wird, müssen die drei noch etwas übriglassen.


"Erst den Teller an den Topf schieben und dann auffüllen", sagt Fabian und lädt sich Fussili Tricolore auf seinen Teller. Beim Topf mit der Tomatensoße kleckst er aber doch ein wenig auf die weiße Tischplatte. "Was habt ihr heute auf der Arbeit gemacht?", fragt Evi ihren Mitbewohner. Sie und Thomas haben sich zum Essen ein Bier aufgemacht; Fabian trinkt heute nur Saft. "Räucherstäbchen verpacken", sagt er und reibt sich Gouda über seine Nudeln. Nachmittags hat Thomas ihn abgeholt und sie sind zum Flughafen gefahren, Flugzeuge gucken, erzählt Fabian weiter.

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Fabian arbeitet Vollzeit im Verpackungsbereich einer Behindertenwerkstatt. Sein Tag beginnt früh, morgens um kurz nach sechs Uhr wird er abgeholt. Nachmittags ab 15:30 Uhr sind dann abwechselnd Evi und die anderen für ihn da. Sie holen ihn ab, gehen mit ihm in den Supermarkt und gestalten gemeinsam ihren Nachmittag – jeder insgesamt zehn Stunden in der Woche. Auch nachts muss immer jemand zu Hause sein, falls irgendetwas passiert, denn Fabian telefoniert nicht gern. 

Ihm beim Duschen oder Rasieren helfen, müssen seine Mitbewohner jedoch nicht; dafür kommt einmal am Tag der Pflegedienst. Die Wochenenden sind zudem "frei", denn da ist Fabian bei seinen Eltern. Die 450-Euro-Jobs der Mitbewohner werden mit der Miete verrechnet, sodass die vier Studenten quasi mietfrei wohnen.

Tatsächlich bietet das Konzept der inklusiven WGs Lösungen für gleich mehrere Probleme: Es schafft neue, eigenständigere Betreuungs- und Wohnmöglichkeiten für behinderte Menschen und gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum für Studenten.

Doch das Wohnmodell ist weitgehend unbekannt. In Hamburg – einer Stadt mit rund 128.000 schwerbehinderten Menschen und 100.000 Studenten, wo studentische Monatsmieten durchschnittlich rund 470 Euro betragen – gibt es laut der inklusiven Wohnungsbörse "wohnsinn.org" gerade einmal sechs inklusive WGs. Fünf werden von dem Verein "Leben mit Behinderung" betrieben, die andere – Fabians WG – wurde von seinen Eltern selbst gegründet. Vor vier Jahren haben sie sich auf die Suche nach einer Wohnung und passenden Mitbewohnern gemacht, um ihrem erwachsenen Sohn ein weitgehend normales Leben unter Gleichaltrigen zu ermöglichen.

Die Minijobs der vier Mitbewohner und der zwei externen Betreuer werden durch Fabians "Persönliches Budget" finanziert. Das ist eine monatliche Geldzahlung, die von behinderten Menschen oder ihren Angehörigen bei verschiedenen Leistungsträgern, etwa dem Sozialhilfeträger, beantragt werden kann und Sachleistungen ersetzt. 

Das Geld ermöglicht es den behinderten Menschen und ihren Familien, selbstbestimmt zu entscheiden, welche Hilfen sie sich "dazukaufen" möchten. Fabians Budget deckt die Kosten der sechs Minijobs vollständig ab. Seine Eltern ergänzen die Betreuung durch Eigenleistungen, indem sie an den Wochenenden und im Krankheitsfall einspringen.

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Fabians Zimmer liegt im Erdgeschoss am Ende des Flurs, dort wo sonst das Wohnzimmer wäre. Die große Terrassentür gibt den Blick auf den kleinen Garten und den kurzgemähten Rasen frei. Im Regal stehen Fabians Sammlerstücke: sechs Paar Gummistiefel, Schuhgröße 39. Evis Zimmer ist im ersten Stock, genau wie die Zimmer von Philip und Jule

Wenn Philip diesen Sommer für sein Studium nach Schweden geht, wird eine neue Person in sein Zimmer einziehen. Für Jule, die einen Monat danach ausziehen wird, sucht die WG noch Ersatz. Der einzige Mitbewohner, der von der Anfangsbesetzung der WG übriggeblieben ist, wohnt ganz oben im zweiten Stock.

"Traurig", findet Fabian es, wenn Mitbewohner die WG verlassen. In den letzten vier Jahren haben insgesamt neun verschiedene Mitbewohner ihre Kisten in die WG rein- und davon fünf auch wieder rausgetragen. Auch wenn das für eine Studenten-WG keine schlechte Quote ist: Das inklusive Wohnmodell eignet sich nicht für jeden. 

Die Schwierigkeit ist wirklich, immer wieder neue Leute zu finden.
Fabians Mutter

"Es ist schon mehr als eine normale WG", sagt Fabians Mutter, die die Suche nach neuen Mitbewohnern organisiert und Bewerber zu Vorstellungsgesprächen in die WG einlädt. "Es ist eben auch ein Job!" Wenn sich einzelne Mitbewohner immer die besten Schichten reservieren oder spontan in den Urlaub fahren würden, würde das – genau wie unter Kollegen – zu Konflikten führen. 

Es ist auch schon vorgekommen, dass sie unter den Bewerbern niemand Passenden gefunden haben und eines der Zimmer für drei Monate leer stand, erzählt sie weiter. Das sei für alle eine zusätzliche Belastung gewesen.


In einer inklusiven WG sei es das Wichtigste, sagt Evi, Probleme offen anzusprechen und die Vorstellung abzulegen, man dürfe Menschen mit Behinderung keine Grenzen setzen. "Fabi hört abends manchmal laut Musik oder springt ein bisschen in seinem Zimmer herum. Wenn mir das zu viel wird, dann sag ich: 'Fabi, jetzt ist mal Schlafenszeit.' Wir geben ihm nicht das Privileg, alles bestimmen zu dürfen, nur weil er eine geistige Behinderung hat." 

"Man muss schon Lust auf Gemeinschaft haben", sagt Evi über das inklusive WG-Leben. Denn auch wenn sie und ihre Mitbewohner sich per Dienstplan organisieren: Eine Zweckgemeinschaft sind sie definitiv nicht. 

Ob sie gemeinsam Tretboot fahren oder einfach nur ein Bier trinken gehen – Evi findet, dass sich Fabians "Betreuung" inzwischen nicht mehr wie ein Job, sondern eher wie Freizeit anfühlt. Sie sagt: "Es ist eine Win-Win-Situation für uns alle!"

Hinweis: In einer früheren Version des Textes schrieben wir, in Hamburg gebe es laut http://wohnsinn.org/ insgesamt zwei inklusive Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung, eine davon sei von dem Verein "Leben mit Behinderung". Der Verein hat aber insgesamt fünf WGs.


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Venezuela hat am Sonntag eine neue verfassungsgebende Versammlung gewählt. Die Wahl war im Vorfeld umstritten – viele sehen sie als Manöver des Präsidenten Nicolás Maduro, das Land in eine Diktatur zu verwandeln. 

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