Bild: Michael Alfonso/Unsplash
Ein Interview mit der Autorin Sabine Magnet über das "Impostor"-Phänomen

Susanne zweifelte immer wieder an ihren Fähigkeiten. Sie schrieb gerade ihre Promotion in Jura an einer süddeutschen Universität. Aber wie eine richtige Wissenschaftlerin fühlte sie sich nicht. "Ich las einfach nur Bücher und schrieb Sachen zusammen." Eine Doktorarbeit müsse doch komplexer sein als das. Leute, die promovierten, waren in ihren Augen hoch intellektuell. Da sah sie sich nicht.

Und das, obwohl sie schon ihr Studium als eine der Besten im Landesgerichtsbezirk abschloss. Dass sie in allen Klausuren im Hauptstudium sehr gute Noten bekam, hielt sie für reines Glück. Es war eben zufällig genau der Stoff drangekommen, auf den sie sich vorbereitet hatte. Rein zufällig also promovierte sie mit der Bestnote summa cum laude.

Susanne ist ein typisches Beispiel vom "Impostor"- oder dem "Hochstapler-Phänomen". Gemeint ist das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht wirklich verdient zu haben. 

Stattdessen werden Zufall, Glück oder andere äußere Zustände dafür verantwortlich gemacht. Diese Menschen "halten sich für Betrüger*innen, die Kompetenz nur vortäuschen", schreibt die Journalistin und Autorin Sabine Magnet.

Erfolge sind ihnen unangenehm, sie spielen sie herunter oder verschweigen sie. Im schlimmsten Fall begleitet sie immerzu die nagende Angst aufzufliegen. 

In ihrem Buch "Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann?" hat sich Magnet intensiv mit Susanne, anderen Fällen und dem Phänomen an sich auseinandergesetzt.

Im Interview erzählt sie, woher das Impostor-Syndrom kommt, was es mit Menschen macht – und was sie dabei über sich selbst gelernt hat.

Sabine Magnet: "Am Ende ist das doch total witzig: Alle haben die ganze Zeit Angst. Ja, wovor denn eigentlich?"

(Bild: Christina Papakyriacou)

Selbstzweifel sind normal und können uns beispielsweise vor Fehlern bewahren. Wo liegt der Unterschied zum Impostor-Phänomen?

In dem Moment, in dem dich diese Zweifel blockieren, wird es problematisch. Wenn du nach drei Jahren im Job immer noch jeden Tag Angst hast und unsicher bist, ist das nicht gesund.

Wie bist du darauf gekommen, ein Buch über dieses Gefühl zu schreiben?

Durch ein Gespräch mit einer Freundin. Sie ist Fotografin und zwar eine ziemlich gute. Ich wollte ihr zu einer Arbeit gratulieren und sie redete ihren Erfolg nur schlecht: Sie habe Glück gehabt, das Licht sei gut gewesen, die Leute nett und so weiter. Ich musste sie regelrecht von ihren Fähigkeiten überzeugen. Irgendwann sagte sie: Ich habe Angst, dass irgendwann jemand merkt, dass ich nur bluffe.

Das hat mich sehr getroffen, weil ich gemerkt habe, dass ich oft genauso fühle. Also begann ich, zu recherchieren und stellte fest: Wir sind nicht allein. Es gibt sogar viele wissenschaftliche Studien dazu.

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Woher kommt das Gefühl, nichts zu können?

Es gibt viele Gründe: Einerseits beeinflusst unsere Veranlagung, welches Verhältnis wir zum eigenen Können haben. Wer introvertiert oder perfektionistisch ist, neigt beispielsweise eher zu dem Phänomen.

Der andere Teil ist die soziale Prägung: Wie sind wir aufgewachsen, wie wurde in unserer Familie mit Leistungen umgegangen? Haben unsere Eltern uns beigebracht, dass wirklich intelligente Menschen nicht lernen müssen? Oder wurden wir ständig für jeden Quatsch gelobt?

Dann wird man bei der ersten Fünf in Mathe vielleicht einen riesigen Schock bekommen haben, weil diese Information nicht mit der Selbstwahrnehmung übereinstimmt.

Es gibt auch bestimmte Situationen, die das Impostor-Phänomen triggern: ein neuer Job, eine neue Aufgabe. Oder wenn man einer Minderheit angehört, zum Beispiel als einzige Frau in der Führungsriege, als einziger Schwarzer im Kollegenkreis oder als erstes Familienmitglied, das auf die Uni geht. Das Gefühl, nicht dazuzugehören und zu Unrecht dort zu sein, wo man ist, ist ein guter Nährboden für das Impostor-Phänomen.

Und dann muss man natürlich eines bedenken: Bluffen ist Teil des Lebens. Es ist total normal, etwas zu tun, von dem man keine Ahnung hat, egal ob das ein Job ist oder ob man zum ersten Mal Vater wird. Und es ist total natürlich, dass uns das Angst macht. 

Wir liegen aber falsch in der Annahme, dass alle anderen es total draufhaben und vollkommen souverän ihr Leben meistern. 

Die Wahrheit ist: Niemand checkt das Leben so richtig. Nur das gibt eben auch niemand gerne zu.

Stimmt es, dass Frauen sich eher als Hochstaplerinnen wahrnehmen als Männer?

Ein Großteil der Studien bestätigt diese Annahme nicht – außer bei Wissenschaftlerinnen. Sie leiden deutlich häufiger darunter. Es gibt aber einen Zusammenhang zwischen den Attributen, die man sich zuschreibt und dem Phänomen:

Menschen, die sich eher stereotyp weiblich beschreiben – also als fürsorglich, nett, sozial – leiden eher darunter. 

Was mich während der Recherchen allerdings sehr überrascht hat, war, wie sehr Geschlechterrollen unser Verhalten beeinflussen, ob wir wollen oder nicht.

Du wächst mit einem bestimmten Bild davon auf, wie zum Beispiel Frauen sind oder sein sollten. Vielleicht denkst du unterbewusst, Mathe eher nicht zu können – obwohl du richtig gut bist. Dann wirst du später wahrscheinlich denken, du hättest Erfolge in diesem Bereich nicht verdient.

Wie wirkt sich das Impostor-Phänomen auf die eigene Arbeit aus?

Menschen kompensieren unterschiedlich. Es gibt die "Over-Doer" und die "Under-Doer". Die einen sind perfektionistisch veranlagt und knien sich so sehr in die Arbeit, dass sie vielleicht ausbrennen. Die anderen prokrastinieren oder sabotieren sich absichtlich selbst, indem sie zum Beispiel am Abend vor einer wichtigen Prüfung oder Präsentation saufen gehen.

Beides ist weder gut für uns selbst noch für andere. Zum einen stehen wir unter Dauerstress und der macht krank. Und dann hält uns diese Angst davon ab, unser Potenzial auszuschöpfen. Wir bewerben uns nicht auf die coole Stelle oder melden uns in der Besprechung nicht zu Wort, weil sonst ja rauskommen könnte, dass wir eigentlich keine Ahnung haben. Am Ende ist das auch schlecht für Unternehmen, weil viele Ideen verloren gehen. 

Wer ständig denkt, er kann nichts, wird krank.

(Bild: Matias Castello / EyeEm)

Wie kann ich selbst etwas gegen diese Angst tun?

Vielen hilft allein die Information enorm. Oft ist es ja kein bewusstes Gefühl, sondern nur ein negatives Grundrauschen. Du fühlst dich einfach komisch. Zu merken: Das ist also mit mir los, hilft schon vielen. Und zu erfahren, dass es anderen auch so geht.

Ein sehr beliebter Ratschlag ist auch das Führen eines Erfolgstagebuchs. Man schreibt jeden Tag alle Erfolge auf, auch die kleinen: dass man die unangenehme E-Mail endlich abgeschickt oder ein Projekt angestoßen hat. Nach einiger Zeit hat man es Schwarz auf Weiß und kann man nicht mehr leugnen: Ich habe wirklich etwas gemacht und mein Erfolg ist ein Resultat dessen.

Andere arbeiten mit dem Konzept des Mitgefühls für sich selbst – "self-compassion". Das kommt aus dem Buddhismus. Ziel ist, sich selbst anzunehmen mit all seinen Schwächen. Sich zu lieben, auch wenn man versagt. Das wirkt wissenschaftlich erwiesen gegen Impostor-Gefühle.

Wenn die Probleme sehr groß sind, helfen ein Coaching oder eine Therapie. 

Was machst du heute, wenn dich das Gefühl überkommt, du kannst nichts?

Mir helfen zwei Dinge. Das eine ist ein Zitat von Viktor Frankl, einem österreichischen Psychiater und Neurologen: "Man muss sich von sich selbst auch nicht alles gefallen lassen." Das bringt mich immer runter. Frankl war Holocaust-Überlebender. Wenn der das konnte, dann kann ich das auch.

Das andere ist Humor. Am Ende ist das doch total witzig: Alle haben die ganze Zeit Angst. Ja, wovor denn eigentlich? Niemand weiß, was wir hier eigentlich machen. Und trotzdem tun alles so, als hätten sie alles beieinander. Eigentlich spielen wir doch nur ein Riesentheater. Das finde ich schon ziemlich komisch.


Gerechtigkeit

Randale, Bambule, Frankfurter Schule: Warum die Generation Greta plötzlich Adorno liest

Zu seinem 50. Todestag ist Theodor W. Adorno geworden, was er wohl nie sein wollte: Ein Popstar für junge Leute. Vor wenigen Wochen erschien ein Vortrag von ihm als neues Buch, knapp 50 Seiten Rede, die Adorno 1967 vor österreichischen Studierenden über Rechtsextremismus hielt. 

Das Buch stieg direkt in den Sachbuch-Charts ein, bei Amazon landete "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" sogar auf Platz Eins – zumindest in der Rubrik "Faschismus". 

Fotos des Textes werden inzwischen auf Instagram geteilt, auf Twitter trendete #Adorno in dieser Woche kurzzeitig. 

Schaut man auf der Recherche-Seite von Google Books, wie oft Theodor W. Adorno seit 1940 erwähnt wurde, hebt die rote Linie im Diagramm schnell ab und zeigt dann ziemlich konstant nach oben. Wie bei einem Linienflugzeug, das immer noch nicht ganz auf Reiseflughöhe gekommen ist. Im Prinzip fehlt zur endgültigen Hipsterisierung nur noch der Adorno-Jute-Beutel.

In der Campus-Buchhandlung gegenüber der Hamburger Universität ist das Buch seit Tagen zum zweiten Mal ausverkauft, der Verlag druckt nach drei Wochen bereits die vierte Auflage. In den vergangen ein oder zwei Jahren sei unglaublich viel passiert, erzählt der Buchhändler. Viele junge Menschen seien wieder interessiert an politischer Literatur. Allein zum Rechtsruck habe er mittlerweile einige Regalmeter, aber auch der 150. Geburtstag von Marx' "Das Kapital" sei überraschend gut gelaufen. Und jetzt Adorno. Warum?