Wir haben mit einem Schlafforscher darüber gesprochen, warum man den Job nach Schlafgewohnheit aussuchen sollte.

Zwischen 20 und 30 entscheidet sich, welcher Schlaftyp wir sind. Das sagt zumindest der Schlafmediziner Dieter Kunz. Frühaufsteher oder Langschläfer? Vier oder acht Stunden Schlaf? Dass wir uns dessen bewusst sind und dementsprechend verhalten, ist wichtig. Denn ob wir gut und vor allem richtig schlafen, ist entscheidend für unsere Produktivität. 

Was das konkret bedeutet und wie wir unseren Schlaf beeinflussen können, haben wir Dieter Kunz gefragt.

Am St. Hedwig-​Krankenhaus in Berlin erforscht er an der Klinik für Schlaf-​ und Chronomedizin, wie man besser schlafen kann. Denn: 20 Prozent der Menschen in Deutschland geben an, häufig unter unerholsamem Schlaf zu leiden (Alexianer).

Die verschiedenen Schlaftypen

Der Mensch sei ein tagaktives Wesen, dass gehe zurück auf die Erdrotation, sagt Dieter Kunz. "Jeder, der auf diesem Planeten lebt, musste sich daran anpassen. Menschen haben immer die Augen benutzt, um Nahrung zu finden. Dafür brauchten sie Licht. Bei Dunkelheit hat der Mensch hingegen gelernt, sich still zu verhalten. Nachts ist eigentlich niemand von uns in der Lage, Höchstleistungen zu erbringen."

Doch jeder hat auch eine innere Uhr: "Unser Rhythmus kann etwas nach vorne oder hinten verschoben sein", sagt Dieter Kunz. Einer schläft am liebsten von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens, die andere von drei Uhr nachts bis zehn Uhr vormittags. 20 Prozent seien eher Spättypen, also Eulen, und zehn Prozent eher Frühtypen, Lerchen. Daneben gebe es auch noch Viel- und Wenigschläfer.

bento: Mit Anfang 20 soll sich entscheiden, ob wir Eule oder Lerche sind. 

Dieter Kunz: Genau, zwischen 20 und 25 Jahren ist das Gehirn weitestgehend ausgereift. Man könnte sagen, dass die Hardware unseres Nervensystems bis dahin noch erheblich beeinflusst werden kann. Ab dem frühen Erwachsenenleben nimmt die Veränderbarkeit des Gehirns ab, danach wird nur noch an der Software moduliert. Bis spätestens Mitte 20 steht fest, welcher Schlaftyp wir sind. Neben Eule und Lerche gibt es auch Viel- oder Wenigschläfer. Manche brauchen vier Stunden Schlaf, andere acht. Das hat nichts mit Disziplin zu tun, sondern ist genetisch.

bento: Können wir ändern, welcher Schlaftyp wir sind, solange wir noch jung sind?

Dieter Kunz: Man kann sich zumindest verschieben. Wenn man nach New York fliegt, stellt man sich ja auch auf die Zeitumstellung ein. Für unseren Schlaf sind die Zeitgeber Licht und Dunkelheit entscheidend. Aber umpolen? Nein, man kann sich nicht von einem Spättypen in einen Frühtypen verwandeln. Jemand, der sonst spät ins Bett geht, kann sich zwar früh schlafen legen, wenn er sehr müde ist, schläft er vielleicht sogar ein. Aber trotzdem wird der Spättyp am Morgen nicht die volle Leistung erbringen. 

bento: Was mache ich also, wenn ich eine Nachteule bin, aber tagsüber arbeiten muss? 

Dieter Kunz: Wenn ich eher ein Spättyp bin, sollte ich zum Beispiel nicht Bäckerin oder Bäcker werden. Und wenn ich in den Leistungssport möchte, sollte ich meine Trainings- und Wettkampfszeiten an meinen Schlafrhythmus anpassen. Andernfalls kann die Leistungsfähigkeit um 20 bis 30 Prozent geringer sein als sonst. 

bento: Man sollte den Job nach dem Schlafrhythmus aussuchen? 

Dieter Kunz: Wie man schläft, sollte man bei der Berufswahl unbedingt berücksichtigen. Zum einen, weil wir sonst nicht voll leistungsfähig wären, und zum anderen, weil wir weniger Spaß bei der Arbeit hätten. Wir funktionieren nicht richtig. Forschung hat gezeigt: Selbst wenn man die Früh- oder Spättypen zu ihrem präferierten Zeitpunkt schlafen lässt, funktionieren sie tagsüber trotzdem unterschiedlich. Ein gut ausgeschlafener Spättyp ist in seinen ersten wachen Stunden bei einer Leistungsfähigkeit von 75 bis 80 Prozent. Erst nach zehn Stunden kommt dieser richtig in Fahrt. Frühtypen dagegen sind direkt komplett leistungsbereit. Nach zehn Stunden ist aber nichts mehr mit ihnen anzufangen. Wer in der Champions-League Tore schießt, ist kein Frühtyp.

bento: Auch, was das Schlafen angeht, ist der Jobeinstieg meist eine große Umstellung. Viele müssen früh raus und fallen abends müde ins Bett. Wie können junge Menschen besser damit klarkommen? 

Dieter Kunz: Erstmal muss man verstehen, dass unser Schlaftypus eine genetische Besonderheit ist – wie die Augenfarbe. Wenn wir danach leben und schlafen, werden wir deshalb im Normalfall auch nicht krank. Lebt man aber gegen diesen Rhythmus, kommen erst Befindlichkeitsstörungen, dann Leistungseinbußen und es können sich sehr wohl Erkrankungen entwickeln. Ja, wir sollten versuchen, unseren Lebensalltag an unsere Schlaftypen anpassen. 

bento: In einigen Startups gibt es Räume, in denen man schlafen kann. Was bringt so ein "Power Nap" bei der Arbeit oder ein Mittagsschlaf zwischen den Vorlesungen?

Dieter Kunz: Solche kurzen Schlafeinheiten sind gut für den Kopf. Erst kürzlich ist eine Studie aus Harvard erschienen, die zeigt, was im Gehirn passiert, wenn Menschen einschlafen. Bei den gesunden Probanden hat man im funktionalen Kernspin gesehen, dass die Blutzufuhr heruntergefahren wird, und dadurch ein Unterdruck im Schädel entsteht. So wird Flüssigkeit eingesogen, die höchstwahrscheinlich Abfallstoffe ausspült. 

bento: Unser Gehirn wird durchgespült, wenn wir schlafen? 

Dieter Kunz: Ganz genau. Während wir wach sind, sammelt sich einiges im Gehirn an. Die Studie legt nahe, dass schon bei einem kurzen Mittagsschlaf ein großes Reinemachen stattfindet. Der Kopf wird frei. 

bento: Manche glauben ja, sie könnten fehlenden Schlaf am Wochenende nachholen.

Dieter Kunz: Vor zwei Jahren gab es eine Studie, die im Bezug auf das Nachholen von Schlaf nach meiner Einschätzung falsch interpretiert worden ist. Vielleicht kann man ein bisschen Schlaf nachholen, aber chronischer Schlafentzug hinterlässt hochwahrscheinlich Spuren.

bento: Ein gängiges Vorurteil: Junge Leute bräuchten weniger Schlaf, könnten problemlos nächtelang durchfeiern und Schichtdienste leichter wegstecken. Was ist dran? 

Dieter Kunz: Grundsätzlich ist etwas dran, ja. Eine Nacht lang Party machen oder Nachtschicht schieben ist bei Jüngeren kein Problem. Ich bezweifle jedoch, dass jüngere Menschen allgemein weniger Schlaf brauchen. Es stimmt, dass sie den Eindruck haben, Nächte mit wenig Schlaf eher wegstecken zu können. Das ist aber erst einmal ihre subjektive Wahrnehmung. Objektiv gibt es durchaus Einbüßen in der Leistungsfähigkeit. 

Fest steht: Junge Menschen schlafen meist qualitativ besser und tiefer als ältere und holen kurzfristige Schlafdefizite leichter auf. Das Gehirn gaukelt ihnen aber auch vor, erholt zu sein. Nach einem vollständigen Schlafentzug gehen Hochleistungssportler nach drei Tagen davon aus, wieder ihre alte Leistungsfähigkeit zu besitzen. Objektiv dauert das eher sieben Tage. Auf der anderen Seite ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir im Alter mehr Schlaf brauchen. Da der Schlaf qualitativ schlechter ist, braucht das Gehirn länger, um aufzuräumen. 


Fühlen

Interkulturelle Psychotherapie: Wie Lena Migranten hilft, in Deutschland glücklich zu werden
Im Interview erzählt sie, womit Menschen in ihrer neuen Heimat besonders oft kämpfen.

Sie sind unsere Nachbarn, Kolleginnen und Freunde: In Deutschland leben rund 10,9 Millionen Migrantinnen und Migranten (Destatis). Jede und jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte und manchen fiel die Ankunft in Deutschland nicht leicht. Eine fremde Sprache zu lernen und Kontakte zu knüpfen, kann immerhin schwierig sein. Trotzdem nehmen Migranten im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt seltener eine Therapie in Anspruch (Ärzteblatt).

Lena Pérez, 45, hat seit sechs Jahren eine Praxis für interkulturelle Psychotherapie in Berlin. 

Im Gespräch erzählt sie, welche Probleme Migranten häufig haben, und wie sie ihnen hilft, sich besser zurechtzufinden.

bento: Lena, was genau ist interkulturelle Psychotherapie?

Lena Pérez: Es geht darum, zu schauen, was es für ein Individuum bedeutet, Migrantin zu sein: Welche Herausforderungen oder Belastungen gibt es? Welche Hürden muss diese Person überwinden, damit er oder sie einen Platz in der Gesellschaft findet? 

Ich behandele vor allem Migranten – aber auch Deutsche, die Erfahrungen im Ausland hatten. Außerdem kommen Paare aus unterschiedlichen Kulturen zu mir, die merken, dass sie andere Vorstellungen haben, zum Beispiel von der Kindererziehung. Wir versuchen dann, einen gemeinsamen Weg zu finden.

bento: Warum gehen diese Leute nicht zu einer herkömmlichen Therapie?

Lena: Viele suchen gezielt nach Therapeuten, die die Fähigkeit haben, sich mit ihrer Kultur auseinanderzusetzen. Es ist sehr wichtig, ihre Perspektive einzunehmen, um ihnen helfen zu können.