Bild: Ikea (Screenshot)

Vor ein paar Tagen hat Ikea in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine neue Werbekampagne gelaunched, die wohl vor allem für Serien-Fans gedacht ist: 

Wer auf die "Simpsons", "Friends" oder "Stranger Things" steht, soll mithilfe der passenden Ikea-Möbel und etwas Farbe die weltberühmten Wohnzimmer aus den Serien theoretisch einfach nachbauen können. Ein Leben im Filmset quasi. Oder ein Leben im geliebten Serienuniversum. Alle Möbel stammen aus dem bereits existierenden Sortiment des Einrichtungskonzerns – und die gibt es auch hier in Deutschland.

So sehen die "Iconic Living Rooms" aus, also die Ikea-Wohnzimmer aus bekannten TV-Serien:

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Jeder Fan, der das Sofa der "Simpsons" sieht, denkt wohl sofort an die chaotische Fernsehfamilie und an den berühmten "Couch-Gag" zu Beginn jeder Episode: Am Ende des Intros findet sich die Familie jedes Mal auf der Couch wieder, mal schläft der Großvater darauf, mal kippt sie unter Homers Gewicht zur Seite und ein anderes Mal wird die ganze Familie direkt auf die Couch gebeamt. Das Wohnzimmer "in echt" zu sehen, weckt Erinnerungen, ist witzig – die Idee von Ikea funktioniert also. Zumindest im ersten Moment. 

Denn klar: Wer würde nicht gerne mal im Wohnzimmer von Rachel und Monica sitzen oder auf der berühmten Couch der Familie Simpson Platz nehmen? Das haben immerhin sogar schon ziemlich berühmte Menschen aus der realen Welt getan: Politiker, Stars oder Regisseure besuchten das Serienuniversum – und synchronisierten sich, im Fall der Simpsons, selbst (Vice). Warum sich nicht also auch einmal so fühlen?

Das wir unseren Lieblingsserien nah sein wollen, hat Ikea schlau erkannt. Nachkaufen wird es vermutlich aber niemand. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Möbelstücke selbst sind weder neu noch exakte Kopien der Gegenstände aus den Serien. Sie sind ihnen lediglich ähnlich und entfalten erst im Gesamtbild ihren Wiedererkennungswert. Die Sessel aus dem Wohnzimmer von Rachel und Monica wirken lediglich wie alte Oma-Sessel mit Geschichte, die man vielleicht nur besitzt, weil man sich keine neuen leisten kann. Und die Stehlampe im Wohnzimmer der Simpsons ist einfach nur eine Stehlampe neben einer Couch – wenn der Boden der Wohnung nicht grün und die Wände lilafarben sind. Es würde also sowieso nur funktionieren, wenn man das Gesamtpaket kaufen würde. Aber realistisch gesehen würden die meisten wohl nur ein oder zwei Teile kaufen – und wären über die Wirkung enttäuscht. Hinzu kommt: Nur, weil wir unseren Lieblingsserien nah sein wollen, bedeutet das nicht, dass man auch gerne so eingerichtet wäre, wie die "Simpsons" – oder Monica und Rachel. 

Denn den Menschen und Orten aus unseren Lieblingsserien sind wir schon regelmäßig ganz nah: beim Comfort-Binge.

Comfort-Binge – was ist das?

Der Begriff Binge-Watching, also viele Folgen einer Serie am Stück zu sehen, ist mittlerweile vielen geläufig. Beim Comfort-Binge kommt noch etwas anderes hinzu: Wer sich an einem verregneten Wochenende fragt, was er als nächstes sehen könnte, der sieht am Ende häufig wieder das, was er schon kennt und mag. Der Comfort-Binge zeichnet sich dadurch aus, dass man durch das wiederholte Ansehen der Lieblingsserie mit geringem Aufwand maximale Unterhaltung bekommt. (Mashable

Obwohl es auf Netflix, Amazon Prime oder Maxdome jede Menge Serien gäbe, die man noch nicht kennt, sieht man sich zum zwanzigsten Mal an, wie Carrie Mister Big hinterherweint oder Ted und Marshall einen Road Trip machen.

Zu viel Auswahl macht uns – nicht nur beim Serien schauen – nicht unbedingt glücklicher.

Mehr Optionen bedeuten manchmal auch mehr Nachteile, wie Verunsicherung und die Unfähigkeit, sich zu entscheiden. In unterschiedlichen Studien hat sich bereits gezeigt, dass weniger Auswahl zu mehr Zufriedenheit führen kann, weil man dadurch leichter eine Entscheidung treffen kann, mit der man tatsächlich glücklich ist (Zeit). Deshalb sehen wir uns oftmals lieber dieselben Serien erneut an – auch, wenn wir durch Streaminganbieter eigentlich eine riesige Auswahl haben. 

Egal, wo man die Serie sieht, irgendwie ist es immer wie ein Besuch bei Freunden – aber bei denen will man ja auch nicht einziehen.

Beim Comfort-Binge werden Serien auch ohne Ikea-Möbel zum Zuhause. Wer möchte schon wirklich jeden Tag im Wohnzimmer einer Serie sitzen? Dass wir uns dem Serienuniversum jederzeit entziehen können, macht das Comfort-Bingen gerade so gemütlich. Beim Abschalten verpassen wir nichts, wir kennen die Folge schon. Wir wissen, was wann und mit wem passiert. Und auch, dass am Ende alles wieder in Ordung ist. Wir klappen den Laptop zu, die zusammengewürfelte Einrichtung aus dem Friends-Wohnzimmer hat Pause. 

Außerdem schaffen es die nachgebauten Wohnzimmer nicht wirklich, die Gefühle aus den Serien zu vermitteln. Sie sind einfach zu leer, die Menschen darin fehlen. Im Fall der "Simpsons" oder "Friends" wirken die gestochen scharfen Fotos der Ikea-Kampagne ganz anders, als wir die Bildqualität aus unseren Lieblingserien kennen. 

Was an einen Besuch in einem Filmstudio erinnert, betitelt Ikea mit dem Slogan "For real Families". Für echte Familien also.

Realness bei Ikea?

Die Werbung, die wir täglich im Fernsehen oder Katalogen sehen, ist voll von perfekten, glücklichen Familien aus dem Stockfoto-Katalog. Die Werbung von Ikea zeigt zwar keine Familie, bei der immer alles glatt läuft, aber bei der es am Ende trotzdem immer ein Happy End gibt – wie bei einer Familien-Serie. Ja, auch dort kommt es in den Familien oder unter Freunden zu Spannungen – aber am Ende ist eben alles immer gut. So richtig "real" ist die Ikea-Werbung also nicht, auch wenn sie es versucht. 

Die Ausstellungsräume in den Einrichtunghäusern selbst sind außerdem immer perfekt für die passenden Möbel zugeschnitten. So passen auf 22 Quadratmeter ganz einfach eine kleine Einbauküche, mehrere Schränke, Bücherregale und ein winziges Bad mit irre viel Stauraum. Als wären die Designerinnen und Designer in ihrem Leben noch nie selbst in eine bereits existierende Wohnung gezogen. Mit breiten Türen und halbhohen Fenstern. Und der alten Kommode ihrer Großmutter. 

Ikea-Wohnungen sind also genauso "real" wie die Filmsets von "Full House" oder die animierten Kulissen von "Family Guy" – nämlich gar nicht. 

Aber immerhin: Obwohl wahrscheinlich kaum jemand bei den chaotischen Simpsons wohnen wollen würde oder wie bei "Stranger Things" durch Lichterketten mit Verwandten kommunizieren möchte, die in einer Parallelwelt gefangen sind, sind die "iconic living rooms" faszinierend anzusehen. Und vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Einzelfall, der ein Leben im Filmset führen möchte. Dann müssen nur noch die Maße der eigenen Wohnung stimmen, damit auch wirklich alles rein passt.


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