Bild: Polina Tankilevitch/Pexels
Homophobie ist nach wie vor ein Problem – nicht nur von außen.

Tobias ist schwul. Seit er 17 ist, datet er Männer. Doch bis er sich in Beziehungen fallen lassen konnte, war es ein langer Weg. Bis heute fühlt er sich unwohl, in der Öffentlichkeit die Hand seines Partners zu halten.

Der Juni ist Pride-Monat. Überall auf den Straßen und im Internet begegnen uns Regenbogenflaggen. Das suggeriert: Die Welt ist offen, seid laut und stolz und so gay wie ihr wollt. Aber das stimmt nicht. Homofeindliche Denkmuster sind noch immer tief in den Köpfen verankert. 

Als Kind wurde Tobias in der Schule gemobbt. Seine Schulkameraden steckten ihn in die Mülltonne, fesselten ihn, bespuckten ihn, nannten ihn "Schwuchtel" oder "Mädchen". Damals wusste er noch gar nicht, was schwul zu sein wirklich bedeutete. Aber er merkte: Es schien nichts Gutes. Um den anderen Jugendlichen zu zeigen, dass sie falsch lagen, ging Tobias mit 16 eine Beziehung mit einem Mädchen ein.

Wenn Schwule Schwule ablehnen

Der Autor und Psychologe Alan Downs beschreibt in seinem Buch "The Velvet Rage", dass schwule Männer eine Scham in sich tragen, die durch eine heterosexuelle Gesellschaft ausgelöst wird – ein Mann, der Männer liebt, könne glauben, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er fühle sich immer anders, falsch, nicht komplett – weil er dem Weltbild nicht entspricht. Trägt man eine sogenannte "internalisierte Homophobie" in sich, ist man zwar schwul, findet Homosexualität unterbewusst allerdings abstoßend. Und wie soll man unbeschwert lieben und geliebt werden, wenn man die eigenen Gefühle im Kern abwertet? 

Wie bei Tobias ist die Kindheit und Jugend für viele queere Menschen eine psychisch belastende Zeit. In einer US-amerikanischen Studie wurde der emotionale Stress von queeren Teenagern untersucht. Von den 1000 Schülern waren zehn Prozent LBTQI. Diese litten eher an depressiven Symptomen als Gleichaltrige. Während sechs Prozent der heterosexuellen Teenager Suizidgedanken angaben, waren es bei den queeren 30 Prozent. 21 Prozent berichteten, dass sie sich selbst verletzen. Als Ursache hierfür wurde Mobbing gefunden – je mehr sich ein Jugendlicher gemobbt fühlte, desto eher zeigte er emotionalen Stress und depressive, selbstschädigende Symptome.

"Die emotionale Destabilisierung, die durch Diskriminierung der eigenen Sexualität oder Geschlechtsidentität ausgelöst werden kann, ist eine sehr grundlegende", erklärt Ulrike Schneider-Schmid, Verhaltenstherapeutin aus Berlin. Der Betroffene fühle sich dadurch nicht nur in diesem einen Punkt seiner Person entwertet, sondern oftmals im Ganzen als Mensch. Durch diese negativen Erfahrungen fühle man sich nicht richtig, nicht sicher, erklärt die Therapeutin. In einer britischen Studie entwickelten einer von sechs wegen ihrer sexuellen Orientierung gemobbten Schüler sogar eine posttraumatische Belastungsstörung. "Die eigene Sexualität in Frage gestellt zu bekommen, deswegen gemobbt, bedroht oder geschlagen zu werden – das kann traumatisch sein." 

(Bild: Richard Strozynski)

Auch romantische Beziehungen im Erwachsenenalter können davon noch beeinflusst werden. "Traumata stören unseren Kontakt zu uns selbst, zu wissen, was wir wollen und fühlen und dem auch zu vertrauen", sagt Schneider-Schmid. "Dieses fehlende Vertrauen in uns selbst kann auch zu Fehlwahrnehmung von Gefahrenreizen führen – und durch erhöhte Angst unsere Beziehungen stören." Gerade körperliche Nähe und Intimität würden dadurch zu einer besonderen Herausforderung. "Sich selbst zu erlauben, diese genießen zu dürfen, kann ein längerer Prozess sein, der auch für den Partner schwierig sein kann."

Der Weg zur Selbstliebe

Helfen kann Betroffenen eine Paartherapie, eine Psychotherapie, eine Sexualtherapie oder auch Gesprächsgruppen, in denen sich Gleichgesinnte austauschen. Schneider-Schmid empfiehlt außerdem das Gespräch mit Freunden. "Wenn Ängste einem freien, glücklichen und selbstbestimmten Leben im Weg stehen, ist die Konfrontation damit der Königsweg." Außerdem rät sie zu neuen Erfahrungen: "Gerade in puncto Sexualität läuft vieles über sich trauen, über Handlung, über Erspüren und Ausprobieren – am besten in einem Rahmen, in dem man sich sicher und wohl fühlt." 

Für Tobias war sein Coming-out ein Befreiungsschlag, eine frohe Botschaft, die er jedem verkünden wollte. Darauf folgte eine Phase, in der er, wie er heute sagt, seine "Pubertät nachholte". Mit der Zeit lernte er sich immer besser kennen, was er sich in Beziehungen wünscht und was ihm sexuell wichtig ist. Er akzeptierte sich selbst. Seit zwei Jahren ist er nun in einer festen Beziehung. Er liebt seinen Freund. Sie leben zusammen, fahren gemeinsam in den Urlaub, zeigen sich offen auf sozialen Netzwerken. Nur das mit dem Händchenhalten, das fällt Tobias immer noch schwer. Auch, weil homofeindliche Angriffe seit seiner Jugend nicht verschwunden sind: Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Tobias und sein Freund auf der Straße bespuckt. In Momenten wie diesem wird klar: In Sachen Gleichbehandlung von LGBTQI hat Deutschland noch einen weiten Weg zu gehen.

Gleich sind wir noch lange nicht

Schneider-Schmid beobachtet, dass sich in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen outen. Das ist gut, es gibt allerdings auch ein Aber: "Wichtig ist die gesetzliche Grundlage – die legale Gleichstellung von LGBTQI*-Menschen und dass ihre Identität entpathologisiert wird." Durch gesellschaftliche und gesetzliche Pathologisierung entstünden viele Probleme, die zu Mobbing, Homo- und Trans*feindlichkeit und Gewalt führen. 

Es sei Zeit, so Schneider-Schmid, dass LGBTQI Menschen in der Öffentlichkeit als komplexe Persönlichkeiten dargestellt werden – deren sexuelle Orientierung eben nur ein einzelner Aspekt ist. "Die Person ist dann nicht nur 'die Lesbe', sondern die Vorgesetzte, Mutter, Solistin im Kirchenchor und leidenschaftliche Sportlerin, die übrigens auch eine langjährige Partnerin hat." Dafür braucht es Vorbilder – wie vielleicht Jens Spahn, der sich kürzlich beim Wandern mit seinem Mann auf Instagram zeigte. Ganz normal. 

Homophobie ist kein Problem der Betroffenen. Homophobie ist das Problem einer heterosexuellen Gesellschaft, die stigmatisiert. "Früher dachte ich immer, 'Bitte toleriert mich'", erzählt Tobias. "Heute denke ich mir: Ich muss nicht toleriert werden. Ich bin kein schlechterer oder besserer Mensch." Was er sich stattdessen wünscht? Akzeptanz. 

Bis es so weit ist, bleibt Betroffenen nur, liebevoll mit sich selbst umzugehen und sich die Akzeptanz entgegenzubringen, die in der Gesellschaft noch fehlt – und das so laut wie möglich: Indem man Missstände anspricht, wie in dieser aktuelle Petition zum Transfusionsgesetz, sich öffentlich präsentiert, wie beim "Alternativen CSD" in Berlin, und auch Übergriffe anzeigt, wenn sie passieren.


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