Bild: Jess Steven/Emily May

Emily, 24, ist seit zwei Jahren mit ihrer Freundin Jess, 24, zusammen. Die beiden leben gemeinsam in London und betreiben einen Youtube-Channel. In ihren Videos zeigen sie sich ganz ungezwungen und erzählen, wie sie sich als lesbisches Paar in einer heterosexuellen Welt zurechtfinden, die sie immer wieder mit heteronormativen Rollenklischees konfrontiert.

Heteronormativität bezeichnet eine Weltanschauung, die Heterosexualität als den Normalfall ansieht. Eine Weltanschauung, die dazu führt, dass sich zwei verliebte Frauen immer wieder Fragen anhören müssen wie: “Wer ist denn der Mann und wer die Frau in eurer Beziehung?” Und weil diese Weltanschauung so vorherrschend ist, beeinflusst sie auch die Beziehungen von queeren Menschen.

So erzählt Jess, dass sie in ihrer Beziehung oft als der "männliche" Part wahrgenommen wird. “Ich bin in Beziehungen der dominantere Teil. Ich bin sehr beschützend”, sagt sie. Uns werde beigebracht, dass traditionellerweise Männer die Frauen beschützen. Dabei sei diese Dominanz für Jess keine Rolle, sondern ihr Naturell. Außerdem, da sind sich die beiden einig: Je nach Situation können sich die Rollen auch immer vermischen, auch sie sei manchmal dominant, sagt Emily. “So einseitig ist das auch gar nicht!“

Doch andere Menschen scheinen sich trotzdem zu wünschen, dass jede Beziehung in altbekannte Muster einzusortieren ist. Schuld daran ist das Schubladendenken einer heterosexuellen Welt, erklärt Umut Özdemir, Sexualpsychologe an der Charité in Berlin. "Problematisch kann es werden, wenn man als queerer Mensch versucht, sich an Kategorien oder Normen zu orientieren, die es so in der 'queeren Welt' nicht gibt."

Die Frage danach, wer der Mann und wer die Frau in einer Beziehung ist, sei ein klassisches Beispiel. “Einerseits impliziert diese Frage, dass es Verhalten gibt, das männlich oder weiblich ist.“ Die Frage nach der Rolle beinhalte aber noch mehr: “‘Wer ist der Mann, wer ist die Frau’ ist als microaggression – also absichtliche oder unabsichtliche Aussagen, Bemerkungen, 'Witze', die erniedrigend, beleidigend oder verletzend sind – einstufbar, mit denen sich viele queere Menschen nahezu tagtäglich konfrontiert sehen und diese als Invalidierung empfinden.”

Eine solche Invalidierung könne dazu führen, dass man unglücklich wird, weil man versucht, sich in Kategorien pressen zu lassen, die für einen selbst nicht anwendbar sind. „Man versucht sich quasi einen Schuh anzuziehen, der nicht passt. Über kurz oder lang wird dieser Schuh drücken und Schmerzen verursachen.” Dadurch kann der sogenannte Minderheitenstress entstehen: Minderheiten sehen sich eher Gewalt, Diskriminierung und Homofeindlichkeit ausgesetzt. Queere Menschen sind dadurch besonders anfällig für Depressionen, Angststörungen und Suizidalität.

Auch Medien können heteronormative Rollenklischees verbreiten. Emily erzählt, dass ihr beim Aufwachsen Vorbilder gefehlt haben. Dadurch, dass sie in den Medien keine femininen Lesben sah, mit denen sie sich identifizieren konnte, zweifelte sie an sich und an ihrer Sexualität. Sie hatte oft das Gefühl, nicht reinzupassen. “Ich wusste sehr früh, dass ich Frauen mag – das wusste auch jeder über mich”, sagt sie. Trotzdem habe sie sehr lange gebraucht, um sich einzugestehen, dass sie wirklich nur auf Frauen steht.

Anderen Menschen gegenüber muss sie sich bis heute häufig erklären. “Ich glaube, Heteros sind fasziniert … was ich nicht schlimm finde. Aber manchmal werden auch sehr persönliche Fragen gestellt – Fragen, die einem heterosexuellen Paar nicht gestellt werden würden.” Vor allem wenn es um das Thema Sex ginge, seien die Fragen sehr intim: Wie funktioniert was? Wo kommt was rein? Brauchst du nicht einfach nur den richtigen Kerl? “Ich habe dann manchmal das Gefühl, dass meine Sexualität nicht ernst genommen wird”, sagt Emily.

Als queerer Mensch bekommt man solche Fragen immer wieder zu hören. Und ist davon nicht selten genervt. Diese Reaktion findet Özdemir angebracht. Auch ein “Das möchte ich nicht beantworten” sei absolut okay. “Menschen haben unterschiedliche Grenzen: Was ich eine Person fragen darf, möchte die andere lieber nicht beantworten. Und das sollte man respektieren.”

Dem heterosexuellen Gegenüber rät der Psychologe zu reflektieren: “Woher nehme ich mir das Recht, das nachzufragen?“ Außerdem empfiehlt er: „Wenn ich eine Frage stellen möchte und mir schon denke ‘Oh, das könnte offensive rüberkommen’ – dann ist es das wahrscheinlich auch.”

Überhaupt nicht über Beziehungen und Sex zu reden, ist auch keine Lösung. Stattdessen empfiehlt Özdemir offene Fragen – die drängen niemanden in eine Ecke und lassen den Antworten Raum. Ein Gespräch könne zum Beispiel über Gemeinsamkeiten beginnen: “‘Hey, sag mal, wie ist das eigentlich in deiner Beziehung? Streitet ihr euch auch manchmal, wer mit dem Putzen an der Reihe ist?‘, oder so ähnlich.”  Wenn das Gespräch Richtung Sex gehe, könne man durchaus sensibel genug sein, Praktiken abzufragen, ohne diese Praktiken mit Geschlechtsidentitäten zu verbinden. Ein Beispiel dafür wäre: "Also, ich mag ja Oralverkehr aktiv. Wie ist das bei dir? Bist du da lieber aktiv oder passiv?"

So löst man den Konflikt mit den Rollennormen im Außen – aber wie läuft das im Inneren? Was kann ich tun, wenn ich selbst als queerer Mensch merke, dass ich Glaubenssätze habe, die meine Beziehung stören? “Um sich von heteronormativen Beziehungsrollen zu lösen, kann ich mein Rollenverständnis im Kopf zuallererst hinterfragen: Woher kommt das? Warum denke ich so? Habe ich das von anderen Menschen übernommen, ohne das zu hinterfragen?”

Die erste Selbstfindung findet für queere Menschen mit dem Coming-out statt. Vor dem “äußeren Coming-out” – also dem Coming-out anderen Menschen gegenüber – kommt es zu einem inneren Coming-out. “Es geht darum, seine Identität zu finden, sei es geschlechtlich oder sexuell“, erklärt Özdemir. In diesem Zuge lege man oftmals heteronormative Sichtweisen ab. „Sehr oft ist dies aber auch ein lebenslanger Prozess.”

Bei diesem Prozess helfe vor allem der Kontakt zu anderen queeren Menschen, ein Austausch darüber, wie man liebt und Dinge handhabt. Dadurch könne man sich Dinge abschauen und eigene Konflikte leichter lösen. Wenn Vorbilder in den Medien fehlen, suche man sie sich im persönlichen Umfeld, erklärt Özdemir.

Emily beobachtet aber auch eine Verbesserung in der öffentlichen Wahrnehmung von queeren Personen. “In Filmen sieht man mittlerweile jüngere lesbische Paare, die girly sind.” Das wird vor allem zukünftigen Generationen helfen, glaubt sie. Auch Prominente trauen sich immer häufiger, offen queer zu sein.

So wie Jess und Emily ihre Liebe offen zeigen. In ihren Videos erklären sie ihrem Publikum das Leben als lesbisches Paar – mit Problemen, die alle anderen auch haben. Dadurch lernt der Zuschauer: Jede Liebe ist besonders, einzigartig und doch ganz normal – und das ist gut so.


Uni und Arbeit

"Ich möchte auf jeden Fall umziehen, um aus meiner Heimatstadt rauszukommen"
Wir haben mit zukünftigen Erstsemestern über das kommende Wintersemester gesprochen.

Die Abiturprüfungen sind endlich geschafft, die Bachelorarbeit ist angemeldet und auch die letzten Uni-Bewerbungen sind abgeschickt. Während viele Abiturient*innen und Bachelorabsolvent*innen sich normalerweise in diesen Wochen um die Wohnungssuche und ihre Immatrikulation kümmern würden, gestaltet sich das in diesem Sommer etwas anders. 

Kennenlernwochen und Einführungsveranstaltungen werden im Herbst wohl kaum in gewohnter Weise stattfinden können. Dafür wird an vielen Universitäten und Fachhochschulen ein "Hybridsemester" angeboten, also eine Mischung aus Online- und Präsenzunterricht. Im Wintersemester – das in diesem Jahr erst ab November beginnt – sollen vor allem Erstsemester die Möglichkeit erhalten, an Präsenzveranstaltungen teilzunehmen. Ob dies gelingt, bleibt aber abzuwarten. Diese Ungewissheit schlägt sich vor allem in der Wohnungssuche von Erstsemestern nieder. 

Auf Anfrage von bento gibt es laut Studierendenwerk Berlin derzeit ungefähr 2000 Studierende, die auf eine Wohnung warten (Stand: 30. Juli 2020), das sei aber deutlich weniger als in den Vorjahren. Die Nachfrage auf die begehrten Studentenwohnheime in der Hauptstadt hat im Vergleich zum vergangenen Jahr abgenommen. Das liege aber auch daran, dass internationale Studierende normalerweise einen großen Anteil der Bewerber*innen ausmachen, diese aktuell aber weitgehend fern bleiben. Stattdessen suchen viele Menschen aber nach WG-Zimmern. Laut den Betreibern der Plattform WG-Gesucht liegen die Suchanfragen seit der Lockerung der Maßnahmen von Anfang Mai in vielen Städten sogar über dem Vorjahresniveau – und das schon drei Monate vor offiziellem Semesterbeginn. Allerdings gehe die Nachfrage nach befristeten Angeboten spürbar zurück.

Wie wirken sich diese Entwicklungen und der geplante Hybrid-Unterricht auf die Zukunftsplanung und Wohnsituation von zukünftigen Studierenden aus? bento hat mit drei zukünftigen Studierenden über ihre Umzugspläne zum Wintersemester, Onlinelehre und Alternativen gesprochen.

Sönke, 26, wird Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studieren