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Hodenkrebs betrifft im Gegensatz zu vielen anderen Krebsarten vor allem junge Männer. Die Diagnose erwischt viele mitten in der Ausbildung, im Studium, in einer Zeit, in der sie in ihren ersten Job starten oder ihre erste lange Beziehung führen.

Was macht man, wenn man mit Mitte zwanzig auf einmal Hodenkrebs hat?

Hier erzählen Jan, 27, und Paul*, 28, wie die Erkrankung ihr Studium, ihre Beziehung und ihre Lebensplanung beeinflusst hat.

Jan, 27, Student aus Kiel, ist vor drei Jahren an Hodenkrebs erkrankt. Die Erkrankung hat ihn durch sein ganzes Studium begleitet. 

Ich habe den Knubbel bemerkt, als ich gerade den Geschirrspüler ausgeräumt habe. Ich habe eine ungewohnte Bewegung gemacht und plötzlich etwas Seltsames in meiner Hose gespürt. Es hat sich angefühlt wie eine halbe Erbse, als hätte man die von außen auf den Hoden draufgeklebt. Erst war ich mir unsicher, ob da wirklich etwas ist, aber meine Freundin – wir waren damals frisch drei Monate zusammen – konnte die Ausbeulung auch spüren. 

Mir ist sofort das Worst-Case-Szenario durch den Kopf geschossen, dass es Hodenkrebs sein könnte.
Jan

Ich habe panisch den Urologen angerufen, aber es war Freitagnachmittag und ich habe natürlich keinen Termin mehr bekommen. Ich musste das Wochenende abwarten. Es war Kieler Woche, am Samstag waren wir feiern, am Sonntagabend haben wir uns an der Förde das Feuerwerk angesehen. Trotzdem konnte ich die Gedanken an diesen Knubbel nicht verdrängen.  

Am Montagmorgen bin ich zum Urologen gegangen. Dann ging alles ganz schnell. Ultraschall, Verdacht auf Hodenkrebs. Über mir ist alles zusammengebrochen. Ich weiß noch, dass ich völlig geschockt war und mich auf die Liege legen musste. Natürlich habe ich mich gefragt: Warum sollte ausgerechnet ich Hodenkrebs haben? Später habe ich dann erfahren, dass ich vom Alter her – ich war damals 24 – genau in der Risikogruppe für Hodenkrebs lag. 

Hodenkrebs bei jungen Männern

Hodenkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung bei jungen Männern. Laut Robert-Koch-Institut werden in Deutschland jährlich etwa 4.200 Neuerkrankungen gezählt. Am häufigsten erkranken Männer im Alter zwischen 25 und 45 Jahren

Pro Jahr erhalten etwa 2 von 10.000 Männern in dieser Altersgruppe die Diagnose. Es ist also auch in dieser am häufigsten betroffenen Gruppe immer noch eine seltene Erkrankung. (Spiegel Online)

Am nächsten Tag lag ich schon auf dem OP-Tisch. 

Bei Hodenkrebs kann man erst nach der OP sagen, ob der Tumor gut- oder bösartig war; deshalb mussten die Ärzte sehr schnell reagieren. Sie haben meinen Bauch unten an der Leiste ein Stück aufgeschnitten und den einen Hoden und alle Samenstränge rausgenommen. Danach musste ich eine Woche auf das Ergebnis warten und hoffen, dass der Tumor nicht bösartig war. 

Hinzu kam, dass direkt nach der OP die Prüfungswoche war, sodass ich nebenbei drei Klausuren schreiben musste. Der Erfolg war mäßig, wahrscheinlich hätte ich es lieber lassen sollen. Nach den Klausuren habe ich die Nachricht bekommen, dass der Tumor bösartig war. 

Dass es Hodenkrebs war, war mir in dem Moment relativ egal. Ich wollte einfach nur, dass alles vorbei ist. Über sexuelle Beeinträchtigungen oder Unfruchtbarkeit habe ich mir so gut wie keine Gedanken gemacht. Mein Arzt hatte mir gesagt, dass der Krebs und die OP keine Auswirkungen darauf haben würden. Das würde ein Hoden genauso gut allein schaffen. 

In der Zeit danach war ich trotzdem ziemlich am Boden. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, gerade weil ich ja auch frisch verliebt war: 

Würde ich überleben? Würde ich wieder "der alte Jan" werden?

Heilungschancen

Die Heilungschancen sind sehr gut: Etwa 95 Prozent der Männer mit Hodenkrebs werden wieder gesund. Die Behandlung hat keinen Einfluss auf die Sexualität. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) empfiehlt jedoch, vor der Behandlung eine Fruchtbarkeitsreserve anzulegen, also Spermien einzufrieren.

Ich habe mir wirklich schlimme Szenarien ausgemalt.

Das alles war im Juli. Etwa einen Monat danach, im August, hatte ich meinen ersten Chemo-Tag. Ich war insgesamt acht Nächte im Krankenhaus, 24 Stunden am Tag an das Infusionsgerät angeschlossen. 

Zuerst habe ich nicht viel von der Chemo bemerkt, da ging es mir noch gut. Erst als ich dann aus dem Krankenhaus raus war, ging es mir richtig schlecht. Es war als hätte ich eine Grippe. Ich lag in einer Decke eingewickelt auf dem Sofa, habe gefroren. Ich bekam nachts Nasenbluten und konnte nicht schlafen. Wenn ich bloß die Treppe hochgestiegen bin, war ich völlig außer Atem.

Ich war körperlich ein Wrack. Ich konnte nichts mehr. Dann sind mir die Haare ausgefallen. Keine Haare mehr, kaum noch Wimpern, der ganze Bart war weg. Nichts mehr. Ich sah richtig entstellt aus, wollte das Haus nicht mehr verlassen. 

Ohne meine Freundin hätte ich das alles nicht so gut überstanden. Unsere Beziehung wurde durch die Erkrankung schon sehr früh auf die Probe gestellt. Sie hat versucht, mich aufzubauen, hat immer zu mir gehalten. Wir sind dadurch noch fester zusammengewachsen.   

Ich wollte einfach meinen Alltag zurückhaben.
Jan

Wirklich bergauf ging es erst drei Monate nach der OP, Mitte Oktober. Da bin ich wieder rausgegangen, habe mich unter Leute getraut. Ich bin auch wieder zur Uni gegangen. Ich wollte einfach meinen Alltag zurückhaben. 

Im November hatte ich dann wieder einen Flaum auf dem Kopf. Da war ich wahnsinnig erleichtert. Ich kann mich noch an Weihnachten erinnern, da war mein Kopf schon wieder komplett bedeckt. 

Heute, drei Jahre danach, geht es mir gut. Ich gehe jetzt alle sechs Monate zur Kontrolluntersuchung. Die Erkrankung hat mich zwar im Studium zurückgeworfen, und ich hatte letztes Jahr im Sommer noch eine Phase, in der meine Tumormarker, also bestimmte Stoffe im Blut, die bei einer Krebserkrankung vermehrt auftreten, wieder hochgegangen sind. 

Da habe ich mich natürlich wieder verrückt gemacht, dass wieder irgendwo etwas ist. Aber dann haben sich die Werte doch wieder normalisiert und seitdem habe ich ein bisschen damit abgeschlossen. Mittlerweile lass ich mich von so etwas nicht mehr so runterziehen. Ich denke, jetzt bin ich über den Berg damit. 

Ich bin wieder der Alte. 

Die richtige Vorsorge

Im Rahmen des gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramms gibt es keine Früherkennungsuntersuchung für junge Männer. Deshalb empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) allen Männern zwischen 14 und 45 Jahren, sich ein Mal im Monat selbst abzutasten, am besten im Stehen unter der warmen Dusche. Auf ihrer Seite hodencheck.de erklärt die DGU, worauf man bei der Selbstuntersuchung achten muss.

Paul*, 28, aus Münster hat selbst Medizin studiert. Das war sein großes Glück. Vermutlich wäre der Krebs bei ihm sonst erst später entdeckt worden.

Der Krebs wurde bei mir rein zufällig entdeckt. Ich war damals 26, im Medizinstudium und eigentlich vollkommen gesund. Die Urologie der Uniklinik hat junge, gesunde Probanden für eine Studie gesucht. Ich habe mich als Teilnehmer gemeldet, auch weil es nebenbei als Aufwandsentschädigung 100 Euro gab. 

Beim Ultraschall wurden bei mir in einem Hoden Veränderungen im Gewebe entdeckt. Ich muss sagen, dass ich selbst nie zu einer Vorsorgeuntersuchung gegangen bin. Ich hatte weder Schmerzen, noch eine ertastbare Schwellung. Von außen hat man nichts gesehen. Wenn ich nicht an dieser Studie teilgenommen hätte, wäre es vermutlich erst einmal nicht aufgefallen. 

Zuerst war nicht klar, ob die Veränderungen gut- oder bösartig sind. Ich wusste durch mein Studium, dass bösartige Veränderungen in dem Alter nicht selten sind. Trotzdem habe ich nicht damit gerechnet, aus voller Gesundheit auf einmal Tumorpatient zu werden. Als man mich dann gebeten hat, zur Besprechung der Ergebnisse noch einmal ins Krankenhaus zu kommen, musste ich schlucken. 

Es war das erste Mal, dass ich in meinem Leben so etwas wie einen "Rückschlag" erlebt habe.
Paul

Da war mir klar, dass irgendwas nicht stimmt.

Die Ärzte haben mir dann sehr schonend beigebracht, dass die Veränderungen bösartig sind, aber ich konnte gar nicht richtig weiter zuhören. Ich habe ein Stück weit abgeschaltet, es ist so ein Gefühl von Leere eingetreten. Ich weiß noch, wie ich aus der Praxis rausgegangen bin und die Welt hat sich weitergedreht. Die Sonne schien, die Leute waren wie immer und ich selbst hab mich gefragt: Warum ausgerechnet ich? Es war das erste Mal, dass ich in meinem Leben so etwas wie einen Rückschlag erlebt habe.

Die Zeit direkt nach der Diagnose war rückblickend die schwierigste Zeit. Diese Ungewissheit, wie es weitergeht, ob man längerfristig aus dem Leben gerissen wird, war das Schlimmste. Als ich erfahren habe, dass keine Lymphknoten betroffen waren und dass die Tumormarker unauffällig waren, sodass nach der OP keine weitere Therapie nötig sein würde, ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen. So ein Seminom, eine Form von Hodenkrebs, die nur aus einer Gewebeart besteht, lässt sich in der Regel gut behandeln, gerade in einem so frühen Stadium. 

Insofern hatte ich sehr viel Glück im Unglück. 

In der Zeit bis zur OP habe ich versucht, ganz normal meinen Alltag weiterzuleben. Das war mir wichtig. Ich glaube, wenn man viel über die Erkrankung nachdenkt, steigert man sich schnell in etwas rein und lässt sich runterziehen. Deswegen habe ich versucht, mich etwas abzulenken. 

Meine Familie hat mich in der Zeit sehr unterstützt und auch meine Freundin war immer für mich da. Sie hat mir geholfen, das alles mental zu verarbeiten. Die Erkrankung hat uns enger zusammengeschweißt. Ich habe vor der OP noch ein Kryokonservat angelegt, also Spermien eingefroren. Ich weiß zwar, dass ein Hoden vollkommen ausreicht für die Fruchtbarkeit, aber ich wollte abgesichert sein. 

Die OP-Situation kannte ich bis dahin nur aus der anderen Perspektive, als Medizin-Student oder Praktikant. Ich war sehr nervös, habe mich gefragt, ob ich Schmerzen haben würde nach der OP, wie es sich anfühlen würde mit nur noch einem Hoden. 

Die Ärzte hatten mir vor der OP angeboten, ein Implantat einzusetzen, aber das war nichts für mich. So ein Implantat ist und bleibt ein Fremdkörper. Das ist immer auch mit Risiken verbunden. Außerdem ist der Hoden ja kein Körperteil, den man dauerhaft zur Schau trägt. 

Es bleibt ein Gefühl der Ungewissheit, das mich schon ein Stück einschränkt.
Paul

In der ersten Zeit nach der OP habe ich schon gemerkt, dass etwas fehlt, aber so im Alltag macht es eigentlich gar keinen Unterschied. Alles, was man heute von der OP sieht, ist eine kleine Narbe im Bereich der Leiste. 

Ich habe mich gut erholt. Ich geh jetzt regelmäßig zur Kontrolle, um den zweiten Hoden im Blick zu behalten. Ganz befreit sagen, dass ich alles überstanden habe, kann ich nicht. Es bleibt ein Gefühl der Ungewissheit, das mich schon ein Stück einschränkt.


*Paul wollte für diese Geschichte anonym bleiben, sein Name ist der Redaktion bekannt.


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