Bild: privat
Eigentlich war das alles anders geplant.

Keine Gäste, keine Feier und wohin mit den ganzen Blumen? Paare, die in den letzten Monaten ihre Hochzeit geplant haben, sind wegen der Coronakrise auf ganz besondere Probleme gestoßen. 

Sarah, 30, und Chris, 32, leben in Berlin, sind Betriebsplaner und haben sich vor drei Jahren bei der Arbeit kennengelernt. Seit letztem Sommer sind sie verlobt, einen klassischen Antrag gab es nicht. Die beiden haben einfach gemeinsam entschieden: Wir wollen heiraten. Dass sie ihr Hochzeitsessen wegen einer Pandemie im McDrive abholen müssten, hatten sie damals nicht erwartet. Geplant war das eigentlich ganz anders.

Uns haben sie die Geschichte ihrer Corona-Hochzeit erzählt:

(Bild: Gregor Szielasko)

Sarah: Eine Heirat zu planen ist auch ohne Coronakrise gar nicht so einfach. Einen Termin für die Anmeldung im Standesamt zu bekommen, war in Berlin beinahe unmöglich. Als wir dann einen hatten, wollten wir ihn nicht stornieren.

Wir beschlossen, nicht in Berlin zu heiraten, sondern in Winsen, woher Chris kommt. Das Standesamt dort hat nicht nur Trauzimmer im Rathaus, sondern auch in einem Schloss.

Chris: Unser Plan war, Anfang April im Kreis der Familie mit etwa 30 Leuten standesamtlich zu heiraten und nachmittags mit insgesamt 80 Leuten in einem Gasthof zusammen zu feiern.

Sarah: Am Anfang haben wir die Nachrichten über das Coronavirus überhaupt nicht mit den Gedanken an die Hochzeit verknüpft. Ende Februar habe ich sogar noch die Blumen bestellt. Dass das unsere Pläne beeinflussen könnte, war uns nicht bewusst. Dann wurden unsere Flitterwochen gecancelt. Im Nachhinein der traurigste Moment für uns, weil wir uns als werdende Eltern sehr auf diesen letzten Urlaub zu zweit gefreut hatten. Obwohl wir daraufhin schon ein ungutes Gefühl hatten, waren wir immer noch hoffnungsvoll. Wenn schon die Flitterwochen ausfallen, dann sollte zumindest die Feier stattfinden. Wir haben uns an die guten Nachrichten geklammert, aber die wurden immer weniger.

Chris: Wir erkundigten uns beim Gasthof, ob unsere Feier wie geplant stattfinden könne. "Klar", versicherte uns der Wirt. "Hier gibt's kein Corona." Kurz danach, Mitte März, haben sich die Meldungen dann täglich überschlagen. Eine Woche nachdem wir im Gasthof angerufen hatte, meldete sich der Wirt wieder bei uns. Er müsse zumachen, sagte er, und unsere Feier leider absagen.

Sarah: Spätestens da haben wir gemerkt, dass das alles nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt hatten. 

Chris: Es gab Tage, an denen ich den Newsticker im Fünf-Minuten-Takt aktualisiert habe. Können wir feiern oder nicht?

Sarah: Irgendwann hatten wir selbst keine Lust mehr. Einerseits mussten wir dafür sorgen, dass unsere Gäste rechtzeitig Bescheid bekommen, andererseits wollten auch wir endlich eine Entscheidung für uns haben.

Chris: Also haben wir die Feier abgesagt und verschoben. Damit fiel die größte Last von uns ab. Eigentlich war das eine Erleichterung.

Chris: Die Trauung selbst sollte stattfinden, falls es keine neuen Beschränkungen geben würde. Und dann kam unser Hochzeitstag.

„Auf dem Weg zum Standesamt habe ich mich ein bisschen wie an Karneval gefühlt.“
Sarah

Sarah: Eigentlich wollte ich im Gasthof übernachten und mich morgens dort fertig machen. Stattdessen habe ich bei Chris' Bruder und dessen Freundin geschlafen. Sie hat mir geholfen, die Haare zu machen, weil meine Friseurin nicht mehr arbeiten durfte. Geschminkt habe ich mich selbst. Eigentlich sollte meine Schwester meine Trauzeugin sein und das gemeinsam mit mir machen – die war aber in Quarantäne, weil sie als Krankenschwester Kontakt zu einem Corona-Patienten hatte. Das lief also alles in Eigenregie.

Chris: Sie sah trotzdem wunderschön aus!

(Bild: Gregor Szielasko)

Sarah: Auf dem Weg zum Standesamt habe ich mich ein bisschen wie an Karneval gefühlt. Chris' Bruder und seine Freundin haben mich zum Schloss gefahren und sind dann zurück nach Hause. Auf den Straßen war nichts los, nur ein paar Menschen waren unterwegs und ich, im Brautkleid. Erst im Schloss habe ich mich nicht mehr so verkleidet gefühlt.

Chris hat bei seinem Trauzeugen übernachtet. Eigentlich war das nicht erlaubt, weil man in Niedersachsen niemanden besuchen sollte, der nicht zum eigenen Haushalt gehört. Aber da wir von Berlin aus angereist sind, war das die beste Lösung. Und dieses kleine Stück Tradition, sich eine Nacht vor der Hochzeit nicht zu sehen, war uns wichtig. 

Chris: Wir hatten Glück und durften unsere Trauzeugen mit zur Trauung nehmen. In Berlin wäre das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen. Für uns war es in Ordnung, das alles in diesem kleinen Kreis zu erleben. 

Sarah: Für unsere Familien war es wahrscheinlich schlimmer als für uns. Meine Mutter war als einziges Familienmitglied bei der Trauung dabei, weil sie als Trauzeugin eingesprungen ist.

Danach wurden wir vor dem Schloss nur von unseren Eltern und zwei Freunden in Empfang genommen. 

Chris: Es gab keine Umarmungen und immer genug Abstand. Wenn wir sowieso nicht feiern konnten, wollten wir keinesfalls, dass jemand seine Gesundheit aufs Spiel setzt. Das war schon eine seltsame Situation. Das einzig Normale waren eigentlich die Hochzeitsfotos, bei denen man ohnehin Distanz zum Fotografen hat.

(Bild: privat)

Sarah: Nach der Trauung hatten wir den schönsten Moment unserer Hochzeit: Chris hat mich überrascht, er hatte eine Bluetooth-Box organisiert. Wir haben vor dem Schloss unseren Hochzeitstanz getanzt, während die anderen in einem großen Kreis um uns herumstanden.

Später saßen wir noch kurz mit unseren Eltern auf der Terrasse in der Sonne. Dann wollten wir zurück nach Berlin fahren.

„Die McDonald's-Mitarbeiter waren ein bisschen überfordert. Tatsächlich haben sie nicht einmal gratuliert.“
Chris

Chris: Aber nicht in Anzug und Brautkleid. Auf dem Weg zu meinem Bruder, wo wir uns umziehen wollten, dachten wir, wir holen uns noch eine Stärkung und fahren bei Mäcces vorbei. Im McDrive haben wir uns zwei Cheeseburger bestellt und die Mitarbeiter in unserem Aufzug wohl ein bisschen überfordert. Tatsächlich haben sie nicht einmal gratuliert. (lacht)

(Bild: privat)

Sarah: Auch unsere Freunde mussten umplanen. Ursprünglich wollten sie uns einen selbstgeschriebenen Song auf der Feier live präsentieren. Den haben sie nun alle einzeln aufgenommen und zusammengeschnitten. Wir haben eine CD geschenkt bekommen, die wir auf der Rückfahrt gehört haben. Ein tolles Geschenk!

Wir hatten eine schöne Hochzeit. Und wir haben einen neuen Plan. 

Chris: Unsere Lösung ist eigentlich ganz einfach: Wir feiern genau ein Jahr später an unserem ersten Hochzeitstag. Unseren Gästen haben wir gesagt, sie sollen auf der Einladung nur die Jahreszahl ändern. Der Gasthof und der DJ haben sich den Termin bereits vorgemerkt, die Deko heben wir auf. Und wir können das Brautkleid und den Anzug noch einmal tragen. Zum Glück haben die Sachen keine Ketchup-Flecken. 


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