Folge 4 unserer Serie: Dorfliebe

Samstags um kurz nach zehn ist der Bus nach Groß Denkte leer. Der Fahrer hört über eine Bluetooth Box Heavy Metal, der Bus gleitet über die Landstraße. Erst kommen Felder, dann ein Netto, dann die Tanke. Mehr Läden gibt es nicht, die Gemeinde hat knapp 1.900 Einwohner. 

Sanne steht unruhig an der einzigen Bushaltestelle des Dorfs. Ihre Hände klammern sich um die Zigarettenschachtel. Bedächtig steckt sich Sanne eine Zigarette an, ein Tattoo blitzt an ihrer Hand auf, eine rote Schleife. 

Ihr erstes Tattoo ist ein Skorpion. Klein und hochgefährlich. Da ist sie 14. Ein Freund sticht es ihr mit einer selbstgebauten Maschine. Seitdem füllt sich ihre Haut. "Lieber stehend sterben, als kniend leben" steht auf ihrem Bein. So ist Sanne. Ihre langen, schwarzgefärbten Haare haben jede Farbe der Palette schon einmal gesehen. Sie trägt einen Nasenring. Sanne sieht aus wie eine, die mit dem Kopf durch die Wand geht, wenn es darauf ankommt.

Die AIDS-Schleife auf der Hand kommt später. Als sie erfährt, dass sie mit dem HI-Virus infiziert ist. Klein und hochgefährlich.

Sanne in der Bushaltestelle ihres Heimatortes Groß Denkte in Niedersachsen.

(Bild: Privat)

Vater, Mutter, Kind: Sanne lebt ihre Bilderbuch-Fantasie – bis ein Abend alles verändert

Zehn Jahre zuvor hatte sie ein Haus im benachbarten Dorstadt, drei Kinder und war verheiratet. Kinder und Haus blieben ihr, als der Mann ging. Die Babysitterin nahm er mit. Plötzlich stand sie alleine da. 

„Für mich war das wie ein Schlag ins Gesicht.“
Sanne

Nach der Trennung will sie erstmal nur vergessen, geht feiern. Es ist Samstagnacht im Nachbardorf. Die Neonlichter der Disko blitzen in Sannes Augen. Ein Wodka mit Orangensaft. Ein zweiter. Nervöse Vorfreude. Seht ihr den da? Die Clique nickt. 

An diesem Abend hat Sanne Sex auf dem Parkplatz vor der Disko. Flüchtig werden Namen getauscht. Sie wird seinen wieder vergessen. Er bleibt der einzige One-Night-Stand ihres Lebens.

Wenig später trifft Sanne Sven. Er ist Elektrotechniker im Nachbarort, sie kennen sich schon aus Schulzeiten, verlieben sich, werden ein Paar. "Sven kam genau im richtigen Moment", sagt sie heute. Sie verhüten die ersten Wochen mit Kondom. Dann beschließen sie, sei das nicht mehr nötig. 

Doch Sanne ist positiv. Diagnose: HIV.

Sie erfährt es im Februar. Drei Monate ist sie schon mit Sven zusammen. Doch immer wieder hat sie Schmerzen. Ein Leistenbruch. Der Eingriff verläuft ohne Zwischenfälle. Dann ein Anruf vom Arzt. Sie müsse noch einmal in die Praxis kommen. 

Sanne macht sich Sorgen. Schon zweimal hatte sie Krebs, das letzte Mal musste sie eine Chemotherapie machen. Sie denkt an ihre drei Kinder. Der Kleinste ist erst vier. Sie bekommt Angst. Sanne ruft Sven an. Stark bleiben. Zusammen fahren sie in die Praxis. 

"Warum haben sie mir vor der OP nicht gesagt, dass Sie HIV-positiv sind", fragt der Arzt. "Warum ich... was?", fragt Sanne. Ihr wird schwindelig. Sven sitzt im Warteraum. "Darf Ihr Freund es auch wissen?" Sanne nickt, muss er wohl. Sven legt sich auf die Couch im Behandlungszimmer und steht erstmal nicht mehr auf. Sanne muss plötzlich für zwei stark bleiben. Schafft es kaum für sich selbst. 

Vor einigen Jahren hat sich Sanne die AIDS-Schleife tätowieren lassen - sie will sich nicht mehr verstecken.

(Bild: Privat)

Knapp 200 Helferzellen habe sie da nur noch gehabt, der Normalwert liegt bei 500. Die Helferzellen unterstützen das Immunsystem, bei HIV-Positiven ist dieses so geschwächt, dass selbst eine Erkältung schlimme Folgen haben kann. Fällt der Wert der Helferzellen unter 200, ist das Risiko groß, an sogenannten “AIDS-definierenden Erkrankungen” zu sterben, wie einer Lungenentzündung oder Tumoren. Sanne liest die ganze Nacht im Netz. Viruslast, Selbsthilfegruppen, Laborwerte, in ihrem Kopf tobt das Chaos. Ihre Mutter sagt: "Wir schaffen das schon."

In Deutschland gibt es circa 86.000 Menschen, die HIV-positiv sind. 11.000 davon wissen schätzungsweise gar nicht, dass sie überhaupt infiziert sind. (Deutsche Aidshilfe)

Gehörte Sannes One-Night-Stand dazu? 

Die Frage treibt sie noch heute um. Einmal hat sie noch versucht ihn zu finden, ist in die Disko gefahren, um ihn zu suchen. Sie hat ihn nie mehr gesehen. 

Die Monate nach der Diagnose sind die schlimmsten. Zwölf Wochen brauchen die Tests, um einwandfrei zu bestimmen, ob eine Infektion vorliegt oder nicht. In der Zeit pulsiert nur eine einzige Frage in Sannes Kopf: "Habe ich meine Familie angesteckt?" Die Angst macht sie schlaflos. Kein Kuss, keine Umarmung, keine Berührung. In diesen Monaten schreibt sie ihr Testament.

„Ich wollte meine Kinder weggeben, so verzweifelt war ich. Ich dachte: 'Jetzt verreckst du elendig.'“

Sven und die Kinder sind negativ. Die Erleichterung flutet Sannes Herz. Doch die vielen Therapien, die folgen, zehren an ihr. Die Krebsmedikamente vertragen sich nicht mit den HIV-Tabletten. Immer wieder muss sie die Kombination wechseln. Sie leidet an lebhaften Träumen, sieht ihre Kinder blutverschmiert und wacht völlig durchgeschwitzt auf. "Was willst du denn noch mit mir?", fragt sie Sven. Aber Sven bleibt. 

Kurze Zeit später erzählt Sanne ihrem Ex-Mann von ihrem HIV. Sie glaubt, sie schulde ihm diese Information. Sie wird es später bereuen. Schnell weiß es ganz Dorstadt. Wenn Sanne einkaufen geht, wechseln ihre Nachbarn die Straßenseite. Sanne spürt die Ablehnung, fühlt sich machtlos. 

Kein Arzt im Dorf möchte sie mehr behandeln, im Supermarkt will sie keiner bedienen. Sogar ihre Kinder werden angefeindet. 

"Am liebsten wäre ich da weggezogen", sagt Sanne. Aber ihr fehlt das Geld. Die Ausgrenzung der Kinder sei das Schlimmste, sagt sie. Zum Geburtstag von Nico kommt nicht eins der eingeladenen Kinder. Die anderen Eltern haben Angst. 

Damals sagt sie ihren Kindern selbst, ihr Blut sei giftig. In jedem Zimmer steht ein Desinfektionsmittel. "Als meine Tochter sich einmal verletzt hat, hab ich Handschuhe angezogen, um ihr ein Pflaster aufzukleben", erzählt Sanne. Absurd findet sie das heute.

HIV. Für viele klingt das noch immer wie ein Todesurteil. Dabei ist die Lebenserwartung bei einer durchgehenden Therapie  fast genauso hoch wie die durchschnittliche Lebenserwartung bei einem nicht Infizierten. Trotzdem ist HIV bisher unheilbar. Aber Sanne will sich nicht mehr davon bestimmen lassen. Lieber möchte sie anderen helfen, die Krankheit besser zu verstehen. Denn nur wenige tun das. 

Jetzt wohnt Sanne mit ihren Kindern wieder in ihrem Elternhaus. Sie wollte wieder näher bei ihrer Mutter sein. Groß Denkte tuschele nicht, sagt sie. Hier fühlt sie sich wohl. Mit ihrer Krankheit geht sie jetzt schon lange offen um. Seitdem sind die Menschen toleranter ihr gegenüber geworden und neugieriger. 

„Das HIV muss jetzt mit mir leben, nicht andersherum.“
Sanne

Ihr Bein liegt locker auf denen von Sven, die Zeiten ohne Berühung sind vorbei. Die Viren in Sannes Blut liegen momentan unter der Nachweisgrenze. Das heißt, es sind so wenige Viren in ihren Blutgefäßen, dass sie andere Menschen nicht anstecken kann. Alle drei Monate muss sie das kontrollieren lassen. Sie kann auch wieder ungeschützten Sex haben, solange sie ihre Medikamente nimmt. Jetzt ist die Liebe wieder zum Alltag geworden.

"Egal, wie schlecht es mir geht, für meine Familie würde ich mich immer aufraffen", sagt Sanne. Sie ist so eine. Die mit dem Kopf durch die Wand geht, wenn es darauf ankommt. 

Dorfliebe

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leben auf dem Land (Statista). Dort spielen die Geschichten des Alltags, die großen und kleinen Dramen. Davon berichten Masterstudierende des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. Sie haben sich aufgemacht und die Liebe auf dem Dorf gesucht. 

Hier findest du alle Geschichten der Reihe und hier gibt es mehr Infos zum Projekt.


Queer

Angriffe auf queere Menschen in Polen: "Verschwinden werden wir nicht"

Die queere Szene in Polen sieht sich immer größeren Anfeindungen ausgesetzt. Seit Jahresbeginn verabschiedeten vier Regionalparlamente Resolutionen gegen die "LGBT-Ideologie". Eine rechtskonservative Zeitschrift legt ihren Ausgaben Sticker mit der Aufschrift "LGBT-freie Zone" bei (MDR). Und vergangenes Wochenende bat Bischof Miroslaw Milewski anlässlich einer Weihe darum, vor der "kranken LGBT-Ideolgie" beschützt zu werden (queer.de).

Der bisherige Höhepunkt der öffentlichen Anfeindungen gegen die queere Szene in Polen wurde in der Großstadt Bialystok erreicht, gut zwei Stunden nordöstlich von Warschau. 

Zum ersten Mal sollte hier eine Gay-Pride stattfinden, doch Hooligans und Nationalisten attackierten den Umzug, es flogen Flaschen, Steine und Feuerwerkskörper. 

Laut polnischen Medienangaben kamen auf etwa tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gay-Pride rund 4000 Gegendemonstranten. Neben Nationalisten hatten auch katholische Gruppen zu den Protesten aufgerufen. 

Gesichert wurde die Pride von rund 700 Polizisten – zu wenige, sagt Anna Pietrucha. Die 26-Jährige aus Warschau sollte eigentlich als Rednerin auf der Parade auftreten. Doch dazu kam es nicht.

Zu gefährlich wäre es gewesen, hätte sie auf einem Podium gestanden. Wir haben mit Anna über die aktuelle Situation für queere Menschen in Polen gesprochen. 

Anna, was hat sich seit der Gay-Pride in Bialystok für dich verändert?

"Ich war bereits zuvor so vorsichtig wie nur möglich, ging beispielsweise nach Demonstrationen nie allein nach Hause. Einmal wurde ich körperlich angegriffen, aber insgesamt ist mir nichts wirklich Schlimmes passiert. Die Gefahr schien in recht weiter Ferne. Aber seit Bialystok habe ich Angst, jederzeit angegriffen werden zu können. Vor einer Woche habe ich eine Regenbogenflagge in mein Fenster gehangen, habe sie aber nach ein paar Stunden wieder heruntergenommen, weil ich andauernd dachte, jemand würde mir deshalb die Scheibe einwerfen."

Wie hast du die Situation während der Gay-Pride denn erlebt?

"Ich habe schon viele Demonstrationen besucht, auch in kleineren Städten – so schlimm war es noch nie. Ich hatte wirklich Angst. 

Schon auf dem Weg zur Pride wurden wir von Nationalisten als Pädophile bezeichnet. Ich sah einen Protestmarsch von Katholiken, manche von ihnen trugen Schilder und Banner mit homophoben Sprüchen.