Und ob sie deshalb ausgegrenzt werden.

Sie sind HIV-positiv." Ein Satz, der Betroffene zusammenschrecken und Zukunftsvorstellungen zerplatzen lässt. Will jetzt noch jemand etwas mit mir zu tun haben? Werde ich sterben? Conchita Wurst wollte gegen diese Ängste von HIV-Positiven etwas unternehmen – und gab vor wenigen Wochen ihre Diagnose bei Instagram bekannt. Ihr Ex-Freund hatte gedroht, mit ihrer Infektion an die Öffentlichkeit zu gehen. Also tat die Siegerin des Eurovision Song Contest 2014 es lieber selbst. Um ein Zeichen zu setzen, gegen die Diskriminierung von HIV-Positiven. (bento)

Denn dass Conchita Wurst erpresst wurde, zeigt: Wer HIV-positiv ist, muss noch immer Angst vor Ausgrenzung haben. Auch, wenn man wie sie unter der Nachweisgrenze liegt, also niemanden anstecken kann. Dass ein ganz normales, langes Leben auch mit dem Virus möglich ist, wissen viele nicht. Wir haben drei Menschen gefragt, wie die Diagnose sich anfühlte – und ob sie ihr Leben veränderte.  

Sebastian*, 25, Student aus Essen, hetero

Ich habe keine Ahnung, wann genau und wie ich mich ansteckte. Als ich mit Anfang 20 nicht mehr zu Hause wohnte, tobte ich mich aus, wie viele andere Typen in meinem Alter. An HIV habe ich nie gedacht. Das war kein Thema, mit dem ich oder meine Jungs sich beschäftigten. Vielleicht fing ich mir das Virus in einem Urlaub ein, vielleicht beim Feiern. Das ist mir nicht wichtig. Viel wichtiger ist: Ich habe durch die Diagnose gelernt, dass das Ganze nicht nur eine Sache von Homos ist. Das hat mich verändert.

Keiner aus meinem Umfeld weiß von meiner Krankheit.* Die eine Tablette, die ich am Tag nehme, fällt niemandem auf. Ich möchte mich auch nicht outen. Ich weiß, dass es etwas ändern könnte, wenn auch ein junger Hetero über seine HIV-Infektion sprechen würde. Aber ich glaube nicht, dass ich der Richtige dafür bin. Ich habe einfach nicht die Eier dafür, wie man so schön sagt. Vielleicht kann ich in ein paar Jahren lockerer damit umgehen, jetzt gerade bin ich selbst noch nicht zu hundert Prozent gechillt damit. Es wird mit der Zeit besser. Ich muss nur den richtigen Zeitpunkt finden.

Ich habe durch die Diagnose gelernt: HIV ist nicht nur eine Sache von Homos.
Sebastian

Am Wichtigsten ist mir, dass ich selbst mit der Diagnose klarkomme, und mein Leben darauf einstelle. Bevor ich mit meiner Behandlung begann, kümmerte ich mich deshalb zum Beispiel um Versicherungen. Als HIV-Positiver bekommst du keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr. Mir war wichtig, das in trockenen Tüchern zu haben, bevor ich mich offiziell der Diagnose stelle – und mich behandeln lasse.

Direkt nach meiner Diagnose verging mir die Lust auf Sex. Ich fühlte mich, als würde ich etwas Ekliges mit mir herumschleppen. Ich suchte Kontakt zur Gay-Community und traf mich mit ein paar Typen, weil ich das Gefühl hatte, dass dort das Verständnis größer ist. Ich versuchte auch, mit einem Typen zu schlafen, weil ich dachte, dass das jetzt mein Leben wäre. Das war aber nichts für mich. Ich fühlte mich zwar im Homo-Kontext besser verstanden und akzeptiert, trotzdem möchte ich eine Freundin. Eine Frau, der ich das alles erzählen kann – und die sich trotzdem vorstellen kann, mit mir zusammen zu ziehen, und vielleicht irgendwann eine Familie zu gründen. 

*Der Autor ist mit Sebastian über ein Online-Portal der Gay-Community in Kontakt getreten. Noch immer weiß in Sebastians Umfeld niemand, dass er HIV-positiv ist. 

Max' Bekenner-Video: HIV

Anja*, 28, Bürokauffrau aus Hamburg

Fieber, Nachtschweiß, Durchfall – ich kam gerade aus dem Urlaub und wurde ein paar Wochen danach plötzlich krank, mit allem Drum und Dran. Als es nicht besser wurde, ging ich einen Monat später zum Arzt. Der machte einen Test. Dann war klar: Ich hatte mich bei einer lockeren Urlaubsbekanntschaft mit HIV angesteckt. Das war hart. Ich war damals 25 und dachte, ich könnte meinen Kinderwunsch begraben und mit spätestens 40 in Rente gehen. Ich zog mich zurück.

Bei einer Veranstaltung der Aidshilfe lernte ich andere junge Betroffene kennen. In den Gesprächen realisierte ich, dass sie alle trotz HIV ein ganz normales Leben führen – und dass ich das auch kann. Das Einzige, was mich von anderen Frauen in meinem Alter unterscheidet, ist, dass ich einmal am Tag zu einer festen Uhrzeit meine Tablette nehme und alle drei Monate zur Kontrolle zu meinem Facharzt gehe. Ich weiß, dass ich Kinder bekommen kann, auch wenn mir noch der richtige Mann fehlt. 

Fieber, Nachtschweiß, Durchfall – nach dem Urlaub wurde ich plötzlich krank.
Anja

Meine Eltern reagierten mit großer Sorge, standen aber von Anfang an hinter mir. Bei meinen besten Freunden war es ähnlich. Bei einigen habe ich aber auch Ablehnung erlebt. Zumindest habe ich das so interpretiert, wenn sich jemand mal eine Zeit nicht bei mir meldete. Irgendwann habe ich sie offen darauf angesprochen. Ich hatte mich getäuscht: Für sie hatte die Diagnose nichts an unserer Freundschaft geändert. Nur bei der Arbeit habe ich nichts erzählt. Ich finde, der Job ist kein Platz für Gespräche darüber. Das ist meine Privatangelegenheit. Es redet in der Kantine auch keiner über seine Hämorrhoiden. 

Ich werde als HIV-Positive im Alltag häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Selbst Ärzte sind nicht frei davon. Ich bekomme im Krankenhaus eine Sonderbehandlung, auch wenn meine Beschwerden nichts mit HIV zu tun haben. Das würde dort niemand offen zugeben, aber ich merke, wenn ich komisch behandelt werde. Das ist traurig. Wenn ein Arzt übervorsichtig mit mir umgeht, sage ich ihm, dass ich in guter Behandlung bin und selbst bei direktem Blutkontakt mit ihm keine Möglichkeit bestünde, das Virus weiter zu geben. Es ist eigentlich traurig, dass ich ihm das erklären muss – er ist vom Fach und müsste es besser wissen. 

Hannes*, 29, wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Hochschule in Köln, homosexuell

Es muss vor ungefähr zweieinhalb Jahren gewesen sein. Ich hatte bis dahin regelmäßig Tests gemacht, immer mit negativem Ergebnis. Ich wurde unvorsichtiger, ich dachte: Es passiert ja nichts. Ab und zu habe ich deshalb mit One-Night-Stands ohne Gummi geschlafen. Das war für beide okay. Es war vorher auch gut gegangen. 

Vor zweieinhalb Jahren bin ich dann mit meiner damaligen Affäre zum Test gegangen. Ich war positiv. Das war im doppelten Sinne ein Schock für mich. Die Diagnose und dann die Tatsache, dass ich direkt vor jemandem zwangsgeoutet wurde, der mir nicht besonders nahestand. In dem Moment, an dem Tag, wirkte das alles irreal. Mein Lebensplan brach zusammen. Ich wollte eine Familie gründen, einen soliden Job haben, ein eigenes Haus. Ich dachte, das alles wäre mit dieser Diagnose nicht möglich.

Am nächsten Tag ging ich zu einem Spezialisten, der mir klar machte: Ich kann mit HIV ein ganz normales Leben führen. Er sagte mir, dass es mittlerweile Positive gibt, die seit 30 Jahren mit der Diagnose leben. Dass eine normale Sexualität bei Einhalten der Therapie möglich ist. Die moderne Therapie hat kaum bis keine Nebenwirkungen. Mir ist dank des Arztes schnell klar geworden: Ich werde arbeiten, lange leben und eine normale Partnerschaft führen können.

Meine Therapie ist im Grunde sicherer als ein Kondom.
Hannes

Meinen Eltern und Freunden habe ich nichts von meiner Krankheit erzählt. Ich finde, dass sich für sie durch meine Diagnose nichts ändert. Vielleicht habe ich auch Angst vor der Stigmatisierung, aber ich sehe HIV als meine persönliche Sache. Ich kann selbst entscheiden, wann und wem ich meinen Status offenlege. Das tue ich nur bei sexuellen Kontakten, würde ich das nicht machen, wäre es Körperverletzung. Den meisten ist aber nicht bewusst, dass ich niemanden anstecken kann: Bereits seit kurz nach Beginn meiner Behandlung ist das Virus bei mir nicht mehr nachweisbar.

Mein aktueller Partner drehte durch, als ich ihm davon erzählte. Er outete mich vor seinen Eltern, weil er nicht anders damit umzugehen wusste. Das war mir total unangenehm. Ich war dann mit ihm bei meinem Arzt und wir haben noch einmal zusammen einen Test gemacht. Er wusste bis zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob er selbst positiv ist. Er hatte sich aus Angst nicht testen lassen. Sein Ergebnis war negativ. Mein Arzt nahm ihm dann die Angst und erklärte ihm, dass meine Therapie im Grunde sicherer ist als ein Kondom.

Die Sache hat unsere Beziehung angekratzt, aber ich bin froh, dass wir offen miteinander waren und jetzt eine ganz normale, gefestigte Partnerschaft führen. Aber man weiß nie, wie sich eine Beziehung entwickelt. Zur Sicherheit haben wir einen Vertrag geschlossen, in dem steht, dass er über die Diagnose Bescheid weiß und mit allen Risiken lebt. Sicher ist sicher. 


Gerechtigkeit

Sexuelle Belästigung beim WDR: Sender stellt den nächsten Mitarbeiter frei
Ingesamt werden sogar fünf Männer verdächtigt.

Was ist passiert?

Der Skandal um Belästigungsvorwürfe im WDR weitet sich aus: Nach einem ehemaligen Auslandskorrespondenten wurde inzwischen ein weiterer "ranghoher Mitarbeiter" freigestellt. Das berichtet die "Bild"-Zeitung, eine Sprecherin des WDR hat der Zeitung den Vorgang bestätigt, wollte aber keine weiteren Angaben zur Identität des Mannes machen.

Welche Vorwürfe haben den Skandal ausgelöst?

Anfang April waren die ersten Vorwürfe sexueller Belästigung gegen einen ehemaligen Auslandskorrespondenten des WDR bekannt geworden: Der Mann soll unter anderem einer Praktikantin Pornos im Hotelzimmer gezeigt haben und einer weiteren Mitarbeiterin "eindeutige Mails" geschrieben haben. Identität und konkrete Vorwürfe gegen den jetzt freigestellten Mitarbeiter sind bisher nicht bekannt. Der Sender hat inzwischen interne Ermittlungen eingeleitet, um den Fall aufzuklären.