Wir müssen reden.

Ich weiß: Ich war schon ziemlich oft eine ziemliche scheiß Freundin. Immer dann nämlich, wenn ich depressiv wurde. Dann verschwinde ich, werde kalt und abweisend, ich bin dann alles Mögliche, aber nicht mehr der Mensch, den meine Freunde kennen.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die meisten Menschen, die depressiv werden, haben große Probleme mit sozialen Kontakten und Interaktionen.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Umso erstaunlicher, wenn da noch Menschen sind, die das alles mitmachen, durchhalten, da bleiben – bei mir und bei anderen mit psychischen Krankheiten. Und ich meine das nicht vorwurfsvoll gegenüber psychisch Kranken: Niemand kann etwas für seine Depression, keiner sucht sich diese Hölle im Kopf freiwillig aus. 

Eine Depression ist schlimm, auch für alle, die zugucken müssen. 

Die nicht wissen, was sie sagen, wie sie helfen, wo sie anfangen sollen. Eine Depression ist eine Handgranate im Leben von allen, die in ihrem Radius existieren.

Meine Freunde, sie haben die Trümmer weggeräumt, mit mir geweint, um mich und wegen mir, über mich und aus Wut. Einige sind noch da, einige nicht mehr.

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Was die, die geblieben sind, eint, sind ein paar Dinge, die sie verdammt richtig gemacht haben. Diese Dinge sind keine Anleitung für andere Freunde, sie sagen nicht: "Wenn du eine*n depressive*n Freundin/Freund hast, musst du das genauso machen!" 

Aber sie sagen, was Depressiven helfen kann.

  • Meine Freunde haben immer zuerst zugehört und versucht zu verstehen, bevor sie geurteilt und geratschlagt haben.
  • Meine Freunde haben mir gesagt, wenn sie finden, dass es an der Zeit ist, mir Hilfe zu holen.
  • Sie haben mir sowieso immer alles ehrlich gesagt.
  • Auch, wenn es ihnen mal zu viel wurde.
  • Auch, wenn ich sie mit meinem Verhalten traurig gemacht habe.
  • Sie sind mit mir einkaufen gegangen, wenn ich mich nicht mehr um mich selbst kümmern konnte.
  • Sie haben sich mit mir volllaufen lassen, wenn es Zeit dafür war, und mir den Schnaps weggenommen, wenn es Zeit dafür war.
  • Sie haben mich in die Klinik gebracht und mit mir in der Notaufnahme gewartet.
  • Sie haben dabei meine Hand gehalten oder uns Kaffee geholt.
  • Sie haben niemals verlangt, dass ich plötzlich gesund werde.
  • Sie haben mir Zeit gelassen.
  • Sie haben auf sich aufgepasst und sich genug Auszeit von mir genommen, wenn es ihnen zu viel wurde.
  • Sie haben niemals gesagt, dass ich mich nicht so anstellen soll.
  • Sie haben niemals gesagt, dass ich mich einfach mal zusammenreißen soll.
  • Sie haben niemals gesagt, dass Urlaub/Yoga/Ausgehen schon helfen wird.
  • Sie haben mir vertraut und mich respektiert, sie haben mich niemals wie ein Kind oder eine Idiotin behandelt.
  • Sie haben immer wieder nachgefragt, auch wenn ich mich mal wieder wochenlang nicht gemeldet habe.
  • Sie haben ihr eigenes Leben niemals meinem untergeordnet.
  • Sie haben gefragt, wenn sie das Gefühl hatten, dass mein Verhalten oder meine Abwehr etwas mit ihnen persönlich zu tun hatte.
  • Sie haben miteinander gesprochen, damit sie sich Luft machen konnten, damit sie wussten, was gerade passiert, damit sie verstehen konnten, warum es so ist, wie es ist.
  • Sie haben nicht losgelassen.
  • Sie haben nie losgelassen.
  • Sie haben mich niemals losgelassen.

Ein Rezept gibt es nicht, alles ist immer nur Trial and Error, Trial and Error. Manche Menschen brauchen einen Arschtritt, andere einfach mal Ruhe, die meisten aber brauchen vor allem eines: Freunde, die nicht aufgeben und nicht loslassen. Die nicht vorwurfsvoll und bevormundend agieren, sondern das sind, was Freunde nun mal sind: die Familie, die man sich aussucht.

​​Du bist in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchst Hilfe?​

Sprich mit anderen Menschen darüber. Hier findest du – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Kein Depressiver wird gesund, weil man ihm sagt, dass er sich wie ein asoziales Würstchen benimmt. Niemand wird heil, weil jemand sagt: Deine scheiß Laune geht mir auf den Sack.

Freundschaft ist eine Form der Liebe – das heißt, dass wir unsere Freunde auch lieben können, wenn sie merkwürdig, verrückt und irre sind – denn das kann jedem passieren. Sie zu bestrafen für etwas, das sie sich nicht ausgesucht haben, ist nicht liebevoll.

Wichtig bleibt aber, dass Freundschaft niemals bedeuten darf, sich selbst kaputt zu machen für jemand anderen. Und dass dieser andere das auch niemals verlangen darf.

Es ist unfassbar schwer, für jemanden da zu sein, der so krank ist, und jeder und jede muss wissen, wo seine oder ihre Grenzen sind. Aber eine Freundschaft, die es durch eine Depression schafft, schafft wirklich und versprochen alles.


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