Bild: Privat
"Da war jemand, der sagt: Es ist nicht vorbei."

Angst kriecht hoch, Aggression staut sich an. Luise Müller weiß, wie sich all das anfühlt. Die 31-Jährige hat seit mehreren Jahren eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, Medikamentensucht und Depressionen. Trotzdem hilft Luise anderen Menschen mit psychischen Krankheiten. Geht das? Macht es ihre eigenen Krisen nicht noch schlimmer – und wie kann sie anderen eine Hilfe sein?

Luise – lange braune Haare, Mittelscheitel, hallescher Akzent – sagt über sich selbst, dass sie einen "Flitz unterm Pony" habe – sie sei ein bisschen durchgeknallt. Sie wolle sich selbst nicht zu ernst nehmen, der Krankheit nicht zu viel Platz geben. Sie "eskaliert das Wochenende eher auf dem Sofa", sagt sie, während andere sich mit Freunden oder Familie treffen. Sie brauche die Ruhe als Gegenpol zum Stress, den die Krankheiten in ihr auslösen. 

Ein weiteres Ventil findet sie in ihrer Arbeit mit anderen Menschen mit psychischen Krankheiten. "Ich werde selbst immer mit diesen Diagnosen leben", sagt sie, und genau deshalb habe sie beschlossen, Menschen zu helfen, denen es genauso geht. 

Vor mehr als einem Jahrzehnt entwickelten Fachkräfte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Betroffene ein Konzept, "Experienced-Involvement" – kurz: "Ex-In". 

Die Idee: Menschen, die schwere psychische Krisen durchlebt haben, helfen anderen, die sich gerade in einer solchen Krise befinden, als Genesungsbegleiterin oder -begleiter. Sie geben Tipps, fühlen mit – oder hören einfach nur zu. In der Psychiatrie, im betreuten Wohnen oder begleitend zur Therapie. 

Der Bedarf ist groß: In Deutschland waren knapp 30 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2015 einer Studie zufolge zumindest zeitweise psychisch krank (Thieme). In Deutschland sterben laut Statistischem Bundesamt jährlich etwa 10.000 Menschen durch Suizid (Destatis). Die Suche nach Hilfe fällt nicht immer leicht – und die Therapieplätze sind knapp. Hilfsangebote wie die von "Ex-In" sind deshalb wichtig. 

Seit 2011 sind die Genesungsbegleiter im Verein "Ex-In Deutschland" organisiert. Die Zahl wächst – zumindest legt das ein Bericht der Hochschule München nahe, der die Arbeit von Ex-In in Oberbayern nach vier Jahren evaluierte. (Ex-In Oberbayern)

Mehr als 400 Ausbildungsstunden und 2000 Euro investieren zukünftige Genesungsbegleiterinnen wie Luise in die einjährige Ausbildung. 

Viele machen es ehrenamtlich, da bedeutet die Ausbildung: Zeit und Geld. Bei Luise ist das anders. Sie hat einige Jahre als Erzieherin in Rostock gearbeitet, wurde dann verrentet, als die Symptome ihrer Krankheit zu heftig wurden. Finanziell unterstützt wird sie nun von einer Stiftung, die ihr unter anderem die Ausbildung bezahlt. Später möchte sie, wie viele andere Genesungsbegleiter, entweder vollkommen ehrenamtlich oder auf 450-Euro-Basis für "Ex-In" arbeiten. 

In der einjährigen Ausbildung bekommen die Begleiterinnen in Seminaren Input zu psychischen Krankheiten und tauschen sich über sich selbst aus. 

Sie reflektieren, was ihnen geholfen hat, mit Krisen fertig zu werden. Luise lenke sich beispielsweise durchs Stricken von der Depression ab, anderen helfe in schlechten Momenten ein Spaziergang mit Freunden im Park, erzählt sie. 

Auch lernen die Genesungsbegleitenden in der Ausbildung, sensibel dafür zu werden, dass jede Krankheit anders ist. Was ihnen geholfen hat, muss nicht unbedingt ihren späteren Klienten helfen – kann es aber. In zwei Praktika hospitieren sie in Psychiatrien oder Kliniken.

Luise steckt mitten in der Ausbildung. Sie macht derzeit ein Praktikum beim psychiatrischen Fachpflegedienst in Rostock. Dessen Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger besuchen Menschen mit psychischen Krankheiten in ihren Wohnungen und Häusern, kümmern sich mit ihnen um finanzielle Fragen, Klinikaufenthalte oder unterstützen im Haushalt. Luise hilft ihnen dabei. Manchmal nur einen, manchmal alle Tage der Woche. Sie könne gut mit den Patienten. "Endlich jemand, der mich versteht", höre sie häufig.

Die Genesungsbegleitenden vermitteln zwischen Angehörigen, Fachpersonal und Klienten. 

In den meisten Fällen gibt Luise Tipps oder beruhigt. Sie erinnert sich an einen Fall: Eine Mutter habe ihre Tochter unter Druck gesetzt. Die sollte wenigstens einmal pro Woche rausgehen, die Mutter war der Meinung, das helfe der Tochter. Mutter und Tochter leiden beide unter Depressionen. Luise habe versucht, zu vermitteln: "Jeder durchlebt seine Krankheit unterschiedlich. Das, was ihr leicht fällt, muss nicht gleich ihrer Tochter leicht fallen, habe ich der Mutter erklärt." 

Während das Fachpersonal mit Wissen weiterhelfen könne, sei es bei Luise die eigene Erfahrung, die daraus resultierende Empathie, sagt sie. Angehörige und Menschen mit psychischen Krankheiten merkten so, dass sie auch selbst imstande seien, diese Empathie zu zeigen – wie die Mutter für ihre Tochter.  

Luise hat mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen, sagt sie. Als es besonders heftig gewesen sei, habe ihr eine Fachkrankenschwester zu Hause geholfen. Vor allem durch Gespräche. "Da war jemand, der sagt: Es ist nicht vorbei", erzählt Luise. "Jemand, der mehr in mir sah als ICD-10, F60.31 – die Krankenziffer für Borderline.” 

Wenn Luise jetzt mitbekomme, dass jemand Suizidgedanken äußere, bleibe sie ruhig. Sie wisse: Es würde nichts bringen, wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung zu rennen und alle Messer mitzunehmen. Da würde auch sie sich als Klientin unmündig vorkommen. Schließlich wolle niemand, dass jemand anderes über sein oder ihr Leben bestimme. 

Trotzdem nehme sie jeden Hilferuf ernst, und überlege gemeinsam mit der Person: "Was machen wir jetzt?" In Absprache mit der Chefin des psychiatrischen Fachpflegedienstes könne sie der Person Medikamente bringen oder den Fall dem Krisendienst melden.

Brauchst du Hilfe?

Hast du das Gefühl, nicht mehr mit deinem Leben klarzukommen? Fühlst du dich alleine oder kreisen deine Gedanken immer wieder um das selbe Thema? Hier findest du – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Damit Menschen wie Luise anderen mit psychischen Krankheiten helfen können, müssen sie selbst psychisch stabil sein, das ist die Bedingung bei "Ex-In". Sie sollten keine kritische Situation durchleben, die etwa aus einer Trennung oder dem Tod einer nahestehenden Person resultiert (Ex-In NRW). Ob das so ist, analysieren Sozialarbeiterinnen oder Psychologen in einem Bewerbungsgespräch.

Um Krisen bei den Genesungsbegleitern zu vermeiden, unterstützt der Verein sie durch Supervision. 

Das bedeutet: Die Genesungsbegleiterinnen treffen sich regelmäßig mit Therapeuten und reflektieren ihr eigenes Befinden und Handeln. 

Das Problem dabei: Entsprechende Supervisionskurse gibt es nicht in allen Bundesländern. Es bleibt das Risiko, dass die psychische Gesundheit mancher Genesungsbegleiter leidet – und es nicht bemerkt wird. Gyöngyvér Sielaff, Psychologin und Mitinitiatorin von "Ex-In" in Deutschland, schließt nicht aus, dass Genesungsbegleiterinnen selbst in Krisen rutschen. Sie sagt aber: "Für sie gilt, wie für andere Berufsgruppen in diesem Bereich: Bei einer persönlichen akuten Krise ringt man mit sich selbst und hat wenig bis gar keine Kraft für die Arbeit." Sie verweist auf die Ausbildungskurse, in denen die angehenden Begleiter lernen, ihre Belastungsgrenzen zu reflektieren und das entsprechend in Praktika auch erproben. 

Dass auch sie vor Krisen nicht geschützt ist, weiß Luise. Sie weiß aber, was ihr hilft, wenn sich eine Krise anbahnt – ihr Strickzeug. Und etwas anderes ist wichtig für Luise: Ex-In zielt auf "Selbstwirksamkeit" ab, Luise nennt es "Hey, ich kann ja was." Denn wenn sie Menschen mit psychischen Krankheiten helfe, merke sie vor allem eines: dass sie sich auch selbst helfen kann.


Grün

Neun nachhaltige Herbst-Basics, die zu allem passen

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung, richtig? Falsch. Es gibt schlechtes Wetter – und genau dafür richtig gute Kleidung. Denn im Herbst, wenn es kühl ist, tagelang durchregnet und plötzlich schon um 18 Uhr dunkel wird, kann man endlich wieder die Cord-Jacke, den Rollkragenpullover und die Chelsea Boots aus dem Schrank holen. Ob man sich rasiert hat oder nicht weiß niemand mehr, weil die Beine eh in der Lieblingsjeans stecken. Und fettige Haare verschwinden einfach unter der Mütze. Herrlich.

Hier kommen neun Updates für die Herbst-Garderobe – und zwar in Form von nachhaltigen Basics, die zu allem passen.