Sie warten seit zwölf Stunden im Nieselregen vor der großen Arena in Leipzig. Nina, die Mami, Kirstin, die Macherin, Gini, die Mitreißende. Und Basti, der zwar etwas stiller ist, aber dafür sozial. 

In jeder Gruppe gibt es Rollen und jede Gruppe hält etwas zusammen. Die vier eint eine Leidenschaft: Helene Fischer. Der größte Star, den Deutschland hat.

Sie ist wieder auf Tour, Auftakt Leipzig, ausverkauft. Wenn sie im September in Arnheim in den Niederlanden ankommt, werden 1,2 Millionen Konzertbesucher sie gesehen haben.

Kirstin, Basti, Nina, Gini (v.l.): Vier Leute, eine Leidenschaft(Bild: Felix Adler )

Gäbe es Helene nicht, hätten die vier, die gerade in Leipzig warten, sich nie kennengelernt. Ihre erste Begegnung: Helenes Tournee im vergangenen Jahr, Hamburg. Es war ein kalter Dienstag. 

Kirstin hatte sich für fünf aufeinanderfolgende Helene-Konzerte Karten gekauft. Sie war noch nicht lange Fan, aber schon so sehr, dass sie es nicht schlimm fand, zwar Karten zu haben, aber keine Begleitung. 

Auf dem Weg zur Halle stieß sie auf Basti, der sie nach dem Eingang fragte. Er sah sympathisch aus und strahlte vor Freude. Sie waren zu zweit.

Vor der Halle war noch nicht viel los. Außer Gini, die frierend auf Einlass wartete und erleichtert war, Menschen zu treffen. Sie waren zu dritt.

Dann kam Nina vorbei. Sie sagte "Moin", und stellte fest, dass sie Kirstin schon mal im Fernsehen gesehen hatte, im Publikum bei einer Schlagershow. Jetzt waren sie vier. 

Eine Bürokauffrau, eine Versicherungskauffrau, eine Bankangestellte, ein Metallverarbeiter. Eisenhüttenstadt, Hamburg, Rothenburg, Dessau. Zwei Verheiratete, zwei Singles. 

"Es passte einfach krass mit uns", sagt Gini.

So schnell ging es. Aus Einzelnen wird eine Gruppe, jeder ist willkommen, alle haben sich lieb. Kann es wirklich so einfach sein?

Helene-Gruppe im Auto: Liebe für alle(Bild: Felix Adler )

Sie schauten sich das Konzert in Hamburg gemeinsam an. Unten viele kleine Leuchten, oben großer Herzschmerz. Vier von 11.000, mit dem Gefühl, in dieselbe Richtung zu gucken. Zur Bühne.

"Wir steigen höher", rief Helene. Und Nina: "Von diesem Abend an ging es steil bergauf mit uns." 

Seither lieben sie Helene gemeinsam, bedingungslos. Sie reisen ihr hinterher, gehen auf ihre Konzerte, mehrfach in derselben Stadt, so oft das Geld reicht. Sie wissen alles über Helene, sogar, wie der Mann heißt, der auf ihren Konzerten den Kamerakran bedient. Roland. 

Helene-Aufsteller in Leipzig: "Wir steigen höher"(Bild: Felix Adler )

In Leipzig quetschen sie sich an diesem Wochenende mit Campingstühlen in einem von Fans voll besetzten Gang, ein eingezäunter Bereich vor dem Einlass zum Innenraum. Sie sind schon am Vorabend angereist, schliefen gemeinsam in einer Pension, bei Sonnenaufgang fuhren sie zum Stadion und platzierten sich im Gang. Vor ihnen sind nur wenige andere.

"Wir sind alle Tourer", sagt Nina. Man kennt sich, man akzeptiert sich, alle wollen in die erste Reihe, aber Helene-Fans sind keine, die sich dafür prügeln würden. Es wird gegrüßt, wie Busfahrer sich grüßen. Kurze Handbewegung und alles ist klar.

Die vier tragen dasselbe Shirt mit Helenes Gesicht, zwischen ihren Füßen stehen Müllsäcke voll Proviant. Sie haben Fos, Front-of-Stage-Tickets, 107 Euro Stückpreis, so nah dran, wie es geht, natürlich Stehplatz.

Vor dem Stadion in Leipzig: Grüßen wie Busfahrer(Bild: Felix Adler )

Die Klamotten unterm Regencape sind klamm. Aber keiner meckert. Prosecco fließt, dazu Prinzenrolle und Pommes Schranke. Regen? Egal.

Es gibt Freunde und Kollegen, die sie für diese Aktionen belächeln.

Fürs Ausharren im Gang, ihr seid doch verrückt. Dafür, dass sie eine Frau verehren, die ewig perfekt und deswegen langweilig ist, kann die auch noch was anderes, als ihren schönen Body verrenken? Und überhaupt, Schlager.

Nina und die drei anderen müssen sich das öfter anhören. "Ist uns egal", sagt Nina.

Helene-Fan Nina: Die Mami(Bild: Felix Adler )

Nach dem Konzert in Hamburg, bei dem sie sich kennenlernten, wurde sie zur Mami, wie sie selbst sagt. "Weil ich die drei adoptieren würde", sie zeigt auf die Gruppe. "Weil ich diplomatisch bin, wenn mal einer von den Fans drängelt."

Kirstin wurde Macherin, weil vor allem sie sich von Anfang an um Karten und Hotels kümmerte und es dabei blieb. 

Gini war immer ein bisschen mehr aufgeregt als die anderen. "Sie reißt uns mit, hat den Kopf immer voll, animiert uns", sagt Nina.

Basti sagt nicht viel, die Frauen schätzen ihn trotzdem. Er gehe immer ans Telefon, wenn man ihn anrufe, hole immer Kaffee und sage nie nein.

Helene-Fan Basti: Der Soziale(Bild: Felix Adler )

Seit Hamburg haben die vier eine WhatsApp-Gruppe. Sie verabreden sich, schicken sich Links, Bilder, Gerüchte, alles Helene. Auf die Konzerte gehen sie gemeinsam, wann immer es geht. Andere haben Fußball oder Kirchentag, sie haben Helene. Neun Shows haben sie schon hinter sich. 

Nach den beiden Terminen an diesem Leipzig-Wochenende folgt noch zweimal Hamburg, im Herbst sind sie fünfmal in Berlin. Allein die Karten dafür kosteten 550 Euro pro Person, dafür müssen alle vier ständig Geld zurücklegen.

"Mein Mann fragt schon manchmal nach, warum ich so viel für Helene spare", sagt Gini. "Aber es muss sein." 

Sie kaufen nicht nur Eintrittskarten, sie kaufen alles weg, was auf dem Markt ist. DVDs, CDs, Sondereditionen, fünf Uhren mit Helene-Ziffernblatt, Pappaufsteller, Anhänger, Kissen, Poster, Konfetti von den Shows. Das Kennzeichen von Ginis Auto hat einen Rahmen und da steht drauf: Helene Fischer. 

Helene-Fan Gini: Die Mitreißende(Bild: Felix Adler )

Vor einem Konzert traf Kirstin die Sängerin einmal persönlich. Ein Erlebnis, das man mit Geld nicht kaufen kann und wonach sich jeder in der Gruppe sehnt.

Kirstin hatte einem Fanclub begründet, warum sie es verdienen würde, Helene zu sehen. "Ich bin seit 2010 Fan und finde sie authentisch. Es würde mir sehr viel geben", schrieb Kirstin. Genau richtig.

Das Treffen dauerte 20 Minuten, 15 andere Gewinner waren auch dabei. Kirstin und Helene sprachen nicht viel, sagten "Hallo". Es gab Autogramme. "Ich fühlte mich so geehrt", sagt Kirstin. Dann ging sie der Gruppe berichten. Sie war für sie alle dabei.

Wenn sie sich gemeinsam erinnern, im Gang in Leipzig, umgeben von anderen Eingeschworenen, dann lachen sie laut und viel. Sie essen Gummibärchen, lassen sich vollnieseln und sehen dabei wirklich indiskutabel glücklich aus.

Das ist es, was Freunde oder Kollegen nicht verstehen: Helene hören, wenns denn sein muss, aber dieser ganze Zirkus?

Helene-Fan Kirstin: Die Macherin(Bild: Felix Adler )

Ginis Freunde sagen manchmal: "Du immer mit deiner Schlagerkacke." Wenn Nina sich bei Facebook für ein Helene-Konzert anmeldet, bekommt sie häufig einen Spruch von einem Kollegen. Darauf schreibt Nina: "Helene ist die geilste Frau überhaupt." Sie gehe zu Motörhead, sei Ärzte-Fan, habe ihre Helene-Gruppe, sehr wohl passe das alles zusammen.

Ist eben so. Kann man nicht verstehen, wenn man kein Fan ist, das belegen sogar Studien: Fans erscheinen Nicht-Fans als Fanatiker, die mit pseudoreligiösem Überernst bei der Sache sind und sich distanzlos ihrem Genuss hingeben. 

Dazu kommt der Heidelberger Soziologe Christian Wenger, er forscht zu Fankulturen und meint: Viele Fans würden unter Stigmatisierungserfahrungen leiden, weil sie Nicht-Fans realitätsfremd vorkommen, obsessiv. 

Aber, zur Ehrenrettung aller Fans: Wer die Anhänger verspotte, wolle sich nur als eine Person mit dem besseren Geschmack inszenieren.

Fans in Leipzig: Pseudoreligiöser Überernst?(Bild: Felix Adler )

Der Fangruppe selbst ist das schnurz, ihr geht es nicht darum, wer cooler ist. Nina, Kirstin und die anderen interessiert, wie jemand ist, nicht, wie jemand rüberkommt. 

Im Gang vor der Leipziger Arena ist es voll, aber die vier sind ganz bei sich. Immer noch warten. Und reden. Helene als Überthema. Von da aus geht es rein in die Seelen.

Als sie einmal die Ballade "Lieb mich dann" hörte, wusste Gini, wie gut es tut, von jemandem gemocht zu werden, auch wenn man gerade richtig scheiße zu ihm war. Hat sie den anderen gleich erzählt. 

Auch, dass sie sich bei der Ballade "Die schönste Reise" zum ersten Mal vorgestellt hat, wie es wäre, mit ihrem Mann ein Kind zu bekommen. In ihren Liedern singt Helene, wofür Gini bis dahin noch keine Worte hatte.

Mitreißende Gini in Leipzig: Von Helene aus direkt in die Seelen(Bild: Felix Adler )

Alle wissen auch, dass es diesen einen Song gibt, bei dem Nina immer Bier holen geht. Wenn Helene in "Du hast mich stark gemacht" ihrer Mutter dankt, ist Nina raus. "Ich liebe meinen Papi, meine Mutter sehe ich nicht", sagt sie. "Ist ja schön, dass viele ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter haben. Ich nicht."

Als Gini einmal ein Problem mit ihrer Familie hatte und es ihr sehr schlecht ging, schrieb Mami Nina, sie solle vorbeikommen und Franzbrötchen mitbringen. Gini setzte sich ins Auto und fuhr 100 Kilometer nach Hamburg.

Im vergangenen Jahr, als Helene in Berlin auftreten sollte, waren alle vier da und hatten Karten für jedes der fünf Konzerte. Nur Helene war nicht da. Krank, die sonst Perfekte. Die Shows fielen aus.

Die Gruppe blieb trotzdem, eine Woche Berlin, shoppen im Alexa, jeden Abend im gleichen Burgerladen essen, am Donnerstag Heidis Topmodels im Hotelzimmer gucken. Bald sprachen sie nicht mehr nur über Helene, sondern auch über sich.

Fan-Shirt in Leipzig: Helene, das Überthema(Bild: Felix Adler )

An diesem Wochenende in Leipzig ist sie da, Helene Fischer, blond, wach, gesund. Sie fährt aus einem Loch auf die Bühne, Hotpants mit Glitzer, Lidschatten aus Glitzer, glänzendes Haar. Maximale Präsenz. 

40.000 kreischen und tanzen, es wummert und vibriert und Helene liefert, liefert, liefert. "Wir feiern die Schwächen", singt sie, die keine hat. "Keiner ist fehlerfreiii!"

Dann verteilt sie Kusshände, überschlägt sich ein paarmal, reitet auf einem stählernen Herz, trägt einen Slip aus Latex und fährt auf dem Dach eines Geländewagens durchs Stadion. Als es wieder mal regnet und man sich im Publikum Kapuzen überzieht, bleiben Helenes Haare aus unerfindlichen Gründen trocken. 

Auftritt Fischer: "Wir feiern die Schwächen"(Bild: Felix Adler )

Die vier, Nina, Kirstin, Gini, Basti, werden diesen Auftritt in den folgenden Wochen noch viele Male sehen. Sie werden durch die Republik fahren, die Schwächen feiern, niemanden fehlerfrei sein lassen. 

Sie werden ihrer Obsession nachgehen. Und Nicht-Fans werden es nicht verstehen, dass diese vier Menschen wegen dieser Musik, dieser Frau, eine Gruppe gründeten, mit der sie ihren Jahresurlaub verbringen. 

Fans Kirstin, Nina beim Konzert: Gemeinsamer Jahresurlaub(Bild: Felix Adler )

"Wer sagt, Helene ist immerzu die Perfekte, dem sage ich: Geh auf ein Konzert, dann kriegst du mit, dass sie auch mal ihren Text vergisst", Nina klingt jetzt ernst. 

Gini, die Mitreißende, hat glänzende Augen: "Was Helene sagt, das meint sie so. Sie ist immer ehrlich."

Kirstin, die Macherin, wegen der die Gruppe heute Nacht in eine Pension einchecken wird, obwohl es extrem schwierig war, in Leipzig noch ein Zimmer zu kriegen, sagt: "Wenn ich sie sehe, denke ich: Sie ist so warm und herzlich, wie man sein sollte."

Sie nicken synchron, dann lachen sie wieder. 

Und wer jetzt sagt, das alles klinge ja auch irgendwie platt, der hat es noch immer nicht verstanden. Das hier ist keine Schlagerkacke, das hier hat diese vier Menschen zu Freunden gemacht.



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