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Damals, während der Klassenreise, vermissten wir unsere Eltern, sobald wir Bauchschmerzen hatten. Heute träumen wir von der Ferne, fliegen um die Welt und fangen Hunderte Kilometer entfernt von der Heimat ein neues Leben an.

Manche haben seltener Heimweh, können sich besser von wichtigen Menschen trennen. Anderen fällt das noch immer schwer – sie spüren auch heute, als Erwachsene, noch oft Sehnsucht nach Zuhause.

Aber was genau bedeutet dieses Gefühl?

Marion Sonnenmoser beschäftigt sich mit dieser Frage, die Psychologin schrieb den Ratgeber "Schluss mit Heimweh". "Heimweh ist eine emotionale Reaktion auf eine Trennung: Man sehnt sich nach etwas, das man Zuhause nennt", sagt sie. 

Diese Sehnsucht sei aber nicht nur ein unangenehmes und belastendes Gefühl, sondern treibe uns auch an, etwas an einer Situation zu verändern. Zum Beispiel neue Freundschaften zu schließen.

Man sehnt sich nach etwas, das man Zuhause nennt
Marion Sonnenmoser

Doch: "Heimweh ist allgemein ein tabuisiertes Thema", sagt Sonnenmoser. "Es gilt als kindisch und schwach, Heimweh zu haben. Daher geben viele Erwachsene es nicht zu, wenn sie daran leiden."

Begleiterscheinungen von Heimweh könnten Kummer sein, Appetitlosigkeit, Schlafprobleme oder Gereiztheit. Und wann geht das vorbei? Wie schnell lebt man sich in der Fremde ein – nie? 

Wir haben vier Menschen gefragt: Wie sieht das bei euch aus? Wonach habt ihr Sehnsucht, wie geht ihr mit ihr um?
Fawaz, 23, aus Syrien

"Ich kam vor etwa drei Jahren nach Deutschland. Zuerst wohnte ich in Halle, mittlerweile in Reutlingen. Ich studiere hier Angewandte Chemie, arbeite auch in dem Bereich und habe viele Freunde. Es geht mir gut, theoretisch ist alles in Ordnung. Doch mir fehlt auch etwas.

Das merke ich zum Beispiel, wenn ich syrisch koche, ein Humusgericht zum Beispiel. Dann riecht alles nach meiner Mutter, meiner Kindheit. Wie, wenn ich früher nach Hause kam und das ganze Haus nach Kreuzkümmel und Koriander duftete.

Wenn ich syrisch koche, riecht alles nach Kindheit
Fawaz

Ich bin der Einzige meiner Familie, die in Deutschland lebt. Die meisten anderen sind noch in Syrien, meine Mutter in Kuwait. Ich telefoniere alle paar Tage mit ihr, denn ich will wissen, ob es allen gut geht. 

Neulich habe ich dabei wieder Heimweh gespürt. Mein Onkel ist gestorben, am Telefon weinte meine Mutter. Ich versuchte, sie zu trösten, hätte sie am liebsten umarmt. 

Lass uns Freunde werden!

Die nächsten Tage konnte ich kaum essen oder schlafen und mich auf nichts konzentrieren. Ich bin zwar noch zu den Vorlesungen gegangen, aber hauptsächlich, um mich nicht allein zu fühlen.

Um mir selbst zu helfen, erinnerte ich mich an das, was ich alles geschafft habe. Mein Abi. Die Flucht nach Deutschland. Wenn ich daran denke, weiß ich: Ich bin stark, ich habe schon vieles durchgestanden, ich werde das Heimweh schon irgendwie aushalten."

Aylin, 25, aus Offenbach

"Was ist Zuhause? Ich bin in Offenbach aufgewachsen und musste als Jugendliche mit meiner Familie nach Kiel ziehen. Nun lebe ich seit drei Jahren in Berlin. Ich fühle mich innerlich zerrissen, denn in jeder Stadt leben Menschen, die mir etwas bedeuten.

In Berlin mache ich eine Ausbildung zur Erzieherin – hier sind zwar die meisten meiner Freunde, aber ich fühle mich hier trotzdem am wenigsten zu Hause. 

Ich fühle mich innerlich zerrissen
Aylin

Die Stadt ist mir zu schnelllebig und zu oberflächlich. Man sagt über Berlin, dass es offen sei, für jeden was, aber jeder lebt hier in seiner eigenen Welt. In der Bahn schauen die Leute lieber auf ihr Handy, statt sich zu unterhalten. 

Ich sehne mich zwar auch nach meiner Familie in Kiel, aber vor allem nach meinem Leben in Offenbach zurück – nach diesem Gefühl, das ich habe, wenn ich dort durch die Straßen laufe. Ich fühle mich dort einfach geborgen.

Meine Freunde und ich haben uns damals in Offenbach jeden Tag nach der Schule an einem Bach getroffen und Faxen gemacht. Hier in Berlin vermisse ich dieses Innige, was langjährige Freundschaften ausmacht. Um nicht traurig zu werden, spreche ich mit meiner besten Freundin aus Offenbach über meine Gefühle – sie weiß, wovon ich rede, mit ihr ist alles vertraut. Sie ist wie eine Schwester für mich, das fühlt sich an wie Zuhause."

Tom*, 27, aus Magdeburg

"Was Heimweh bedeutet weiß ich, seitdem ich bei der Marine angefangen habe – das war vor sieben Jahren. Ich war als Schiffskoch monatelang auf Reisen, mittlerweile bin ich etwa alle zwei Wochen daheim.

Ich sehne mich auf den Einsätzen nach meinen Freunden und meiner Familie in Magdeburg. Wir können nicht oft telefonieren und mir fehlt es, ihre Stimmen zu hören. Egal, ob wir über den Hausbau meiner Eltern reden oder wer aus unserem Bekanntenkreis mit wem zusammengekommen ist.

Was Heimweh bedeutet weiß ich, seitdem ich bei der Marine angefangen habe
Tom

Wenn ich sie länger nicht sehe, werde ich ein bisschen depressiv und bin mit meinen Gedanken woanders.

Am schlimmsten war es bei meinem Einsatz in Ostafrika: Wir gingen an Land, um Flüchtlinge mit Essen zu versorgen. Zwei kleine Kinder kamen auf mich zu, ich gab ihnen etwas von meinem persönlichen Schokoladenvorrat und sie umarmten mich. 

Eine Woche später erfuhr ich, dass es am selben Ort eine Schlacht gegeben hatte. Ich machte mir Sorgen: Waren die Kinder dabei? 

Wenn ich meine Familie länger nicht sehe, werde ich ein bisschen depressiv
Tom

Ich brauchte dringend jemanden zum Reden, jemanden von zu Hause. Mit Kameraden bespricht man sowas nur oberflächlich, meine Mutter ist meine Seelenklempnerin.

Mit ihr und meinem besten Freund spreche ich am häufigsten. Ich konnte bei meinen Auslandseinsätzen zwar nur dreißig Minuten pro Woche telefonieren, aber diese Gespräche gaben mir genug Motivation, um auch die nächste Woche zu überstehen. Wenn ich weiß, dass es den Leuten daheim gut geht, bin ich beruhigter und habe gleich weniger Sehnsucht."

(*Name von der Redaktion geändert.)

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Cara, 22, aus Fulda

"Ich sitze gerade bei Sonnenschein auf einem Platz in Granada, einer Stadt im Süden Spaniens. Hier verbringe ich zwei Auslandssemester meines Literaturwissenschaften-Studiums.

Ich bin im September angekommen und kann mit Gewissheit sagen: Ich habe kaum Heimweh. Aber ich hatte Angst vor diesem Gefühl, denn ich konnte mir meine Zukunft in Granada überhaupt nicht vorstellen.

Ich habe kaum Heimweh
Cara

Für mich war die Stadt ein Fleck auf der Landkarte – ich wusste nichts darüber. So hatte ich an Granada von Anfang an nicht den Anspruch, dass es wie ein neues Zuhause werden muss, das beugte Heimweh vor.

Ich sagte mir, dass diese Zeit ein längerer Ausflug, kein tatsächliches Umziehen sei. Das half beim Einleben und ich fand schnell Anschluss. 

Ich frage mich aber trotzdem: Was wäre, wenn ich diesen Ort Mitte nächsten Jahres verlasse – und er in der Zwischenzeit zu meinem Zuhause geworden ist? Denn ich merke immer mehr: Ich liebe die Wärme, die Siesta – und je mehr ich Spanisch lerne, desto näher fühle ich mich den Menschen hier."


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Lehrer verbreitet Reichsbürger-Unsinn auf YouTube, jetzt zeigt die Stadt Berlin ihn an
Hetzen, sechs!

Auf YouTube spielt er den "Volkslehrer" und verbreitet allerlei Unsinn: 9/11 sei ein Fake, die Mondlandung ausgedacht, die Holocaust-Geschichte voller Lügen, das Deutsche Reich bestehe fort. Der leider schon oftmals übliche Wahnsinn. 

Aber wenn der "Volkslehrer" nicht frei dreht, unterrichtet er Minderjährige an einer Berliner Grundschule in Englisch, Sport und Musik. Seine Schüler kennen die Videos. Der "Tagesspiegel" hat den Fall aufgedeckt und sich die Filme genauer angesehen. (Tagesspiegel