Bild: imago images/Leo

Jonas*, 25, ist Hansa Rostock-Fan und seit seinem 18. Geburtstag Vereinsmitglied. Seit er denken kann, verfolgt er die Spiele im Stadion oder am Fernseher. Doch das Verhältnis zu seinem Lieblingsverein ist belastet. Unserem Autor hat er von seinen Gefühlen erzählt:

Der Weg von der Wohnung meiner Familie zur S-Bahn führt mich am Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen vorbei. Der graue Betonklotz, der dem Viertel Anfang der Neunzigerjahre durch die rassistischen Übergriffe auf vietnamesische Migranten zu trauriger Berühmtheit verhalf, ist für mich ein Mahnmal: eine ständige Erinnerung daran, weltoffen, tolerant und empathisch zu sein. 

Ich wünsche mir, dass Rostock nie wieder wegen fremdenfeindlicher Übergriffe oder rechtem Gedankengut in den Schlagzeilen steht. 

Ich liebe die Menschen hier, das Meer, die Luft – und auch den Fußballverein der Stadt. Mit drei Jahren stand ich das erste Mal bei einem Spiel von Hansa Rostock im Ostseestadion.

Beim DfB-Pokal Spiel von Hansa Rostock gegen den VfB Stuttgart am vergangenen Montag erhielt meine Liebe allerdings einen starken Dämpfer. 

Während aus den Stadionlautsprechern "Auf gute Freunde" von den "Böhsen Onkelz" dröhnte, präsentierte der Fanclub "Wolgastä" auf der Südtribüne eine Choreografie. Die "Wolgastä" sind ein Fanclub aus der Stadt Wolgast, nahe der Insel Usedom. Einige Mitglieder sind in Szenekreisen als rechts und nationalistisch bekannt. Beim Pokalspiel feierte der Fanclub sein 20-jähriges Bestehen mit einer Geburtstags-Choreografie. 

In Frakturschrift stand auf einem blauen Banner "Außer Rand und Band, für Verein und Vaterland". daneben: der Bundesadler. Ein anderes zeigte einen Totenkopf mit Lorbeerkranz und der Aufschrift "Wolgastä Multikriminell seit 1999". 

Der Verein ließ später verlauten, den "Wolgastän" sei im Vorfeld der Partie das Okay dafür erteilt worden – und die Choreografie nicht rechtswidrig. Für mich war das Ganze aber alles andere als okay.

Ein Fußballstadion ist eine Begegnungsstätte für alle Mitglieder der Gesellschaft.

Hier verbindet der kleinste gemeinsame Nenner, die Liebe zum Sport, Jung und Alt, Arm und Reich und eben auch Links und Rechts. Mir ist klar, dass – trotz der Liebe zum gleichen Verein – Meinungspluralismus auf den Rängen nicht aufhört. "Politik gehört nicht ins Stadion" ist sowohl in Rostock als auch in vielen anderen Städten deshalb ein ungeschriebenes Gesetz, das Zusammenstöße verhindern soll. 

In den sozialen Netzwerken behaupteten einige Fans, dass die Aussage weder politisch noch meinungsäußernd war – lediglich patriotisch. Ich halte es für blauäugig, zu glauben, dass nicht mehr dahintersteckte. 

Wenn ein Fanclub wie die "Wolgastä" in Frakturschrift von Vaterland spricht, eine deutsche Flagge mit Bundesadler präsentiert und dazu ein Lied einer ehemals Rechtsrock-nahen Band spielt, liegt die Assoziation zum äußeren rechten Spektrum nahe. 

Zumindest die AfD zeigte an der Aktion Gefallen: Der Rostocker Kreisverband der Partei postete ein Statement auf Facebook, in dem die Aktion gelobt wurde. Mittlerweile hat der Verein der AfD verboten, Fotos der Choreografie für Werbezwecke zu nutzen.

Dass ausgerechnet diese Aktion Hansa Rostock deutschlandweit in die Schlagzeilen bringt, ärgert mich.

Denn sie bestätigt mal wieder, was viele Menschen ohnehin über den Verein zu wissen glauben. Wenn ich sage, dass ich Rostock-Fan bin, lautet die erste Frage meistens: "Bist du auch rechts?"

Als Individuum im Fan-Kollektiv habe ich mich gegen dieses Klischee stets gewehrt – und weise darauf hin, wie divers die Szene in Wahrheit ist. Auch der Verein selbst hat in der Vergangenheit versucht, sich diskriminierungs- (Hansa Rostock) und gewaltfrei (Hansa Rostock) zu zeigen. 

Prominente Fans wie Marteria oder die Band "Feine Sahne Fischfilet" wiesen ebenfalls auf die Meinungsvielfalt im Ostseestadion hin. 

Doch durch Vorfälle wie beim Pokalspiel gegen Stuttgart geraten solche positiven Entwicklungen schnell in Vergessenheit.

Marteria und Feine Sahne Fischfilet-Sänger Monchi in Rostocker Farben

(Bild: Imago: Kriemann/Future Image)

Besonders enttäuschend ist für mich Reaktion des Vereins.

Während der Aufsichtsratsvorsitzende Günter Fett die Choreografie immerhin als "deplatzierte Aktion" und "hässlichen Punkt in einem schönen Rahmen" bezeichnete (OZ), wies Vorstandschef Robert Marien die Vorwürfe mit einer dünnen Ausrede zurück. "Verboten werden Dinge, die nicht rechtskonform sind oder Sicherheitsbedenken hervorrufen. Die Prüfung durch den Staatsschutz hat keine Auffälligkeiten ergeben", sagte Marien und schloss an, dass ein demokratischer Verein eine solche Aktion aushalten müsse.

Statt Größe zu beweisen und einen Fehler einzugestehen, entzieht sich Marien mit seinem emotionslosen und vorschriftentreuen Statement der Verantwortung.

Als ich wieder am Sonnenblumenhaus vorbeikomme, wird mir deshalb klar: Auch wenn mein Herz immer für Hansa schlagen wird, will ich den jährlichen Beitrag für die Vereinsmitgliedschaft nicht mehr überweisen, solange sich der Verein nicht klar positioniert. 

Bei aller Vereinsneutralität ist eine entschiedene Haltung gegen Rassismus und Nationalismus nicht zu viel verlangt. Bei diesen Themen geht es nämlich nicht um Politik, sondern um Menschlichkeit. 

*Der echte Name ist der Redaktion bekannt


Fühlen

Manal wurde als Kind verheiratet. Jetzt kämpft sie in Deutschland um ihre Freiheit
Folge 5 unserer Serie: Dorfliebe

"Sie kriegen nur noch Wohnungen, in denen sonst keiner leben will", sagt Annette* leise und schaut sich dabei um. An dem alten Haus bröckeln Schieferplatten von der Fassade, der Lack von Tür- und Fensterrahmen platzt ab. "Sie", das sind syrische Geflüchtete. Annette ist eine ihrer ehrenamtlichen Helferinnen in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen. 

Sie klingelt vorsichtig an der Tür – einmal, zweimal. Erst beim dritten Klingeln meldet sich eine junge Frau durch die alte Sprechanlage. Nach zehn Minuten kommt sie nach draußen. Manal* ist geschminkt und trägt eine graue Mütze mit aufgestickten Pailletten auf dem Kopf. Sie wirkt unsicher, möchte schnell in ein nahegelegenes Café. Tufan* ist zuhause, sagt sie. Er soll von dem Gespräch nichts wissen.