Eine Frauenhausmitarbeiterin erklärt, wieso das Kontaktverbot für Frauen gefährlich werden kann.

Zuhause bleiben während der Corona-Pandemie ist nicht für alle Menschen eine sichere Lösung: zum Beispiel für Frauen und Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. 16 Mal die Stunde wird ein Mensch in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt. In 81 Prozent der Fälle trifft es Frauen. Jede dritte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfahren (BMFSFJ), alle drei Tage stirbt sogar eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners (BKA). Die Zahlen steigen seit 2014 und einiges spricht dafür, dass sie durch die Coronakrise noch stärker steigen könnten. In China ist das offenbar bereits der Fall: Die Frauenrechtlerin Feng Yuan sagte der BBC, dass dreimal so viele Frauen ihrer Organisation von häuslicher Gewalt berichtet hätten wie vor der Quarantäne.

Anika Ziemba, 32, arbeitet in einem Frauenhaus in Hamburg. Mit bento hat sie darüber gesprochen, warum die Coronakrise Gewalt gegen Frauen verschärfen könnte – und wie sie und ihre Kolleginnen das Frauenhaus trotz der Pandemie weiter am Laufen halten wollen.

Anika Ziemba

bento: Hast du den Eindruck, dass das aktuelle Kontaktverbot einen Einfluss auf die Gewalt hat, die Frauen in ihren Partnerschaften erleben?

Anika: Gewalt gegen Frauen gibt es immer, jetzt kommt noch eine unsichere Gesamtsituation dazu: Viele Menschen haben Angst, sich anzustecken oder ihren Job zu verlieren. Die Entspannungsphasen fallen weg, also die vielen Momente, in denen Paare oder Familienmitglieder nicht zusammen zuhause hocken müssen, weil sie zum Beispiel zur Arbeit oder zum Deutschkurs gehen oder die Kinder in die Kita bringen. Regelmäßige soziale Kontakte wirken aber nicht nur entlastend, sondern auch als Schutz: Auf der Arbeit, in der Kita, bei den Freundinnen, fällt es auf, wenn eine Frau auf einmal nicht mehr auftaucht. Ihr Mann weiß das. Auch dieser Schutzfaktor fällt jetzt weg.

Wir sehen zahlenmäßig gerade noch keinen Anstieg von Gewalt, aber wir rechnen damit.

„Jede und jeder von uns kennt Frauen, die Gewalt erfahren oder Männer, die Gewalt ausüben.“
Anika Ziemba

bento: Wieso wird jemand gewalttätig seiner Partnerin gegenüber, nur weil er Angst hat, seinen Job zu verlieren?

Anika: Gewalt gegen Frauen funktioniert ja, weil Männer gesellschaftlich gesehen in einer höheren Machtposition sind und deshalb keine großen Konsequenzen für ihr Verhalten zu befürchten haben. Wenn jemand in dieser Machtposition dann auch noch gelangweilt, frustriert und ängstlich ist, gibt er das nach "unten" weiter.

bento: Du sagst, die Momente fallen weg, in denen Betroffene mal nicht mit dem gewalttätigen Partner zusammen sind. Wird es dadurch nicht auch schwieriger, sich überhaupt Hilfe zu holen?

Anika: Ich fürchte, ja. Wir kriegen häufig dann Anrufe, wenn der Partner zum Beispiel auf der Arbeit ist. Ich würde den betroffenen Frauen raten: Schreibt uns eine E-Mail, wenn der Mann schläft. Geht eine Runde mit den Kindern um den Block. Auch das Badezimmer ist in der Regel ein Ort, in den man sich einschließen und für sich sein kann.

bento: Wenn ihr jetzt schon damit rechnet, dass bald mehr Frauen bei euch Schutz suchen werden – wie bereitet ihr euch darauf vor?

Anika: Wir versuchen, Platz zu schaffen. Wenn eine Frau zum Corona-Verdachtsfall wird, zur Risikogruppe gehört, oder eigentlich schon stabil genug ist, um auszuziehen, und nur noch auf eine Wohnung wartet, könnte diese Frau woanders untergebracht werden – sofern sie sich das vorstellen kann. Die Behörde (Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Anm. der Red.) unterstützt uns mit entsprechenden Räumlichkeiten.

Manche Frauen in der Risikogruppe fühlen sich aber auch zu unsicher, um auszuziehen, sie möchten weiter persönlich mit ihren Beraterinnen sprechen können. Vielleicht finden wir auch einen Weg, die Frauen in den anderen Räumlichkeiten persönlich zu begleiten. Das erhöht aber das Risiko für die Mitarbeiterinnen, sich anzustecken.

„Alle Frauen in einer Gewaltsituation sollen wissen: Wir als Frauenhäuser arbeiten weiter.“
Anika Ziemba

bento: Wenn sich zu viele von euch infizieren, könnte das bedeuten, dass ihr als Team nicht mehr arbeitsfähig seid. Wie schützt ihr euch als Mitarbeiterinnen, sodass das Frauenhaus weiter geöffnet bleiben kann?

Anika: Wir rechnen damit, dass früher oder später Kolleginnen ausfallen. Wir sind zu siebt im Team, eine ist Verdachtsfall und in Selbstisolation, eine andere gehört zur Risikogruppe und macht Homeoffice. So sieht es bei uns aus, in anderen Frauenhäusern gibt es aber auch schon mehr Ausfälle, die sie stämmen müssen.

Wir arbeiten jetzt abwechselnd in Zweierteams vor Ort, damit nur noch eine andere Person in Quarantäne muss, wenn sich jemand ansteckt. Die anderen sind dann im Homeoffice und führen zum Beispiel per Telefon Beratungsgespräche mit den Frauen. Aber die psychosoziale Beratung lebt eben vom persönlichen Kontakt. Vor allem, wenn ich mit einer Frau keine wirkliche gemeinsame Sprache habe, können wir uns im persönlichen Gespräch immer noch mit Händen und Füßen verständigen. Am Telefon ist das unmöglich.

bento: Wie geht es den Frauen, die aktuell bei euch im Frauenhaus leben, mit der Situation?

Anika: Vielen Fragen, die die Frauen haben, können wir gerade nicht genug Aufmerksamkeit schenken: Wie komme ich in eine neue Wohnung? Wie wird es, wenn der Vater weiterhin das Recht hat, die Kinder zu sehen? Kann ich mich von meinem deutschen Ehemann trennen, ohne meinen Aufenthalt zu verlieren? Dazu kommen natürlich die Verletzung, die Schuldgefühle, die Trauer. Das alles rückt gerade in den Hintergrund, weil wir im Büro so dünn besetzt sind und Abstand halten müssen.

Was jetzt für die Frauen noch dazu kommt, ist die Verunsicherung durch Corona. Alleinstehende Frauen teilen sich bei uns ein 16-Quadratmeter-Zimmer zu zweit oder zu dritt, zwischen sechs und dreizehn Personen wohnen auf einer Etage und teilen sich ein Bad und eine Küche. Den Sicherheitsabstand einzuhalten ist da nicht immer möglich. Das erhöht natürlich das Konfliktpotenzial.

bento: Viele Menschen möchten sich in der Coronakrise engagieren und helfen. Was kann die Zivilbevölkerung tun, um euch bei eurer Arbeit zu unterstützen?

Anika: Aufmerksam sein. Wir kriegen mit, was in den Nachbarwohnungen passiert und wir haben in der Regel auch ein ganz gutes Gespür dafür, ob alles in Ordnung ist oder nicht. Im Zweifelsfall können wir die betroffene Frau einfach mal ansprechen: "Hey, ist eigentlich alles okay bei dir?" – oder, wenn uns die Situation akut bedrohlich vorkommt, die Polizei rufen. Gewalt funktioniert nur deshalb so gut, weil wir nicht darüber sprechen. 


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