Zum Frühstück trank sie Sprite. Sie rauchte und rotzte, manchmal ließ sie den Spuckefaden so herauslaufen, dass es dauerte, bis er den Boden erreichte. 

Ihre Schulsachen befanden sich in einem silbernen und schäbigen Turnbeutel, woraus wir schlossen: Kristinas Eltern sind arm, Kristina ist dumm, Kristina kauft ihre Unterhosen im Viererpack bei Aldi.

Wenn wir Kristina und ihre Freundinnen passierten, guckten alle kacke, musterten sich, es zischte "Schlampe!", Kaugummiblasen knallten wie Schüsse. 

Danach fiel dieses Wort, mit dem wir uns die Mädchen erklärten und das zugleich entschuldigte, dass wir Kristina und die anderen nieder machten: asozial. Die waren asozial, klar.

Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund besuchen noch immer oft Schulen, in denen die übrige Schülerschaft aus einem ähnlichen Umfeld stammt. Das zeigt erneut der Ländervergleich der OECD.

Deutschlands Schulen werden, im Vergleich zu den Vorjahren, nur langsam besser. Bleiben Kinder aus sozial schwachem Umfeld unter sich, fallen ihre schulischen Leistungen schlechter aus, als wenn sie in eine Schule mit Kindern aus besser gestellten Familien gehen.

Schulerfolg hängt also noch immer maßgeblich davon ab, woher wir kommen und mit wem wir uns umgeben.

Wieder wird man sich jetzt fragen, warum das so ist, wieso ein reiches Land wie Deutschland es nicht schafft, durchlässiger zu sein.

Mich überrascht das nicht. Wenn ich zurückschaue, fünfte Klasse und die Jahre danach, dann sehe ich die Grenzen vor mir, die wir alle gezogen haben.

Die Hauptschule in unserer westfälischen Kleinstadt, deutscher Durchschnitt, kein Brennpunkt, war geografisch eingeklammert. Zwei Gymnasien umgaben die Schule in der Mitte, die Gebäude und ihre Pausenhöfe lagen direkt nebeneinander.

Was theoretisch vielleicht dafür sorgen sollte, dass sich alle lieb haben, fühlte sich in echt so an, als würden die "Guten" die "Schlechten" umzingeln. So sprachen wir über uns und die Kinder in der Mitte.

Klassenzimmer ohne Schüler: Wo begegnen, wenn nicht hier?

(Bild: Unsplash / Feliphe Schiarolli )

Die Lehrer sagten häufig, auf dem Schulhof in der Mitte hätten wir eigentlich nichts verloren. Die Pausenaufsicht sprach auch nie mit der anderen Pausenaufsicht, das kam so rüber, als würden auch die Lehrer so denken wie wir über Kristina und ihre Leute.

Während des Unterrichts kam es einmal vor, dass es draußen Krawall gab. Wir liefen zum Fenster, unten prügelten sich drei Jungs. Der Lehrer sagte: "Ach, das sind die von drüben." Zurück zu Fontane.

Nach Schulschluss setzte Kristina sich zu einem schönen Typen ins Auto. Wir gingen zur Garten-AG.

Kristina trug aus unerklärlichen Gründen ständig neue Nikes. Uns wurden nicht mal Chucks erlaubt, zu kalt im Winter.

Man erzählte sich, dass Kristina die Pille nahm. Wir hatten Respekt vorm ersten Kuss, während Kristina auf SchülerVZ in dieser Gruppe war: "Ich brauch keinen Sex, die Schule fickt mich genug".

Natürlich fanden wir das alles nicht wirklich scheiße, in Wahrheit war Kristina spannend. Ich hätte sie gern viel gefragt. Warum machte ich es nie? 

Schule von innen: Neue Nikes, Respekt vorm ersten Kuss

(Bild: Unsplash / Kyo Azuma )

In der Tagesschau und in Talkshows, die bei uns liefen, waren Kristina und ihre Familie die Unterschicht, die kleinen Leute, diese Begriffe lasen Moderatoren vor. Das klang so, als würden sie von nicht vollwertigen Bürgern reden. Gestört hat das niemanden.

Von den Kindern, die die Schule in der Mitte besuchten, sprachen wir beim Abendbrot als "Hochhauskinder". Es sollte nicht gemein sein. Glaube ich. Aber wie viel von solchem Gerede hat unsere Rollen zementiert?

Es gehört zur Pubertät, sich von anderen abzugrenzen, zugleich bloß nicht auffallen zu wollen, Andersartigkeit abstoßend zu finden. Aber offenbar gehört es ab und zu auch zum Erwachsenenalter. "Hochhauskinder" haben wir sie in der Familie alle genannt.

Wo beginnt Arroganz, Diskriminierung? Wie sehr sorgen diese kleinen Situationen, in der kleinen Stadt, im Klassenraum, am Abendbrottisch, dafür, dass Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status zu Erwachsenen mit demselben Status werden?

Bildungspolitiker kritisieren immer wieder, dass die frühe Selektion im deutschen Schulsystem dafür sorge, dass Schüler nicht lange genug beieinander seien.

Würden sie auch nach der vierten Klasse im gleichen Klassenraum lernen, würde die Trennung der zunächst Zusammengehörenden später stattfinden, könnten Leistungsschwächere auch länger von Leistungsstärkeren profitieren. Dass Kinder nach der Grundschule in weiterführende Schulformen einsortiert würden, nach Leistung gestaffelt, verhindere Inklusion. 

In keinem anderen Land ist die Herkunft für den schulischen Erfolg so prägend wie in Deutschland, das weiß man seit der ersten Pisa-Studie 2001. Trotzdem ist das System nach wie vor fast unverändert, dazu trägt auch die Gesellschaft bei.

Nach Schulschluss: Lernen versus Nicht-Lernen

(Bild: Unsplash / Sharon McCutcheon )

Die Mutter einer Freundin hatte Kristinas Mutter mal gesehen, bei Aldi. Sie hatten sich nicht gegrüßt, aber auf dem Kassenband ihre Einkäufe betrachtet. So kam es, dass wir von dem Viererpack Unterhosen erfuhren.

Es kam, dass auch wir nicht mit Kristina und ihren Leuten sprachen, und wenn es in der Nachbarschaft nach Feuer roch, konnten nur sie es gewesen sein.

Durch Zufall fand ich Kristina auf Facebook, neulich. Klick, klick, Neugier, puh, diese Frisur, aber auch Bilder mit dicken Autos, Faszination, wie damals. Dann: Kristinas Infos besagten, dass sie in einem Klamottenladen jobbt. Ich ertappte mich bei diesem Gedanken: "War ja klar."

Kristina hat es nicht geschafft, dachte ich, ohne zu wissen, ob sie selbst das vielleicht gar nicht so empfindet und glücklich ist – das war wohl ganz sicher arrogant.

Wenn ihre Timeline stimmt, dann machte Kristina nach der Hauptschule kein Abi, studierte nicht, lebt noch immer am Ort. Und wir noch immer in zwei Welten, obwohl wir denselben Schulweg liefen.

Daran ist kein Einzelner Schuld. Schüler, Eltern, Lehrer, Kristina selbst, die ja auch "Schlampe!" rief: Hätte ein anderes Schulsystem vielleicht dafür gesorgt, dass wir länger gleich gewesen wären? Ein System, das nicht auf Trennung setzt, und verhindert, dass andere zu Fremden werden?

Oder hätten wir uns außerhalb der Schule begegnen sollen? Hätten wir, so einfach das klingt, am Ende alle ein Stück mehr aufeinander zugehen sollen?

Hätten wir, haben wir nicht. Nicht Kristina und ihre Freundinnen. Nicht wir, die diese Gruppe einkreisten, zehn Jahre lang, mit Fontane, mit zwei Schulhöfen, von links und rechts.



Kristina heißt eigentlich anders. Der Name wurde von der Redaktion geändert.


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