Denn die sind einfach keine guten Geschenke.

Caro schuldet mir seit zwei Jahren ein Eis. Hannah und Vicky müssen mich noch auf eine Kanutour einladen. Paul und Josef wollen mich seit drei Jahren in den Freizeitpark ausführen. Und mit Marina rede ich zwar schon lange nicht mehr, aber eigentlich steht da noch ein gemeinsamer Festivalbesuch aus. 

All diese Menschen haben mir mal einen Gutschein für eine gemeinsame Unternehmung geschenkt. 

Keinen davon haben wir eingelöst. Und genau deshalb sind Gutscheine für Quality-Time ein unbrauchbares Geschenk. Egal, was alle Nachhaltigkeits-Bloggerinnen und Glücks-Berater sagen.

Eigentlich gilt Quality-Time diese Weihnachten nämlich als das Geschenk der Zukunft: "Zeit statt Zeug" ist das Motto.

Selbstgemalte Gutscheine für Keksebacken, Rückenmassieren und Winterwanderungen produzieren kein CO2 (zumindest so lange, bis man dann das Auto anschmeißt) und beuten niemanden aus (außer den Verschenkenden, der auf dem Weg zum Weihnachtsessen in der U-Bahn noch schnell eine Karte bekrickelt). 

Gutschein-Geschenke stehen für die Abkehr vom Materialismus, für ein Besinnen auf Zwischenmenschlichkeit und, ganz wichtig, Achtsamkeit, weil man ja den anderen gut beobachten muss, um den perfekten, persönlichen Gutschein auszustellen.

Wie so oft, wenn etwas zu gut klingt, muss es einen Haken geben. Den gibt es auch bei Quality-Time-Gutscheinen: Mindestens die Hälfte von ihnen verfällt. 

Und so werden diese Geschenke zur größten Enttäuschung unter dem Weihnachtsbaum, seit es Socken gibt.

Denn je älter man wird, desto schwieriger werden große Unternehmungen mit Freunden, die allesamt in Beruf, Partnerschaften, Familie eingebunden sind. Ein Bier nach der Arbeit kriegt man vielleicht gerade noch so hin, alle zwei Wochen zumindest.

Die Planung eines gemeinsamen Ausflugs in den Freizeitpark aber wird zum unmöglichen Unterfangen. Je mehr Leute daran beteiligt sind, desto schlimmer: Einer setzt eine WhatsApp-Gruppe auf, der andere legt ein Doodle an. Ein Termin wird gefunden, aber dann kündigt sich die Schwiegermutter an, und das Wochenende danach hat wieder jemand Dienst. Irgendwann ist es Winter, also zu kalt für eine Kanutour, und im nächsten Frühling jährt sich der Geburtstag und ein neuer Gutschein wird verschenkt.

Quality-Time-Gutscheine sind dabei sogar noch schlimmer als normale Gutscheine. Mit einem Gutschein von Media Markt kann man sich zumindest noch irgendwas besorgen, das man sowieso braucht, Mehrfachsteckdosen oder ein Bügeleisen zum Beispiel. 

Der Quality-Time-Gutschein hingegen hat keinen reellen Gegenwert, zu dem man ihn notfalls umwandeln kann. Wer zwei Jahre nach dem Schenken seinen Freund bittet, doch statt des Kanutrips die Wäsche zu machen oder einfach ein Bügeleisen zu kaufen, stellt die Freundschaft mindestens auf eine Probe.

Längst hat auch die Industrie das Geschäft mit der wertvollen Zeit für sich entdeckt. Bei Mydays oder Jochen Schweizer kann man "Erlebnisse" buchen – Panzerfahren für Männer und Aromaölmassage für Frauen. Und spätestens, wenn Adventskalender statt Schokolade Meditationsanleitungen und Gesprächsimpulse für 25 Euro enthalten, hat der Kapitalismus auch dieses Konzept zugrunde gerichtet.

Das, was die Zeit-Gutscheine eigentlich sein sollen – persönlich, wertschätzend, individuell – erfüllen sie so gar nicht. 

In vielen Fällen sind sie stattdessen, wenn auch lieb gemeint, meistens doch auch ein Resultat von: Mir ist gerade nichts anderes eingefallen, und in den Laden habe ich es nicht mehr geschafft.

Um jemandem zu zeigen, wie viel er einem bedeutet, kann man zum Jahresende ja vielleicht stattdessen auch mal den direkten Weg wählen und genau das in Worte fassen.

Eine Freundin hat mir vor ein paar Monaten eine Karte geschrieben, einfach so, zwischendurch, "für mich bist du groß" steht da drauf. Eine andere hat mir kürzlich gesagt, dass ich der coolste Mensch bin, den sie kennt. Diese Geschenke muss man nicht erst einlösen, sie fühlen sich sofort gut an. Garantiert CO2-frei.

Ich bin kein Fan vom Geschenke-Stress, von Konsum des Konsums willen erst recht nicht. Aber ein Fan von Enttäuschungen bin ich auch nicht. Erst recht nicht an Weihnachten.


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Kreuzfahrtoffizier Phillip, 29: Welche Route er am liebsten fährt und wie oft es zu Notfällen kommt
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