Unsere Autorin hat Vorsatzlisten von 2004 wieder ausgegraben

Um den Jahreswechsel treibe ich mich gern auf Twitter herum. Denn dann weht ein frischer Wind des Aufbruchs durch die Hashtags: Unter #NewYearsResolutionIn5Words zum Beispiel feilen viele an ihren Vorhaben für das nächste Jahr.

Zwischen den ganzen vermeintlich guten Vorsätzen à la "Mehr fressen, mehr saufen...höhö" fiel mir ein Tweet auf, der mich an irgendwas erinnerte. "Mein Vorsatz für 2016: Immer 10€ des Taschengeldes auf meinem Konto lassen", schrieb ein junges Mädchen.

Irgendwann fiel mir ein, woher: Von meiner eigenen Liste der guten Vorsätze aus dem Jahr 2005, nun fast zehn Jahre alt. Mein 15-jähriges Ich hatte darauf notiert: "Dieses Jahr möchte ich mindestens 250 Euro verdienen."

Keine Ahnung, wie ich ausgerechnet auf diese Zahl kam. Aber der Gedanke, dass ich 250 Euro einmal für ein erstrebenswertes Jahreseinkommen hielt, gab mir zu denken. Ich suchte in BackUp-Ordnern, Teenie-Tagebüchern und alten Notizblöcken nach weiteren Listen mit guten Vorsätzen. Hätten sie vielleicht noch mehr Erkenntnisse dieser Art zu bieten?

Am Ende hatte ich fünf Listen ausgegraben, die älteste von 2004. Sie zeigen mir heute, was mir damals wirklich wichtig war, sie helfen, das eigene Leben nachträglich besser zu verstehen. Wie ein Tagebuch halten sie fest, wie sich ein Jahr angefühlt hat.

Manche der Vorsätze entführen in eine fast vergessene Welt: Es ist November 2004 und ich schreibe auf, dass ich mehr Zeit mit Barry, unseren Hund verbringen möchte. Andere Vorsätze zeigen, für welche Dinge ich einmal gebrannt habe. Als Teenager drehte sich bei mir alles um Cheerleading, und Silvester 2006 nahm ich mir vor, jeden Morgen 30 Liegestütze zu machen, um fit zu werden für die deutsche Meisterschaft.

Und es gibt auch Vorsätze, die zeigen, dass gründlich was schief ging. 2014: "Definitiv weniger deprimierte Abende mit Serien, Chips und Sekt. Das ist verschwendete Lebenszeit!" Ah ja. Das war nach einem Umzug für ein Praktikum nach Hamburg, wo ich niemanden kannte ich mich abends mit "Breaking Bad" einigelte.

Im Nachhinein entdecke ich jetzt manchmal auch eine gewisse Kontinuität; seit der neunten Klasse schrieb ich fast jedes Jahr: „Mich in Französisch verbessern und in der Sprache endlich mal vom Fleck kommen“. Erst 2014, nach einem Praktikum in Belgien, verschwand dieser Punkt fast unbemerkt, dafür kam ein neues Vorhaben hinzu: "eine neue Sprache lernen, die mich begeistert".

Vielleicht sollten wir aufhören, jedes Jahr von neuem nur die obligatorischen Punkte aufzuschreiben, wie:

  1. Mit dem Rauchen aufhören
  2. Mehr Sport machen
  3. Weniger Zeit im Internet verbringen.

Vielleicht sollten wir stattdessen ein bisschen tiefer in uns hineinhören, was wir uns vom neuen Jahr wirklich wünschen.

Klar, ich fand es lustig zu lesen, dass mein 17-jähriges Ich im Abiturstress gerne bessere Noten in Mathe gehabt hätte. Aber wirklich spannend sind die kleinen Wünsche, die sich über ein Jahrzehnt am Rand und zwischen den Zeilen der guten Vorsätze angesammelt haben. Meist standen sie zu unrecht im Schatten der vermeintlich wichtigen Vorhaben.

Jahrelang stand auf der Liste, dass ich mehr Zeit haben möchte, um Klavier zu spielen, irgendwann war dieser Vorsatz verschwunden. Warum eigentlich? Wieso ist aus dem Fotografiekurs, den ich 2014 unbedingt machen wollte, nie was geworden? Und kann ich meinen alten Freundeskreis nicht immer noch irgendwie wieder an einen Tisch bringen, wie ich es mir 2012 gewünscht hatte?

Es ist nicht unbedingt schlimm, dass oft nichts aus den Wünschen geworden ist. Meine Klaviernoten habe ich schließlich immer noch im Schrank. Und meine Freunde von früher? Habe ich zwar noch nicht wieder alle an einen Tisch bekommen, aber immerhin in eine gemeinsame Facebookgruppe. Bloß nicht aufgeben. Wichtig ist nur, dass man diese Wünsche nicht komplett vergisst. (Es sei denn, sie sind dermaßen überholt wie der Wunsch meines 13-jährigen Ichs, die Frisur von Diane Krüger zu haben.)

Darum lohnt es sich, unsere Träume von heute als unsere Vorsätze von morgen aufzuschreiben. Selbst, wenn in diesem Jahr nichts draus wird – vielleicht stolpern wir in zehn Jahren über die längst verloren geglaubte Liste und erinnern uns so an die Dinge, die uns 2016 wirklich wichtig waren.

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