Wir haben mit den Macherinnen der Plattform Lena und Alina über ihre Idee gesprochen.

Selten kommt man im Alltag in so eine verletzliche Position wie auf dem Gynäkologenstuhl. Deshalb ist besonders wichtig, dass die Ärztin oder der Arzt respektvoll und sensibel mit ihren Patientinnen umgehen. 

Nicht immer ist das der Fall. Studien zeigen, dass für viele Frauen der Gang zur Gynäkologin mit Angst oder Scham verbunden ist. Die Internetforen sind voll von Berichten über abfällige Kommentare von Gynäkologen, über ruppige, schmerzhafte Untersuchungen und unnötige intime Fragen. Wer beispielsweise trans* oder lesbisch ist, ein Kopftuch trägt oder einen Rollstuhl benutzt, ist in dieser ausgelieferten Situation demnach manchmal noch zusätzlicher Diskriminierung ausgesetzt.

Eine Website soll das ändern

Acht junge Frauen haben sich zusammengetan, um daran etwas zu ändern. "Du verdienst bei der gynäkologischen Behandlung einen respektvollen, vertraulichen, unvoreingenommenen und professionellen Umgang", steht auf der Website von "Gynformation". Mit ihrem "Kollektiv für gynäkologische Selbstbestimmung" haben sie ein Online-Verzeichnis von Gynäkologinnen erstellt, bei denen man mit genau dieser Art von Behandlung rechnen kann. 

Besonders hilfreich: Die Suche lässt sich nach Bundesland, Behandlungsmethode und Personengruppe filtern. Man kann also einen Gynäkologen in Sachsen suchen, bei dem Schwarze Menschen keinen Rassismus befürchten müssen oder eine Ärztin in Schleswig-Holstein, die Sterilisationen ohne unangebrachte Fragen durchführt.  

Die Informationen basieren auf Erfahrungen von Patientinnen. Seit Kurzem ist die Seite online, bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Interviews hatten die Aktivistinnen bereits siebzig Empfehlungen zugeschickt bekommen. bento hat mit zwei Mitgliedern des Kollektivs gesprochen.

bento: Habt ihr selbst schon schlechte Erfahrungen mit Gynäkologinnen gemacht?

Alina: Als bisexuelle Person fühle ich mich oft nicht ernst genommen. Gynäkolog*innen* gehen meistens einfach davon aus, dass Frauen, die zu ihnen kommen, mit Männern schlafen.

Lena: Ich bin auch queer und habe schon viele moralisierende Bemerkungen erlebt, über meine Sexualpraktiken, wie mein Körper aussieht. Es waren viele kleine Erfahrungen aber sie haben mich lange Zeit davon abgehalten, zur Gynäkolog*in zu gehen. Dabei sind wir zwei weiße Cis-Frauen, wir kriegen nur die Spitze des Eisbergs mit.

Alina: Meine persönlichen Erfahrungen waren auch nicht die Motivation für das Projekt.

Alina und Lena heißen wirklich so – wollen aber ihren Nachnamen nicht veröffentlichen und auch ihre Gesichter unerkannt lassen. 

bento: Was war es dann?

Alina: Die Idee habe ich aus Frankreich, da gibt es eine ähnliche Plattform schon. Als dann in Deutschland der Fall von Kristina Hänel Wellen schlug, wollten wir unserer Forderung Nachdruck verleihen, dass wir einfach an die Informationen kommen müssen: Welche Praxen bieten Schwangerschaftsabbrüche an? Aber auch: Welche Methoden werden da angewendet, was kostet das, war die Atmosphäre respektvoll, gab es diskriminierende Bemerkungen?

Das ist aber nur ein Grund für die Initiative. Die Medizin – und die Gynäkologie besonders – ist ein sehr sensibles Feld, in dem es oft um ganz persönliche Fragen geht. Um Lebensentwürfe, Sexualität, Identität, Geschlecht. Oft wird dabei immer noch von einer Norm ausgegangen, die hetero, cis geschlechtlich, weiß, dünn, nicht behindert und so weiter ist. Das entspricht der Realität vieler Menschen aber gar nicht. Wir fordern, dass all unsere Körper in der Medizin genauso respektvoll behandelt werden und dass sich auch in der Forschung der Fokus verändert. 

Lena: Als wir angefangen haben, offen über die Idee zu sprechen, haben wir von extrem vielen Menschen aus unserem Bekanntenkreis gehört, die schlechte Erfahrungen mit Gynäkolog*innen gemacht haben, teilweise sogar traumatisierende.

bento: Bewertungsportale für Ärztinnen gibt es ja schon. Was ist der Unterschied zwischen euch und beispielsweise Jameda?

Lena: Dass es bei uns nur positive Empfehlungen gibt. Wir wollen empowern und nicht, dass man sich erst durch tausend schlimme Geschichten scrollen muss. Für Menschen, denen es eh schon schwerfällt, zur Gynäkologin zu gehen, macht es das nicht besser.

Alina: Durch unseren Suchfilter kann man schneller die richtige Adresse finden und individuelle Prioritäten setzen. Aber die Seite ist noch in der Betaphase und wir müssen jetzt natürlich erst einmal Daten sammeln und einarbeiten.

bento: Helfen denn ausschließlich Positivbeispiele? Wenn jemand ein wirklich schlimmes Erlebnis bei einer Gynäkologin hatte, sollte man andere Patientinnen nicht auch davor warnen?

Lena: Ja, das sollte man. Wenn man wirklich übergriffige Erfahrungen gemacht hat, zum Beispiel sexuelle Übergriffe oder Gewalt, kann man das der Bundesärztekammer melden und gegebenenfalls auch zu der Polizei gehen. Dafür sind wir nicht die richtige Adresse. Wenn uns mitgeteilt wird, dass so etwas bei einer Ärztin passiert ist, die wir auf unserer Liste empfehlen, dann nehmen wir sie natürlich wieder runter.

bento: Ihr beiden seid weiß und cis. Wie stellt ihr sicher, dass möglichst viele Personengruppen und Diskriminierungserfahrungen in eurer Datenbank berücksichtigt werden?

Alina: Wir haben unseren Fragebogen und die Webseite vor der Veröffentlichung dem Feedback von etwa 50 Personen mit sehr unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt, und auch Gynäkolog*innen befragt.

Lena: Unser Ziel ist es, die Seite auch in unterschiedliche Sprachen zu übersetzen und barrierefrei zu gestalten.

bento: Wieso war es euch wichtig, alles selbst zu programmieren?

Alina: Wir wollten einen Open-Source-Code. Wenn zum Beispiel ein anderes Kollektiv die Idee gut findet und so eine ähnliche Liste für positive Erfahrungen mit Psychotherapeut*innen online stellen möchte, dann können sie einfach unseren Quellcode für die Website nutzen.

bento: Ihr sagt, dass so viele Menschen schlechte Erfahrungen machen, ist ein strukturelles Problem in der Medizin. Kann ein Verzeichnis mit Positivbeispielen überhaupt etwas daran verändern? 

Lena: Häufig ist der oder die Ärzt*in eine Autoritätsperson, deren Verhalten man sich nicht traut zu hinterfragen. Wenn Patient*innen wissen, dass sie Rechte haben, und wenn sie ihren Körper besser kennen, dann sind sie vielleicht selbstsicherer. Vor allem Personen, die in der Vergangenheit wirklich schlechte Erfahrungen mit gynäkologischen Behandlungen gemacht haben, haben mithilfe von Gynformation hoffentlich bessere Chancen, dass sich solche Erfahrungen für sie nicht wiederholen.

Alina: Außerdem würden wir gern eine Diskussion über dieses strukturelle Problem anstoßen, die im besten Falle auch bei Ärzt*innen, in Universitäten und in der Politik ankommt. Vielleicht schaffen wir ein Bewusstsein - das ist ja immer der erste Schritt zu struktureller Veränderung. 

*bei bento gendern wir eigentlich auf eine andere Art und Weise. Da Lena und Alina aber im gesprochenen Interview auf diese Art gegendert haben, haben wir den Stern auch im geschriebenen Interview übernommen. 


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