Bild: Jalal Hosseini

Mein Großvater hat eine Lungenentzündung und schwere Demenz, er wird vielleicht bald sterben. Deswegen bin ich nach sehr langer Zeit in der Großstadt zurück in die Heimat gefahren, eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen.

Erinnerungen: Schultüte, Tierpark-Ausflüge mit den Großeltern, Weisheitszähne, erster Kuss. Dass wir mit Mischbier aufs Abi tranken.

Gleich Sonntag setze ich mich ins Auto meiner Eltern und fahre ins Krankenhaus. Er liegt im Obergeschoss, Blick auf den Friedhof. Vor dem Fenster ist Februar, kahle Buchen.

Bin ich zu spät? Wird er wissen, wer vor ihm steht? Und wenn nicht: Werde ich für immer bereuen, nicht eher gekommen zu sein?

Es sind die womöglich letzten Tage oder Wochen seines Lebens, während ich mit 25 mittendrin bin in meinem. Für den Job in der Großstadt habe ich die Heimat verlassen und die Menschen, die ich damit verbinde.

Die Autorin dieses Textes...

...liebt Gedichte, Spargel und Schnee-Spaziergänge. Um ihren Großvater zu schützen, bleibt sie anonym – ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

Seit Weihnachten habe ich ihn nicht gesehen, mit seinem Körper ist viel passiert in den vergangenen Monaten. Die Lungenentzündung, die ihm noch vor fünf Jahren nichts hätte anhaben können, hat ihm nun all seine Kräfte genommen, das lebensbejahende Lachen.

Seine Haut ist weiß geworden, der Atem schwer. Schnabeltasse mit Hustensaft, überall Schläuche, Sauerstoff, Kochsalz, Antibiotikum.

Ich muss ihm sagen, wer ich bin.

Erinnerungen: Mit diesem Mann habe ich Laternen gebastelt und Lieder geflötet. In seinem Wintergarten aßen wir Butterbrote, dazu erklärte er, wie man Regale baut. Hinter unserem Haus zimmerte er eine Holzhütte für Rasenmäher und Spielzeug, einmal zog er an einer Wasserpfeife und sagte: "Schmeckt."

Er erzählte mit mahnendem Tonfall vom Krieg und wie er ihn lehrte zu erkennen, ob ein Mensch oder eine Stimmung gefährlich ist. Genau beschrieb er, wie Feindbilder entstehen, wie er als deutscher Soldat verwundet wurde und wie er bei einem tagelangen Fußmarsch zum nächsten Lazarett nur an seine Familie denken konnte.

Den Mutigen gehört die Welt

Wenn ich Geburtstag hatte, die Zusage bekam fürs Studium oder den Job, schrieb er auf Glückwunschkarten: "Den Mutigen gehört die Welt."

Die Hecke vor seiner Haustür schnitt er ordentlich, das hatte für ihn nichts mit Spießertum zu tun, sondern mit Anstand und Höflichkeit gegenüber den Nachbarn, den Nächsten. "Respekt", sagte er.

Nach meinem Auszug telefonierten wir viel, ich berichtete von Klausuren, Reisen, von der Liebe. Ich sah ihn oft, immer dann, wenn ich meine Eltern besuchte.

Doch mit der Zeit verlor sich das. Oder: Verloren wir uns?

Bald vergaß ich, ihn anzurufen. Wenn wir telefonierten, erzählte ich anders von meinem Leben als zuvor. Kompliziertes ließ ich aus, ich ertappte mich bei dem Gedanken, er würde vieles ohnehin nicht mehr verstehen. Ständig stellte er dieselben Fragen, meine Antworten schien er immer seltener zu begreifen.

Besuche bei ihm sagte ich ohne schlechtes Gewissen ab. Zu viel zu tun in der großen Stadt, zu schnell das Leben, zu dem er mal gehörte.

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Während er ein Altersheim bezog, saß ich in Konferenzen. Der Kontakt wurde mir unwichtiger, stattdessen investierte ich Zeit in mein neues Leben, in berufliche Beziehungen und die neue Stadt.

Und manchmal wollte ich einfach auf dem Sofa liegen und mich entspannen, anstatt ihm kleinschrittig zu erklären, was mich stresst. Wie anstrengend.

Und das nach allem, was er für mich getan hat, mir beigebracht hat?

War ich zu wenig bei ihm, habe ich ihn aufgegeben? Hätte ich ihn nicht mal einladen müssen, zu einem Frühstück in einem Mehr-Generationen-Haus? Hätte ich ihn mehr integrieren müssen in meinen Alltag, damit wir weiterhin voneinander lernen können?

Er kam in ein Altersheim, ich saß in Konferenzen

Wie einsam war er in den vergangenen Jahren, nach dem Tod seiner Frau? Wann begann seine Demenz wirklich? Hatte er Angst? Gab es etwas, das er mir gern gesagt hätte, als er noch klar war im Kopf? Oder kann sein eigenes Leben nur aufbauen, wer sich vollständig von seiner Kindheit verabschiedet?

Ich habe ihn nie gefragt. Jetzt kann ich es nicht mehr.

Doch wie er dort liegt und ich ihn vermisse, wird mir bewusst, dass ich öfter an ihn hätte denken sollen.

Und noch etwas zeigt mir seine Krankheit: Dass die Integration von älteren Menschen in unserer Gesellschaft, viel gefordert von Politik und Sozialwesen, daheim beginnt, bei uns zu Hause.

Bei Anrufen und Besuchen, auf die man keine Lust hat, "wirklich keine Zeit, nächstes Mal".

Bei der Bereitschaft, kleinschrittig zu erklären, immer wieder. Bei unserer Einsicht, dass Senioren sich verändern, dass sie abbauen, schwach werden – und dass wir sie dann pflegen müssen, so wie wir mal gepflegt werden wollen. Bei der Erinnerung an Tage, an denen sie selbstverständlich an unserem Leben teilnahmen.

Wie einsam war er wirklich?

Und nicht zuletzt beginnt Integration von Älteren wohl auch bei dem Mut, ihnen Fragen zu stellen, die nur sie beantworten können – über das nahende Ende des Lebens, und wie sie sich die Nachwelt vorstellen.

Um davon zu erfahren, müssten wir eben Geduld haben, bei den Großeltern anrufen, ihnen schreiben, bei ihnen vorbeifahren, zurück in die Heimat.

Doch öfter von ihnen zu hören wäre vielleicht nicht nur aufwändig und anstrengend, es würde uns vielleicht auch gelassener machen, im Studium, im Job. Und uns beruhigen: All das Neue, das im Leben noch kommt, das Unerwartete, Gefährliche, das Mitreißende, ist ihnen längst bekannt.


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