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Gönn dir – aber was?!

Wenn die Hausarbeit abgeschickt, das Fitnessprogramm abgeschlossen oder ein Tag voller nerviger Amtstermine beendet ist: Dann ist Zeit, sich etwas zu gönnen.

Meistens greift man aus Gewohnheit auf das persönliche Repertoire zurück: Man stopft sich irgendwas zuckrig ungesundes in den Mund, schmeißt Netflix an (und zwar die ganze Nacht) oder kauft ein überflüssiges Outfit bei Amazon. Das kostet eine Menge Geld und tut am Ende jemanden weh – zum Beispiel den Näherinnen, die unter widrigen Bedingungen schuften. Oder der Umwelt, der unnötig Wasser für Baumwolle entzogen wird. 

Auf Dauer ist das doch auch unbefriedigend!

Was macht man also, wenn man keinen Bock hat, sich dem Kapitalismus mit all seinen Ausprägungen zu unterwerfen – und sich trotzdem was Gutes tun möchte? Sich selbst belohnen – aber möglichst nicht auf Kosten anderer? Man möchte doch in der Regel niemanden mit seinen Gefühlslagen etwas kosten, geschweige denn wehtun.

Ähnliche Dilemmata gibt es viele. Auch die feministische Philosophin Judith Butler hat sich damit beschäftigt. Ihrer Meinung nach ist diese Dilemma-Situation eine Frage der Autonomie und anscheinenden Freiheit. 

Natürlich könnte man sagen: Wenn du einen freien Willen hast, dann entscheide dich gegen das kapitalistische Denken und gönne dir einfach Zeit, in die Luft zu starren. Oder Zeit, einfach nur rumzuliegen. Oder Zeit, drei Handstände zu machen.

Die Frage ist dann bloß: Hat man diesen freien Willen? 

Denker und Denkerinnen wie Michel Foucault oder Judith Butler glauben, dass unsere Gesellschaft so durchstrukturiert ist, dass es Individuum schwerfällt, aus dem Standard auszubrechen. Denn wer nicht reinpasst, wer sich nicht benimmt, wie die Mehrheit, wird abgestraft: Schräge Blicke, dumme Kommentare, schmerzhafte Seitenhiebe. 

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Heute habe ich viel geleistet, also gönne ich es mir, aus der Reihe zu tanzen.

Es ist auch daher nicht leicht, sich innerhalb unserer Gesellschaft gegen die Normen des Gönnens zu stellen. Die meisten haben es nicht anders gelernt: Wenn du lange gearbeitet hast, dann gönnst du dir neue Turnschuhe. Warst du beim Sport, gönnst du dir eine extra Portion Eis. Alles ist mit Konsum verbunden. Ist ja auch irgendwie schräg, zu sagen: Heute habe ich viel geleistet, also gönne ich es mir, aus der Reihe zu tanzen.

Ist man jetzt ein schlechter Mensch, wenn du dich doch für das Online-Shopping entscheidest? Nein, denn du bist – nach Butler und Foucault – so darauf konditionierst, etwas zu kaufen, dass du kaum anders kannst. Es kostet dich eine Menge Anstrengung und Energie, dich an nicht-konsumorientiertes Gönnen zu gewöhnen.

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Butler zufolge müssen wir "einer umfassenden sozialen Struktur“ angehören, um zu gestalten, wer wir sind. Erst wenn wir ein Teil der Gesellschaft sind und uns stark fühlen, können wir uns mit anderen identifizieren – oder eben nicht.

Jedes Mal, wenn du dich gegen das konsumorientierte Gönnen entscheidest, fällt es dir beim nächsten Mal leichter. Man kann sich das Belohnungs-Shopping sozusagen abkonditionieren – auch, wenn es sehr schwerfällt.

Eine Sache, die dabei helfen könnte: "Gönn dir“ anders zu definieren.

Google spuckt für das Wort gönnen Synonyme aus wie "sich leisten, sich herausnehmen, sich gewähren“ oder "absahnen, abgreifen“ aus. Wenn man sich etwas gönnt, bricht man sowohl aus der Norm als auch aus der Leistungsgesellschaft aus, um sich etwas "herauszunehmen“. Ergo sagt das gesellschaftliche Regelbuch: Nur wer leistet, darf sich etwas leisten.

Doch wer definiert, was eine "Leistung“ ist? Und was eine Belohnung? Das bist am Ende du.

Vielleicht wäre es besser, sich statt dessen nachhaltig um sich selbst zu kümmern. Die US-Bürgerrechtsaktivistin Audre Lorde sagte 1988: „Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare“. Also: Selbstfürsorge ist keine Frage von Selbstgefälligkeit, sondern selbsterhaltend und Teil eines politischen Kampfes.

Ergo: Wenn du für dich und die Welt – so wie du sie dir vorstellt – einstehen möchte, dann musst du auch für dich sorgen. Du musst dich um dich und dein Wohlbefinden kümmern und den Energiehaushalt regelmäßig aufladen. 

Wer das schafft, hat es vielleicht auch gar nicht mehr nötig, sich die ganze Zeit mit neuem Kram einzudecken. 


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