Ein Experte erklärt, warum junge Leute eine Risikogruppe sind – und Sportwetten lieben.

Ein Start-up gründen, das Haus der Eltern abbezahlen, auswandern: Mit guten Poker-Skills oder dem einen richtigen Tipp aufs WM-Finale ließen sich einige Lebensträume erfüllen. Regelmäßige Berichte über "glückliche Gewinner" befeuern die Vorstellung, mit Hilfe vom Glücksspiel das Leben doch noch rumreißen zu können. Gerade junge Menschen sind dafür empfänglich. 

Anbieter von Sportwetten oder anderen Glücksspielangeboten wissen das auszunutzen – und verstärken es mit vermeintlich attraktiven Angeboten auch noch. 

Klassische Lotterien spielen dabei die kleinste Rolle. Denn Jugendliche und junge Erwachsene haben daran – im Gegensatz zu älteren Generationen – kaum Interesse. Schon 2014 beklagte sich der Lotto-Geschäftsführer Jürgen Häfner über einen fehlenden Lotto-Hype: "In der Gruppe der 18 bis 35 Jahre alten Menschen haben wir Probleme mit unseren Produkten." (Welt)

Junge Leute spielen woanders. Ganz vorne auf der Beliebtheitsskala: Rubbellose, Kartenspiele um Geld, das gewerbliche Automatenspiel und Sportwetten, sagt Glücksspielforscher Tobias Hayer von der Uni Bremen. 

Tobias Hayer

Tobias Hayer ist Diplompsychologe und hat zum Thema Jugendliche und Glücksspiel promoviert. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Uni Bremen und forscht dort zu glücksspielbezogenen Problemen.

Letztere zögen vor allem viele junge Männer an: "Es gibt da eine Risikogruppe, besonders junge Männer in Sportvereinen, die ihr vermeintliches Fachwissen zu Geld machen wollen. Einige überschätzen – und verzocken sich." 

Woher kommt gerade bei jungen Menschen der Reiz am Glücksspiel?

"Beim Glücksspiel kauft man sich Emotionen", sagt der Psychologe. Zocken sei da nicht anders als Drogen- oder Alkoholkonsum: Der kurze Rausch und das Hoffen auf Glück seien bei vielen ein Ventil, um Alltagssorgen zu vergessen. 

Da sich der für Impulskontrolle und abwägendes Verhalten verantwortliche präfrontale Kortex – also die zuständige Hirnregion – erst mit Mitte 20 fertig entwickle, seien junge Menschen besonders anfällig für diese Art von Risiko-Kick. Hayer sagt: "Ich beschreibe das gerne mit einem neuen Auto, bei dem der Motor voll funktionsfähig ist – die Bremsen aber nicht." 

Kaum zu bremsen ist der ganze Sektor: Zwischen 2014 und 2017 ist allein der Markt für das Online-Glücksspiel aufs Doppelte gewachsen, obwohl er eigentlich laut geltendem Recht in Deutschland illegal ist. Die durch Europarecht garantierte Dienstleistungsfreiheit erlaubt es Unternehmen aber, aus anderen Ländern heraus Glückspiel in Deutschland anzubieten – ohne verpflichtende Auflagen zum Spielerschutz oder Suchtprävention. So trotzen Angebote aus Gibraltar und Malta mit juristischer Rückendeckung der Illegalität und werben aggressiv um deutsche Kunden.

Für die Unternehmen bedeutet das: Goldgräberzeit.

Prominente Fußballgrößen, von Lukas Podolski bis Oliver Kahn, machen auf Plakaten und in Videoclips Werbung für Online-Sportwetten. "Warum haben diese Sportler das nötig?", ärgert sich Experte Tobias Hayer. Und findet:

„Auf der moralischen Ebene ist das zumindest zweifelhaft, auf der faktischen Ebene auf jeden Fall ein Problem. Denn die Werbung wirkt, und die Suchtgefahren rücken damit gleichzeitig in den Hintergrund.“

Die Konkurrenzunternehmen Tipico (Werbegesicht Oliver Kahn) und b.win (Werbegesichter beispielsweise Stefan Effenberg und Diego Maradonna) haben ähnliche Jahresumsätze, zwischen 500 und 600 Millionen Euro. "Gewinn lässt sich an diesem umkämpften Markt, bei den sich ähnelden Spielvarianten, nur durch aufwändiges Marketing erzielen", sagt Psychologe Hayer. Vor allem junge Menschen würden dadurch auf einen problematischen Pfad gelenkt. Denn: 

„Es formt sich schnell der Gedanke: 'Wenn diese seriösen Vorbilder dafür werben, kann daran doch nichts Gefährliches sein, oder?'“
Tobias Hayer

Bei den Glücksspielanbietern seien junge Spieler besonders beliebt, immerhin könnten sie über viele Jahre an Spielen gebunden werden. 

Ein Unding, findet der Experte: "Wir sollten uns fragen, welche negativen Folgen eine solch aggressive Wettbewerbssituation mit sich bringt." Denn, das zeigen Untersuchungen: Je früher Spieler anfangen, desto höher ist ihre Wahrscheinlichkeit, süchtig zu werden. 

Allein bei Tipico setzte jeder Spieler im Jahr 2016 durchschnittlich 650 Euro um (Handelsblatt). Wirklich gewinnen tun am Ende daher nicht sie, sondern zwei andere Parteien: Zuallererst die Glückspielunternehmen und dann der Staat, dem fünf Cent jedes auf Sportwetten eingesetzten Euros als Glücksspielsteuer abgeführt werden.

Kritiker bezeichnen Glücksspiel vor allem als eines: freiwillige Dummensteuer. 

Erst seit 2012 ist staatlich reguliertes Online-Glücksspiel (also Lotto und Oddset) in Deutschland überhaupt legal möglich. Der Gesetzgeber erhoffte sich von der Neuerung, "die natürlichen Spielbedürfnisse der Bevölkerung in geregelte und legale Bahnen" zu lenken (Westlotto). Lotto ist für das Glücksspiel also so etwas wie Alkohol und Tabak für illegale Drogen. 

2016 verdienten die Länder damit 3,7 Milliarden Euro (Uni Hohenheim). Mehr, als im selben Jahr durch Steuern auf alkoholische Getränke eingenommen wurde (Statista). 

Etwa die Hälfte der staatlichen Glücksspieleinnahmen wird immerhin in die Finanzierung öffentlicher Aufgaben oder Interessen gespeist: in die Sportförderung, Kultur und Denkmalschutz.  

In anderen Spielbereichen, die vor allem auf junge Menschen abzielen, fällt diese soziale Komponente komplett weg. 

Weil aufgrund von juristischen Grauzonen keine Steuern gezahlt werden müssen. 

Bei glücksspielähnlichen Angeboten, wie Lootboxen in Videospielen wie "Fifa", werden junge Menschen an die Mechanik von Glücksspielen gewöhnt: Man zahlt mit echtem Geld und erhält digitale Gegenstände als Gegenwert. Wer Glück hat, bekommt im Falle von "Fifa" Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Wer Pech hat, nur fußlahme Amateure. Der 26-jährige E-Sport Profi Cihan Yasarlar von RB Leipzig gibt für diesen Spielvorteil nach eigenen Angaben mehrere Tausend Euro in den ersten Wochen nach Spielveröffentlichung aus (Welt). 

Ebenso gefährlich: In "Social Casinos" wie Coin Master (Werbegesichter Dieter Bohlen, YouTuberin Bianca "Bibi" Heinicke und Daniela Katzenberger) zahlen Spieler mit echtem Geld für digitale Spielautomaten, können aber nur virtuelle Punkte gewinnen. 

"Im Hirn sind bei so etwas ähnliche Belohnungsprozesse beteiligt", sagt Psychologe Hayer. 

"Soziale Kontrolle, die vielleicht durch Eltern oder Freunde früher noch stattgefunden hat, fällt bei diesen Spielen einfach komplett weg," warnt Glücksspiel-Expertin Angelina Krüger beim MDR

Soll heißen: Wer früher noch in die verrauchte Spielhalle gehen musste, und irgendwann von seinem Umfeld darauf angesprochen wurde, verzockt sein Azubi-Gehalt heute von der Couch aus.  

Gesetzlich geregelt sind solche Angebote, vor allem im Sinne des Jugendschutzes, kaum. Ebensowenig wie die kostenlosen Varianten aller bekannten Automatenspiele, die selbst Kinder frei im Internet spielen lassen. 

"Die Ausschüttungsquoten sind bei vielen Gratisangeboten höher als 100 Prozent, man gewinnt also mehr Punkte, als man eingesetzt hat. Das sorgt für eine unrealistische Gewinnerwartung", sagt Experte Hayer. 

Praktisch für die Anbieter: "Die Bezahlangebote und Echtgeldspiele mit derselben Oberfläche, aber deutlich geringeren Gewinnchancen, finden sich oft nur einen Klick weiter."

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.


Grün

Umweltaktivistinnen in Brasilien: "Wir werden verfolgt, massakriert und umgebracht"

Noch immer brennt der Regenwald im Amazonas – und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Hauptursache für die Feuer ist Brandrodung, mit der Platz für Landwirtschaft geschaffen werden soll. (SPIEGEL)

In den letzten Jahren war die Zerstörung des Amazonas deutlich zurückgegangen. Seit dem Amtsantritt des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro schwindet der Regenwald wieder: Im August wurden 222 Prozent mehr Urwald zerstört als im gleichen Monat des Vorjahres. (SPIEGEL)

Für Umweltschützerinnen und Umweltschützer ist es in Brasilien gefährlich. 

Laut einem aktuellen Report von "Human Rights Watch" hat die Gewalt gegen sie deutlich zugenommen. Insgesamt seien in den letzten zehn Jahren mehr als 300 Menschen im Konflikt um Land und Ressourcen in den Amazonas-Bundesstaaten ums Leben gekommen. Dokumentiert werden in dem Bericht 28 Fälle von Menschen, die getötet wurden, weil sie sich gegen Abholzung wehrten – die meisten von ihnen innerhalb der letzten fünf Jahre. Bei nur zwei der Morde habe es einen Prozess gegeben.

Die Gewalt habe nicht erst unter Präsident Jair Bolsonaro begonnen, schreibt Human Rights Watch, seine Politik erschwere aber die Arbeit von NGOs, die sich für Umweltschutz und die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzen. Mit der zunehmenden Abholzung sei auch die Bedrohung durch Kriminelle angestiegen, die damit Geld verdienen.

Ans Aufgeben denken Aktivistinnen wie Paloma Costa trotzdem nicht. 

Die 27-Jährige sprach beim UN-Klimagipfel neben Greta Thunberg und appellierte an die teilnehmenden Länder, endlich zu handeln. In ihrer Rede sagte sie: