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"Es ist die sauberste und anonymste Form der Triebbefriedigung"

Mädchenhafte Slips in starken Farben, das sei ihre Nische, sagt Jasmin. Neongelbe Hipsterästhetik. Und so viel bequemer als klassische Lingerie.

Die 25-jährige Jasmin verkauft im Internet ihre getragene Unterwäsche, für rund 50 Euro das Stück, bei einem Einkaufspreis von zwei Euro. Damit finanziert sie ihr Schauspielstudium, sechstes Semester. In zwei Jahren habe sie rund 10.000 Euro umgesetzt.

"Es ist ein guter Nebenverdienst, bei dem ich so gut wie nichts machen muss. Ab und an der Gang zur Post. Außerdem muss ich so gut wie nie mehr Wäsche waschen."
Begonnen habe die ganze Geschichte mit einem Dokumentarfilm über Fetischkultur in Japan.

In den Neunzigerjahren etablierte sich dort der Verkauf von "Schulmädchenunterwäsche" in sogenannten Burusera Shops. Erst im Jahre 2004 verbot der Staat den kommerziellen Verkauf und Erwerb von Unterwäsche von Minderjährigen. Seitdem haben sich die Burusera Läden zurückgezogen und verlangen auf dem Schwarzmarkt nun den fünffachen Preis.

"Ich fand das ulkig und ein bisschen bizarr, mehr nicht", sagt Jasmin. Dann hatte sie gemeinsam mit einer Kommilitonin die Idee, diese merkwürdige Vorliebe in einem Theaterstück zu verarbeiten.

"Wir wollten den Weg nachzeichnen, die eine solche Unterhose nimmt. Wer sie trägt oder dem Abnehmer vielleicht nur vorgaukelt, sie getragen zu haben. Wer sie kauft. Und schließlich daran schnuppert. Das ist immer noch ein Tabu, bei dem die meisten Menschen angeekelt reagieren. Es ist schwierig, diese Art Tabus heutzutage noch zu finden."


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Das 30-minütigeTheaterstück wurde ihre Abschlussarbeit, aber auch danach dachte sie weiter an dieses Geschäftsmodell. Sie fragte sich: "Was hält mich davon ab, mir mit so einer furchtbar einfachen Tätigkeit ein Zubrot zu verdienen. Selbstachtung? Angst? Moralische Grundsätze?"

Im Netz fand sie schnell ein Dutzend Anbieter, Pantydeal, SellPantiesForMoney, Blushpanties, UsedPantyPortal, LaceInYourFace. Es gibt noch immer einen großen Schwarzmarkt, aber Online-Portale vereinfachen den Job.

Auf mehreren Seiten besitzt Jasmin mittlerweile einen Shop; auch die Bezahlung läuft über die Webseiten, nur das Paket muss sie selbst verschicken. Eingewickelt in Wachspapier, verschlossen in einer Plastiktüte, entweder ohne oder mit gefälschtem Absender. Denn Anonymität ist ihr sehr wichtig.

"Es gibt einige Mädchen auf diesen Webseiten, die auch Fotos hochladen, auf denen ihr Gesicht zu erkennen ist. Das würde ich niemals machen. “Es ist die sauberste und anonymste Form der Triebbefriedigung. Ich sehe nicht, was sie mit der Unterwäsche machen. Und will es auch gar nicht."
Die Menschen reagieren mit Unverständnis. Und Ekel. Nicht nur vor den Kunden, sondern auch vor mir.

Sie reduziert ihre Profil auf die Fotos ihrer Slips, kein Körperteil, kein Gesicht, keine weiteren Angaben. Manche Kunden fragen per Nachricht, wie sie aussehe, was sie anmache. "Die beantworte ich auch. Wenn schon kein aussagekräftiges Foto, dann wenigstens Dirty Talk."

Der Schauspielerin scheint es auf eine seltsame Art und Weise Spaß zu machen, gewissermaßen ein Doppelleben zu führen. "Es ist der heimliche Tabu-Bruch." Es sei das komplette Gegenteil von dem, was sie sonst in ihrem täglichen Leben verkörpere – die fleißige Studentin und selbstkritische Künstlerin.

Deswegen erzähle sie auch nur sehr wenigen Menschen davon; lediglich ein paar Freundinnen seien eingeweiht. "Die Menschen reagieren mit Unverständnis. Und Ekel. Nicht nur vor den Kunden, sondern auch vor mir."


Einmal habe sie einen Mann kennengelernt und ihm von ihrem Job erzählt. "Er hat sofort Schluss gemacht. Er fand mich irgendwie pervers." Warum sie nicht als Kellnerin arbeite oder an der Uni, fragte er. Dabei habe sie das alles schon gemacht vor dem Schlüpferverkauf.

"Ich tue es aus Geld- und Zeitnot und nicht, weil ich selber eine sexuelle Befriedigung dabei verspüre. Ich verachte meine Kunden nicht. Dann könnte ich das wahrscheinlich gar nicht machen. Aber ihr Bedürfnis kann ich nicht nachvollziehen. Ich hatte niemals eine intime Beziehung zu meiner Unterwäsche oder zu den Boxershorts eines Liebhabers."
Die Anonymität des Netzes schützt sie auf der einen Seite, gleichzeitig schürt sie ihre Angst:
"Was, wenn etwas schiefgegangen ist? Wenn irgendwer meinen Account hackt und mich ausfindig macht? In solchen Momenten stelle ich mir meine Kunden als absolute Freaks und Stalker vor, die mich heimlich bespannen."

Je mehr sie verkaufe, desto größer werde die Angst. Manchmal frage sie sich, wo überall auf der Welt die eigene, getragene Unterwäsche zirkuliert. Bei wem sie in den Händen landet. Und wer daran riecht.

"Obwohl es keinerlei Kontakt gibt, fühlt sich die Interaktion auf einmal sehr intim an. Es ist gerade die Ungewissheit, die es so brenzlig macht. Es beginnt, an mir zu zehren."

Deswegen will sie, spätestens nach Ende des Studiums, ihren letzten Slip im Netz verkaufen. Denn: "Ich möchte mich nicht dreckig fühlen. Oder unsicher. Das ist die Priorität."

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