Ihr Leben lang sieht sich Lena als Tänzerin – und muss sich doch auf etwas Neues einlassen.

Mitten auf der Bühne steht ein Fels. Davor tanzt eine Frau zu dem eingängigen Rhythmus der Musik. Die Bewegungen wirken wie aus einem Guss, beinahe improvisiert. Wassertropfen plätschern auf den Boden, auf ihr rosa Kleid. Die Tänzerin lässt sich davon nicht beirren und bewegt ihren Körper weiter zu den orientalischen Klängen.

Lena drückt auf den Stopp-Button. Die Auftritte des Wuppertaler Tanztheaters gehören nach wie vor zu ihren Lieblingsvideos. Mit einem Lächeln im Gesicht weist die zierliche Blondine auf die Szenen hin, die ihr am meisten gefallen. Damit man sie auch ja nicht verpasst. Auf der Bühne performen, die Zuschauer mitreißen, mit Bewegungen eine Geschichte erzählen. Das war ihr Traum. Darauf hat die heute 28-Jährige unzählige Stunden hingearbeitet. Doch ihr linker Fuß stand ihr im Weg.

Im Video: Eine Performance des Wuppertaler Tanztheaters
Das wollte ich um jeden Preis auch können.
Lena

Im Alter von fünf Jahren geht Lena zum ersten Mal zum Ballettunterricht. In die Tanzschule ihres Heimatdorfes im Rhein-Sieg-Kreis, rund 30 Kilometer von der Kölner Stadtgrenze entfernt. "Meine Freundinnen waren damals alle dort angemeldet", sagt sie.

Das Tanzen gefällt ihr, das Einstudieren der Bewegungen, die Abläufe, immer wieder, federleicht – es macht ihr richtig Spaß. Lena erhält viel Lob, von Zuschauern, von ihren Trainern. Doch damals ist sie noch skeptisch. "Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dort irgendwo zu den Besten gehört, ist relativ hoch."

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Mit neun Jahren fängt ihr linker Fuß an, Schmerzen zu bereiten. Sowohl während des Tanzens als auch danach. Jedes Mal, wenn sie mit dem Körper in die Beuge geht, spürt sie ein Stechen in der Achillesferse. Der Fuß schränkt sie in ihrer Beweglichkeit ein. Lena holt sich Hilfe, lässt ihren Fuß untersuchen. Doch der Orthopäde findet nichts. Die Schmerzen bleiben. Ihre professionelle Tanzkarriere scheint sich unter diesen Umständen frühzeitig zerschlagen zu haben. "Ich war schon enttäuscht damals. Aber auch zu jung, um die Konsequenzen wirklich zu begreifen." Lena tanzt trotzdem weiter. Aus Spaß, ohne große Ambitionen.

Das ändert sich abrupt, als die Tanzgruppe einer Berufsfachschule in ihrem Heimatverein auftritt. Die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, die Choreographie: So etwas hat Lena noch nie zuvor gesehen. "Das wollte ich um jeden Preis auch können." Ihr Ehrgeiz ist geweckt. Lena will professionelle Tänzerin werden. Sie beißt ihre Zähne zusammen, verdrängt den Schmerz. Und trainiert, stundenlang.

Mit 18 Jahren tanzt sie bei diversen Hochschulen in Deutschland vor. Die Plätze sind begehrt, die Konkurrenz groß. Doch Lena setzt sich durch. Sie bekommt mehrere Zusagen, entscheidet sich letztendlich für Köln. Vier Jahre Studium stehen ihr bevor, am Ende winkt ein Diplom im Bühnentanz. Tanzen steht von nun an auf der Tagesordnung. Fünf bis acht Stunden trainiert sie täglich, vor Aufführungen ist das Pensum sogar noch höher.

Zeitgenössischer Tanz unterscheidet sich stark von bekannteren Stilen wie Ballett oder HipHop. Die Körperhaltung muss nicht immer anmutig erscheinen, die Choreographie ist für Außenstehende nicht immer als solche erkennbar. Das gefällt Lena. „Man muss nicht die Allerdünnste oder Schönste sein, um erfolgreich zu sein. Du musst vor allem präsent sein, einzigartig.”

Der schmerzende Fuß gehört für Lena mittlerweile zum Alltag. Je öfter sie ihn belastet, desto stärker wird der Schmerz. Nicht nur physisch ist sie dadurch gehemmt, es strapaziert auch zunehmend ihre Psyche. "Das Problem mit meinem Fuß hat mich jeden Tag runtergezogen. Ich hatte das Gefühl, dass ich einfach nicht besser werden kann", sagt sie heute. So kann es nicht weitergehen. Auch wenn ihre Dozenten Steigerungen bei Lena ausmachen können, sie selbst ist stets mit sich und ihrer Leistung unzufrieden. Zweifel machen sich breit. Kann sie es mit der Verletzung jemals auf die ganz großen Bühnen schaffen? Was, wenn nicht?

"Wenn man nicht zur absoluten Weltspitze gehört, ist es verdammt schwer, vom Tanzen leben zu können." Lena sieht ihre Zukunft gefährdet. Das Studium ist fast zur Hälfte vorbei, der Abschluss in greifbarer Nähe. Lena ist jetzt 21. Sie fällt einen Entschluss. Entweder schafft es endlich ein Arzt, ihr zu helfen oder sie muss aufhören. Als durchschnittliche Tänzerin mit chronischen Schmerzen möchte sie nicht enden.

Sie wechselt den Orthopäden, lässt sich erneut untersuchen. Und wieder die Ernüchterung: keine Diagnose. Nächster Arzt, dieses Mal ein Radiologe. Sie lässt den Fuß röntgen. Nichts. Keine Auffälligkeiten erkennbar. Die Schmerzen bleiben. Es ist zum Verzweifeln. Die letzte Option: eine Operation unter Vollnarkose. Der Fuß soll aufgeschnitten werden, um die Ursache der Schmerzen doch noch zu finden. Lena willigt ein.

Als sie aus der Narkose aufwacht, ist der Fuß stark geschwollen. Der Arzt kommt ins Zimmer. Seine Miene verheißt nichts Gutes. Die Ursache für die Schmerzen konnte er nicht finden. Die Chancen auf eine Besserung seien gering. Lena ist traurig, will es nicht wahrhaben.

Sie macht sich trotzdem Hoffnung.

Vielleicht sind die Schmerzen ja dennoch weg, vielleicht war nicht alles umsonst. Zunächst muss sie sich jedoch von der Operation erholen. Sie macht Physiotherapie, um schnell wieder auf der Tanzfläche zu stehen.

Nach einigen Wochen kann sie wieder ins Training einsteigen. Für Lena schlägt die Stunde der Wahrheit: Tanzkarriere oder Studienabbruch? Kurzes Warm-up, dann geht es los. Lena geht in die Beuge. Die Bewegung, bei der sich der Fuß bislang immer bemerkbar gemacht hat. Zentimeter für Zentimeter geht sie mit dem Körper nach unten.

Sie nähert sich dem kritischen Punkt. Die Spannung an der Achillesferse nimmt zu. Lena wird immer langsamer. Sie hat Angst. Ihre Gedanken überschlagen sich. Gleich wird sich ihre Zukunft entscheiden. Jedes mögliche Szenario spielt sich in Bruchteilen von Sekunden vor ihrem inneren Auge ab. Und plötzlich ist er da: der Schmerz. Das Stechen in der Ferse. Lena bricht das Training ab. Sie will jetzt nur noch nach Hause.

Nach Wochen der Hoffnung fängt Lena an, zu begreifen. Das war es, mit der Tanzkarriere. Das, wofür sie jahrelang hart gearbeitet hat, wird immer ein Traum bleiben. Sie ist frustriert, traurig, sauer. "Ich habe mich immer als Tänzerin in der Zukunft gesehen. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen." Doch ihr Fuß spielte nicht mit.

Lena bricht das Studium ab.

Ihre Kommilitonen sind überrascht, haben Mitleid. Die Dozenten versuchen, Lena zu überreden, wollen sie weiter auf der Hochschule behalten. Aber ihre Entscheidung ist endgültig. Zum ersten Mal im Leben konnte sie etwas nicht durchziehen. "Ich hatte das Gefühl, dass ich versagt habe."

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Lena spricht viel mit ihren Freundinnen, mit ihren Eltern. Sie geben ihr Rückhalt, unterstützen sie, wo sie können. Lena hat ein gutes Abitur, viele Türen stehen ihr offen. Doch das Tanzen war ihre große Leidenschaft. Wie soll es ohne weitergehen? Tanzlehrerin oder Choreographin sind keine Optionen, sie will ja eigentlich selbst auf der Bühne stehen. Oft denkt Lena über ihr Schicksal nach. Überlegt, was hätte sein können, wenn der Fuß nicht im Weg gestanden hätte. Wochen vergehen, bis Lena sich mit ihrer Entscheidung abfinden kann. Bis sie anfangen kann, ihre Zukunft neu zu planen.

Ausgerechnet ihr Fuß hilft ihr dabei. Der Fuß, der seit Jahren Schmerzen bereitet. Der ihre Zukunft verbaut hat. Der die Ärzte zur Verzweiflung gebracht hat. "Durch meinen Fuß habe ich angefangen, mich für die menschliche Anatomie zu interessieren." Dazu kommen die spannenden Anekdoten von Freunden, die Medizin studieren. Lena ist angetan. Das erste Mal seit dem Studienabbruch hat sie wieder ein Ziel vor Augen. Sie will Ärztin werden. Die Abläufe im Körper verstehen, anderen Menschen helfen. Menschen wie ihr.

Lena bewirbt sich für ein Medizinstudium und bekommt prompt eine Zusage. Erleichterung macht sich breit. "Ich bin sehr sicherheitsbedürftig. Ich will wissen, was in der nächsten Zeit in meinem Leben passiert." Ein geregeltes Leben als Ärztin, an den Gedanken kann Lena sich gewöhnen. Keine Schmerzen mehr, keine Zukunftssorgen.

"Im Endeffekt kann ich fast dankbar darüber sein, dass ich mein Tanz-Studium abbrechen musste. So war ich noch jung genug, um etwas anderes anzufangen." Lena studiert Medizin in Gießen, wo sie auch ihren Freund kennengelernt hat. Seit Anfang dieses Jahres arbeitet sie als Anästhesistin an einem Hamburger Krankenhaus. Lena ist glücklich mit ihrer Entscheidung. Ihr Leben als Tänzerin hat sie hinter sich gelassen. Zumindest fast.

Sie drückt auf Play. Die Frau im durchnässten Kleid fährt mit ihrer Choreographie fort. Lena muss lächeln.

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