Bild: dpa/Oliver Killig
Unser Gesundheitssystem ist hauptsächlich an Männern orientiert. Eine Gendermedizinerin erklärt, was das für Konsequenzen hat - und wie Frauen sich selbst helfen können.

Ein Großteil der medizinischen Forschung orientiert sich an Männern. Für Frauen kann das fatale Folgen haben – sie brauchen nämlich oft eine ganz andere Behandlung. Mit geschlechtsbedingten Unterschieden in der Medizin beschäftigt sich die Gendermedizin. Bislang hat die Disziplin in Deutschland aber nur ein einziges Institut an der Charité in Berlin. 

"Im Medizinstudium kommt das Thema höchstens im Wahlbereich vor und es gibt so gut wie keine Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte", sagt die Medizinerin und Filmemacherin Stefanie Schmid-Altringer. Kürzlich hat sie zusammen mit Vera Regitz-Zagrosek, Mitbegründerin der Gendermedizin in Deutschland, ein Buch zu dem Thema veröffentlicht. Mit bento hat sie über Vorurteile in der Sprechstunde und krankmachende Schönheitsideale gesprochen – und darüber, wie Frauen ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen können.  

Stefanie Schmid-Altringer

bento: Das wohl bekannteste Beispiel aus der Gendermedizin ist der Herzinfarkt: Der wird bei Frauen oft später oder sogar zu spät erkannt, nur weil die Symptome anders sind als bei Männern. An welchen Stellen muss die Medizin sonst noch besser auf Frauen achten? 

Schmid-Altringer: Die Unterschiede ziehen sich durch alle Bereiche. Ein kleines Beispiel: Frauen haben eine andere Beckenform als Männer, dadurch haben sie eine andere Beinstellung und bräuchten anderes Training, um Knieprobleme zu vermeiden. Manches hat aber auch nichts mit körperlichen Unterschieden zu tun: Frauen nehmen wichtige Reha-Leistungen seltener in Anspruch, weil sie sich öfter um Kinder oder Angehörige kümmern und nicht so lange von zuhause wegbleiben können oder wollen. Für diese Frauen bräuchten wir ambulante Reha-Konzepte.

Die Gendermedizin kommt übrigens nicht nur Frauen zugute: Depressionen beispielsweise werden bei Männern oft nicht erkannt. Sie äußern sich bei ihnen eher durch Unruhe und Unbeherrschtheit als durch Antriebslosigkeit. Die meisten Krankheitsbilder orientieren sich aber an Männern.

„Die Frau wird immer als reparaturbedürftig betrachtet.“
Stefanie Schmid-Altringer

bento: Lange wurden Medikamente nur an Männern oder männlichen Mäusen getestet. Inzwischen gibt es Richtlinien, die das ändern sollen, doch sie werden oft noch nicht umgesetzt. Welche Auswirkungen hat das auf Frauen?

Schmid-Altringer: Ein Beispiel sind Schlafmittel: Studien belegen, dass Frauen, die Schlafmittel nehmen, am nächsten Tag häufiger einen Verkehrsunfall haben, weil sie für Frauen zu hoch dosiert sind.

Außerdem sind zwei Drittel der Medikamentenabhängigen Frauen. Das liegt nicht nur an zu hohen Dosierungen, sondern auch daran, dass Frauen deutlich mehr Medikamente verschrieben werden als Männern, vor allem Psychopharmaka. Die Frau wird immer als Defizit, als reparaturbedürftig betrachtet.

bento: Trans*Menschen haben es oft besonders schwer, an adäquate medizinische Versorgung zu kommen, in Ihrem Buch kommen sie aber so gut wie nicht vor. Warum?

Schmid-Altringer: Das Thema Trans* ist in der Gendermedizin noch ganz in den Anfängen. Es ist schwieriger, an die Fallzahlen zu kommen, die man für aussagekräftige Studien bräuchte. Es gibt auch große Unterschiede zwischen den Fällen, was für Studien schwierig ist. Wir sind personell in der Gendermedizin auch nicht so aufgestellt, dass da viel Kapazität wäre.

bento: Studien zufolge spielt das Geschlecht von Ärztin und Patientin in der Sprechstunde eine Rolle. Welche Auswirkungen haben Vorurteile auf die Behandlung?

Schmid-Altringer: Zum einen gibt es Unterschiede im Kommunikationsverhalten: Frauen haben oft ein stärkeres Bedürfnis, ein Symptom zu beschreiben, mitzuteilen, wie es ihnen geht. Ein männlicher Arzt denkt vielleicht, er braucht seiner Patientin nur dieses Medikament zu verschreiben und dann ist sie gut behandelt. Viele Frauen wollen aber mehr in die Behandlung mit einbezogen werden. Sie fühlen sich sonst schlecht betreut und fangen manchmal an, ein Medikament anders einzunehmen als verordnet. Das kann ein großes Problem sein.

Dann gibt es natürlich auch Vorurteile: Frauen werden viel schneller als Simulantinnen oder "psycho" abgestempelt. Eine weibliche Ärztin kann die Beschwerden im besten Fall eher in die unterschiedlichen Lebensphasen von Frauen einordnen und die Patientin beruhigen, dass es normal ist, dass man sich in der Pubertät, in der Menopause oder in einer bestimmten Zyklusphase so und so fühlt, dass das wieder vorbei geht und was man abgesehen von Medikamenten noch machen kann, um sich selbst zu unterstützen.

bento: Dem Robert-Koch-Institut zufolge leiden fast elf Prozent der Frauen in Deutschland an Depressionen, unter den Männern sind es nur 7,6 Prozent. Besonders betroffen ist die Altersgruppe 15 bis 29. Liegt das nur an voreingenommenen Diagnosen?

Schmid-Altringer: Das spielt sicher eine Rolle. Sehr viele junge Frauen nehmen die Verhütungspille, auch die kann zu psychischen Veränderungen und Depressionen führen. Im Kindesalter sind es noch die Jungs, die öfter psychisch auffällig sind, ab 15 kehrt sich das Verhältnis um. Das ist ein Alter, in dem besonders für Mädchen der Druck wächst, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen. Frauen und Mädchen achten mehr darauf, dass sie von außen schön sind, als dass es ihnen von innen gut geht.

Gendermedizin: Warum Frauen eine andere Medizin brauchen

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bento: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass auch Faktoren wie Armut oder die Freiheiten, die man in einer Gesellschaft genießt, Einfluss auf die Gesundheit haben. In all diesen Aspekten sind Männer und Frauen in Deutschland noch nicht gleichgestellt. Ist Ungleichheit schlecht für die Gesundheit?

Schmid-Altringer: Ich war schockiert, als ich für das Buch die Zahlen zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland recherchiert habe. Wenn eine Frau in der Sprechstunde von anhaltenden Magenschmerzen berichtet, sagt der Hausarzt oder die Hausärztin wahrscheinlich: "Das hört sich nach einer Gastritis an" und verschreibt ein Medikament dagegen. Es ist statistisch aber überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass eine Gewalterfahrung dahintersteckt. Die kann entweder zu psychosomatischen Beschwerden führen oder durch das ständige Stressniveau eine tatsächliche Gastritis auslösen. Das müssen wir viel stärker in jede Art von ärztlicher Therapie miteinbeziehen.

„Der Austausch mit anderen kann heilsam sein.“
Stefanie Schmid-Altringer

bento: Sie raten Ihren Leserinnen dazu, die ärztliche Autorität mehr zu hinterfragen. Gleichzeitig sagen Sie, Selbstmedikation kann zum Problem werden. Was können wir als Frauen selbst tun, damit uns das männlich geprägte Gesundheitssystem nicht krank macht?

Schmid-Altringer: Frauen haben ständig das Gefühl, sich schämen zu müssen: dass sie ihre Wechseljahre haben, dass sie schwanger sind, dass sie depressiv sind, dass sie Regelschmerzen haben. Ich wünsche mir, dass der Dialog mit uns selbst liebevoller wird, dass wir anerkennen, was wir trotz all dieser Dinge alles leisten. Die Forschung sollte sich mehr auf unsere Ressourcen konzentrieren und nicht nur auf unsere Defizite – das müssen wir selbst aber ebenso tun.

Auch der Austausch mit anderen kann sehr hilfreich sein. Deshalb habe ich die "Erzählcafé"-Aktion ins Leben gerufen: Frauen können sich dort über ihre Schwangerschafts- und Geburtserfahrungen austauschen, die zum Teil traumatisch waren. Zu spüren, dass wir in einem Boot sitzen, dass andere diese Erfahrungen nachvollziehen können – auch das ist heilsam.


Gerechtigkeit

Deutschland braucht endlich faire Gesetze zur Einwanderung
Das neue Migrationsgesetz schreckt eher ab.

Deutschland hat seit dem 1. März zum ersten Mal ein richtiges Einwanderungsgesetz. Wenn ihr das nicht gemerkt haben solltet, wäre das kein Wunder. Auch mit dem neuen Gesetz hat sich kaum etwas geändert. Wer nicht bereits im Ausland sehr gut Deutsch gelernt hat oder ein möglichst genauso hier anerkanntes Studium absolviert hat, hat nach wie vor kaum eine Chance. 

Ich finde: Das reicht nicht aus und ist peinlich. Deutschland braucht endlich faire Regeln für Migrantinnen und Migranten.