...in Zeiten, in denen jeder sich von jedem zu distanzieren scheint.

Wir Menschen lieben es, Unterschiede zu finden und aufzuzeigen: den Unterschied zwischen Hamburg und Berlin, Früh- und Spätaufstehern, Hunde-Liebhabern und Katzen-Fans. Allein mit Büchern über die mutmaßlichen Eigenarten von Männern und Frauen könnte man ganze Regale füllen. 

(Bild: Giphy )
Unterschiede bestimmen unsere Wahrnehmung der Welt

Und auf den ersten Blick ist das auch gar nicht schlimm. Verschiedene Dinge voneinander unterscheiden zu können, kann schließlich lebenswichtig sein. Ein Beispiel: Die Frage, ob das Tier vor dir auf dem Waldweg ein Golden Retriever oder ein Wolf ist, solltest du notfalls zügig beantworten können. Schließlich weiß man, wie Wölfe zu Kindern stehen:

(Bild: Giphy )

Weil es so wichtig ist, Dinge richtig einordnen zu können, finden sich in Kinder-Rätselbüchern darum fast immer diese sogenannten Fehlerbilder: Zwei nahezu identische Illustrationen mit einer gewissen Anzahl an Unterschieden, die es einzukreisen gilt. 

Und Gemeinsamkeiten? Die fallen unter den Tisch

Diese Fehlerbilder zeigen schon sehr deutlich: Durch unseren Fokus auf Unterschiede rücken Gemeinsamkeiten automatisch in den Hintergrund. Und das, obwohl Unterschiede zu bemerken überhaupt nur dann Sinn ergibt, wenn die Gemeinsamkeiten überwiegen. Bei einem Bilderrätsel, das aus diesen beiden Bildern bestünde...

…käme niemand auf die Idee, die Unterschiede einzukreisen – gerade weil sie (vom Gesichtsausdruck mal abgesehen) nichts gemeinsam haben.

Unterschiede sind fast nie wertfrei

Genau wie bei dem erwähnten Bilderrätsel, nehmen wir Unterschiede selten wertfrei wahr. Das erste Bild – so nehmen wir implizit an – ist richtig. Beim zweiten "haben sich Fehler eingeschlichen". Dabei ist das zweite Bild ja nicht automatisch schlechter, nur weil es ein bisschen anders ist. Setzt man das zweite Bild an Stelle des ersten, sind die Fehler auf einmal auf der anderen Seite. Wer legt fest, was richtig, was fehlerhaft ist?

Aber so ist es auch im täglichen Leben: Was wir zuerst gesehen haben – was wir also gewohnt sind – erscheint uns automatisch richtig. Wenn du gewohnt bist, dass die Männer um dich herum immer Hosen tragen, wird dir ein Mann im Kleid erstmal komisch, vielleicht sogar irgendwie "falsch" vorkommen. Und wenn alle deine Freunde zwei Beine haben, scheint dir ein Mensch mit einem Bein nicht einfach nur anders, sondern "behindert" – selbst wenn der Betroffene durch seine Eigenheit vielleicht gar keine Behinderungen erfährt. 

Aus einem einfachen Unterschied wird ein Makel, und der Makel definiert bald schon den ganzen Menschen, der uns fortan als "Anderer" gegenübersteht, uns fremd erscheint. Wozu diese Sichtweise führen kann, sehen wir heute leider überall auf der Welt.

(Bild: Giphy )

Ausgrenzung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Gesinnung, politischer Einstellung, körperlicher Andersartigkeit oder Religion begegnet uns fast jeden Tag. Menschen grenzen einander aus, blicken aufeinander herab, kämpfen gegeneinander an – und all das wegen eines falschverstandenen Bilderrätsels!

Dabei haben wir so viel gemeinsam!

Es ist nur menschlich Unterschiede wahrzunehmen. Kreise ruhig mit dem (imaginären) Buntstift ein, was einen Menschen besonders macht und vielleicht von seinem Nachbarn unterscheidet. Unterschiede machen uns interessant. Erst durch unsere Eigenarten werden wir, wer wir sind.

Nur vergiss dabei nie: Wenn dir zwischen zwei Menschen – dir selbst und einem Fremden zum Beispiel – ein Unterschied auffällt, dann ist das an sich schon ein Beweis dafür, wie unglaublich viel ihr gemeinsam haben müsst!

(Bild: Giphy )

Ihr seid beide Menschen, ihr liebt eure Familie, tut eure Arbeit, habt (gemeinsame?) Hobbys, esst am liebsten Pfannkuchen… Ihr habt so ziemlich alles gemeinsam – außer die Hautfarbe, den Geburtsort, die Anzahl der Gliedmaßen oder eure Geschlechtsmerkmale vielleicht. Aber wer bestimmt denn, dass diese Dinge wichtiger sind als die Leibspeise?

Wie sehr selbst Unterschiede, die manchmal fast unüberwindbar erscheinen mögen, gegenüber echten Gemeinsamkeiten in den Hintergrund rücken, beweisen zum Beispiel die beiden Frauen auf dem nächsten Bild. Barbara (links) ist blind, Sophie neben ihr nicht. Was aber wie ein großer Unterschied wirkt, lenkt hier nur von einer viel größeren, viel wichtigeren Gemeinsamkeit ab. Nämlich:

Die beiden sind verbunden durch eine gemeinsame Liebe zum Kino. Mehr noch, sie üben sogar den exakt selben Beruf aus, denn beide sind Filmkritikerinnen. 

Derselbe Job, dieselbe Leidenschaft: Diese Dinge verbinden zwei Menschen viel mehr, als ein oberflächlicher Unterschied sie je trennen könnte. Sie liefern die Basis für ein Gespräch, ein Näherkommen, vielleicht sogar für eine lange Freundschaft.

Statt wie Kinder vor einem Rätselbuch immer nur nach Unterschieden zu suchen, sollten wir darum viel mehr Zeit damit verbringen, unsere Gemeinsamkeiten zu betonen und zu feiern. Denn es sind Gemeinsamkeiten, welche die Brücken zwischen den unterschiedlichsten Menschen bauen. Ohne einen Blick für das, was uns verbindet, driften wir nur immer weiter auseinander – in Filterblasen, Subkulturen, Nationalitäten. Bis wir irgendwann ganz alleine sind.

Aber das Gute ist ja: An Gemeinsamkeiten mangelt es uns nie. Wir müssen uns nur die Mühe machen, sie zu suchen. 

Kundeninformationen

Wir haben mehr gemeinsam, als wir denken! Unter diesem Motto steht auch die neue Kampagne der Aktion Mensch. Im Fokus der Filme stehen dabei die überraschenden Gemeinsamkeiten von Menschen mit und ohne Behinderung, die im selben Job arbeiten, demselben Hobby nachgehen oder andere, unerwartete Berührungspunkte haben. Das Ziel: Begegnung und ein Miteinander fördern, bei dem nicht Unterschiede und vermeintlichen Schwächen, sondern die Stärken und Potenziale jedes Menschen im Mittelpunkt stehen.

Hier könnt ihr alle Filme sehen: www.aktion-mensch.de/wirgemeinsam.

Die Aktion Mensch setzt sich mit der Förderung von sozialen Projekten, mit Aktionen und Kampagnen für Inklusion – das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung in der Gesellschaft – ein. Ihr Ziel ist es, dass Menschen mit Behinderung überall dabei sein können. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat die Aktion Mensch rund 4 Milliarden Euro an soziale Projekte weitergegeben. Das war nur möglich, weil rund 4 Millionen Menschen regelmäßig bei der Aktion Mensch-Lotterie mitspielen und dafür sorgen, dass das Wir gewinnt.

www.aktion-mensch.de


Gerechtigkeit

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