"Ich redete mir ein, dass es bei 20.000 Euro auch keinen Sinn mehr machte, mit dem Sparen anzufangen."

Man kann sich so sehr an Dinge gewöhnen, dass man gar nicht merkt, dass man sie tut. Ganz besonders ans Geldausgeben. Ich habe mein Erbe innerhalb von ein paar Jahren verjubelt – und weiß nicht mehr genau, wie. Ich habe kein Auto gekauft, keine Weltreise gemacht, keine Fünf-Zimmer-Wohnung in einem gentrifizierten Szeneviertel bezogen. Und doch sind meine Kontoauszüge heute trauriger als der Absturz von Lindsay Lohan.

Zwischen meinem 18. und 21. Geburtstag erbte ich insgesamt etwa 200.000 Euro. Das ist viel Geld, wenn vorher nur 70 Euro Taschengeld und ein paar Nebenverdienste aufs Schülerkonto der hiesigen Sparkasse geflossen waren. Plötzlich konnte ich so ziemlich alles machen, was ich wollte. Nichts hielt mich zurück oder beeinflusste mich, ich konnte meine eigenen Entscheidungen treffen – und wollte das auch unbedingt.

Mein Lebensstil unterschied sich dabei am Anfang gar nicht so sehr von dem meines Mitbewohners in der ersten Studenten-WG, der mit einer kleinen Zuwendung seiner Eltern auskommen musste. Wir nahmen ausrangierte Möbel vom Straßenrand mit, kauften beim Discounter ein und tranken günstiges Bier. Der größte Luxus war die vegetarische Lasagne aus der Bio-Mensa für 3,50 Euro, ein bisschen Gras und MDMA. Mir kam es vor wie ein relativ normaler Lebensstandard für einen Philosophie-Studenten, mit einem frappierenden Unterschied: Ich musste mir nie finanzielle Sorgen machen, es kam immer Geld aus der Wand.

Nach zwei Semestern brach ich mein Studium ab, ich wollte nach Hamburg ziehen. Damit ich diesem Umzug einen Sinn abseits der Lust auf die Großstadt verleihen konnte, absolvierte ich dort einen Bundesfreiwilligendienst. Ich bekam 300 Euro pro Monat und arbeitete in Vollzeit. Das hätte normalerweise nicht einmal gereicht, um das Zimmer zu bezahlen – aber ich hatte ja mein Erbe. 

Die Freiheit, sich alles kaufen zu können – mit ein wenig Selbstbetrug

Mein älterer Mitbewohner in der WG wurde schnell mein Hauptbezugspunkt, sein Freundeskreis meine Peer-Group. Plötzlich lebten die Menschen, mit denen ich meine Freizeit verbrachte, nicht mehr am Existenzminimum, sondern hatten ein Studium in der Tasche und bekamen regelmäßig Gehalt auf ihre Konten. Wir gingen auf Konzerte und verbrachten unsere Wochenenden in Kneipen mit Bierpreisen jenseits der 3,50 Euro. Der Sprung von meinem vorherigen Erstsemester-Lifestyle war extrem. Und mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie ungewöhnlich meine Situation war. Egal, ob ich Student, Freiwilligendienstleistender oder arbeitslos gewesen wäre, mein Lebensstandard hätte sich dadurch nicht verändert. Es war mir möglich, in eine der teuersten Großstädte Deutschlands zu ziehen, einfach aus Bock, ohne irgendeinen Plan.

Trotzdem musste ich vor mir selbst rechtfertigen, dass ich deutlich mehr ausgab als andere Menschen in derselben Lebensphase. Ich tat es, indem ich eigensinnige Regeln entwickelte: Weil ich einen vermeintlich wichtigen Job als Bundesfreiwilligendienstleistender machte, durfte ich mir etwas gönnen. Ich wollte DJ werden, und weil das ja Kunst war, erlaubte ich mir teures Equipment und Unmengen von Platten. Während die DJ-Karriere nie begann, hörte das Platten-Sammeln nicht auf. Irgendwann begann ich, zusätzlich Synthesizer und Instrumente zu kaufen, natürlich alles für die Kunst – so sagte ich es mir zumindest. 

Meine Freunde wussten von meinem Erbe. Aber auf sie wirkte mein Lebensstil offenbar noch nicht so unverhältnismäßig, als das jemand hätte intervenieren wollen. Und wie viel genau ich ausgab, verheimlichte ich. 

Nach dem Freiwilligendienst begann ich ein weiteres Studium, Geisteswissenschaften. Der Studiengang interessierte mich und ich wusste trotz allem, dass ich irgendwann würde arbeiten müssen. Ich zog mit meiner Freundin zusammen in eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Als wir uns trennten und sie auszog, blieb ich darin wohnen. Ich suchte mir zwar für eine kurze Zeit einen Mitbewohner, weil es mir übertrieben vorkam, die Miete alleine zu bezahlen, ohne auch nur einen Cent zu verdienen. Die WG scheiterte aber krachend und die Entwicklung nahm ihren letzten Schritt: Mir wurde alles scheißegal. Ich war 24, Student und wohnte in einer Zwei-Zimmer-Wohnung für 800 Euro voller Platten und Instrumente. 

Ich war wieder Single in einer Großstadt, ich wollte gut aussehen, also kaufte ich regelmäßig Klamotten. Mit der Kleidung war es wie mit den Platten: Weil ich nichts brauchte, kaufte ich mehr. Häufig gab ich in einem einzigen Geschäft 300 Euro aus und kaufte dann noch ein Paar Schuhe. Ich kiffte häufiger und verbrachte viele Abende alleine in der Wohnung. Weil ich zu faul zum Kochen war, begann ich, vier- bis fünfmal pro Woche Essen zu bestellen. Alleine sein hieß auch: Niemand bremste mich mit dem Argument, dass er oder sie sich das alles nicht leisten konnte. 

Meine Finanzen interessierten mich nicht

Das Verrückte: Aus der damaligen Perspektive fühlte sich das alles gar nicht so sehr nach Verschwendung an, denn das meiste Geld ging für recht alltägliche Dinge drauf, Kleidung, Lieferdienste, Platten oder Abende in der Kneipe. In der Summe muss ich rückblickend aber dafür allein mindestens 1000 Euro pro Monat verprasst haben, hinzu kamen noch Miete, Strom, Gas, Handyvertrag, Streaming-Abos und Monatskarte. Ich hatte zu dieser Zeit nicht einmal einen groben Überblick über meine Finanzen, sie interessierten mich auch nicht. 

Ich verdrängte zu jeder Zeit, dass Geld keine unendliche Ressource ist. Ich kümmerte mich also auch nur sporadisch darum, selbst welches zu verdienen. Ich arbeitete kurz als Barkeeper, betrank mich dabei aber jedes Mal so sehr, dass es mir schnell zu anstrengend wurde. Auch arbeitete ich länger als Aushilfe in einem Plattenladen für einen Mindestlohn, das bedeutete aber selten mehr als 200 Euro pro Monat. Und diesen Job hatte ich vor allem, weil ich so günstiger an Schallplatten kam. 

Die Uni ließ ich schnell schleifen. In den ersten Semestern war ich noch regelmäßig in den Seminaren, spätestens ab dem fünften Semester wurde ich immer unmotivierter. Ich sah keinen Grund darin, in der Regelstudienzeit abzuschließen. Einen Master wollte ich nicht machen, also hätte der Bachelor auch bedeutet, den Studierendenstatus zu verlieren – und den wollte ich so lange wie möglich behalten, um mein Leben in diesem Stil weiterführen zu können. 

Ich ging nach der Trennung von meiner Freundin wieder exzessiv feiern und begann, Kokain zu nehmen. Ich trank mehrmals pro Nacht viel zu teuren Sekt auf Eis und fuhr jedes einzelne Mal mit dem Taxi nach Hause. Zu Hochzeiten waren es etwa 500 Euro im Monat, die ich nur in Clubs ausgab.

Irgendwann befasste ich mich dann doch mit der Zahl auf meinem Konto. Ich stellte entsetzt fest, dass die Summe mittlerweile auf unter 50.000 Euro geschrumpft war. Es war für mich lange Zeit unvorstellbar gewesen, dass ich einmal pleite sein könnte. Plötzlich klopfte da der Gedanke an, dass dieses Leben irgendwann ein Ende haben würde. Statt zu reagieren, mir also zum Beispiel einen Job zu suchen, verfiel ich aber in eine Schockstarre. Ich machte weiter wie bisher, um schließlich den Punkt zu erreichen, an dem meiner Psyche ihr Meisterstück gelang: Ich redete mir ein, dass es bei 20.000 Euro auch keinen Sinn mehr machte, mit dem Sparen anzufangen. Stattdessen gab ich auch noch die letzten Euros aus. Während mein Reichtum sich dem Ende neigte, konnte ich nur daran denken, wie das Leben danach aussehen würde. Ich trauerte dem Geld schon hinterher, als ich noch welches hatte. Der tatsächliche Bankrott war fast eine Erleichterung.

Heute ist kein Geld mehr da. Doch die Scham über den Kontrollverlust ist jetzt deutlich schlimmer als das leere Konto selbst. Denn nachdem das Geld weg war, schaffte ich es absurderweise recht schnell, mich darauf einzustellen, zu arbeiten und nur mit dem auszukommen, was ich als Werkstudent und mit ein paar journalistischen Texten verdiente. 

Was mich heute fast am meisten quält: So toll waren meine Zwanziger mit dem vielen Geld nicht, obwohl ich alle Voraussetzungen hatte, sie zur besten Zeit meines Lebens zu machen: Unbeschwert studieren, ohne Druck ins Berufsleben einsteigen und nur Jobs machen, auf die ich Lust habe – so hätte mein Leben heute aussehen können. Stattdessen wird meine Jugend rückblickend immer die Phase bleiben, in der ich mich selbst um 200.000 Euro beraubt habe.


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