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Eine junge Mutter erzählt von ihrer Geburt während der Coronakrise.

In Ahrensburg bei Hamburg scheint die Sonne. Hanna schiebt ihren sieben Wochen alten Sohn im Kinderwagen an Einfamilienhäusern vorbei, während wir telefonieren. Ab und zu macht sich das Baby durch ein leises Quietschen bemerkbar. "Er ist total entspannt, ein richtiges Einsteigerbaby. Seit ein paar Tagen lächelt er manchmal", erzählt sie.

Das Gesicht kenne ich doch...?

Hanna Zobel ist Redakteurin bei bento und seit Anfang 2020 in Elternzeit. Susan Barth hat für diesen Text mit ihr gesprochen – in Hannas Rolle als Mutter, nicht als Teil des bento-Teams. 

Hanna ist eine der jungen Mütter, die ihr Kind während der Coronakrise bekommen hat. Ihr Sohn kam Ende März zur Welt. Etwa zwei Wochen nach Kontaktbeschränkungen und deutschlandweiten Maßnahmen gegen die Krise.

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Hanna erzählt von der Geburt ihres Kindes und was sie anderen jungen Müttern wünscht, die kurz vor der Entbindung stehen. 

Als das Coronavirus in Deutschland ankam, war ich hochschwanger. Den Geburtsvorbereitungskurs konnten mein Freund und ich noch vor Ort besuchen, aber den Kinder-Erste-Hilfe-Kurs, den wir machen wollten, gab es schon nur noch online. Eigentlich war das gar nicht so schlecht. Wir saßen mit dem Laptop auf dem Bett und haben zugehört. "Das mit dem Virus wird uns schon nicht betreffen", dachten wir zu dem Zeitpunkt.

Als die Kontaktsperre jedoch zwei Wochen vor der Geburt losging, bekamen wir langsam Zweifel, ob alles wie geplant funktionieren würde. Wir hatten uns doch so gut informiert, fühlten uns vorbereitet auf dieses große Ereignis – und plötzlich waren da so viele Fragen: Wie gefährlich würde es sein, genau zu dieser Zeit in ein Krankenhaus zu müssen? Kann sich das Neugeborene dort eventuell mit Covid19 anstecken? Und welche Auswirkungen hätte es auf ein Baby?

Es gab darauf keine Antworten. Ich war so verunsichert, dass ich sogar über eine Geburt zu Hause nachdachte. Doch diese Vorstellung machte mir noch mehr Angst als der Gang in die Klinik. Trotzdem gab es eine große Sorge: Wir hatten gehört, dass manche Krankenhäuser die Partner oder Partnerinnen bei einer Geburt gar nicht mehr in die Klinik ließen. Das hat mich schockiert. Es gibt so viele Studien, die zeigen, dass die Anwesenheit einer vertrauten Begleitperson wichtig für eine komplikationsarme Geburt ist. Jemand, der einen emotional unterstützt.

Eine Woche vor der Geburt riefen wir in der Klinik an und fragten nach. Die Partner dürften zwar noch mit in den Kreißsaal, hieß es, aber müssten danach wieder gehen und könnten jeden Tag nur für eine Stunde zu Besuch kommen. Außerdem wurde uns mitgeteilt, dass es keine Familienzimmer mehr gäbe. Das war zwar schade, denn wir hatten uns gefreut, die Zeit nach der Geburt zu dritt in der Klinik verbringen zu können – aber im Vergleich zu den Regeln in anderen Krankenhäusern erschien uns dies noch verkraftbar.

Wehen und Mundschutz? 

Als wir eine Woche später mitten in der Nacht durch die Notaufnahme das Krankenhaus betraten, wurde uns sofort ein Mundschutz ausgehändigt, bevor wir auf die Geburtsstation geschickt wurden. Die Frau am Empfang rief noch einmal dort an und erkundigte sich mehrmals, ob mein Freund wirklich mit mir mitkommen dürfte. Ich war schon bereit, einen Aufstand anzuzetteln, hätte sie es uns verweigert. Doch er durfte mit. Zu unserer Überraschung wurde uns sogar doch noch ein Familienzimmer angeboten.

Als wir auf der Geburtsstation ankamen, sagte die Hebamme dort, dass ich den Mundschutz auch abnehmen könne, wenn er mich stören sollte. "Was für ein Glück", dachte ich. Die Wehen hatten bereits eingesetzt und in den folgenden Stunden hatte ich Schmerzen, die ich mir zuvor nicht hätte vorstellen können. Abgesehen von Schmerzmitteln, war das einzige, was in dieser Situation half, das kontrollierte Atmen, das man vorher lernt. Mit einem Mundschutz wäre das die Hölle gewesen, denn darunter war es heiß, ich schwitzte, die Luft war stickig. Ich dachte, das halte ich nicht aus und setzte ihn sofort ab, als die Hebamme es mir anbot. Eine Freundin von mir entbindet demnächst in einer Klinik, die auf ihrer Homepage explizit schreibt, der Mundschutz müsse zu jeder Zeit getragen werden – "auch unter der Geburt". Ich verstehe einfach nicht, wie man den Frauen so etwas antun kann.

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Wichtiger als Corona

Ich hatte Glück, dass die Hebammen und Pflegekräfte in meinem Krankenhaus alles dafür getan haben, dass ich Corona für ein paar Tage ein wenig vergessen konnte. Vorher hatte ich noch ständig die Nachrichten gelesen, mich über die neusten Entwicklungen informiert und mich damit ein wenig verrückt gemacht. In den drei Tagen im Krankenhaus stand dann etwas ganz anderes an erster Stelle: mein kleiner Sohn und wir drei als neue Familie.

„Jede Frau, die das möchte, sollte jemanden während der Geburt bei sich haben, dem sie vertraut und auf den sie sich verlassen kann.“

Ich verstehe die Beschränkungen nicht, nach denen die Partner oder Partnerinnen das Krankenhaus nach der Geburt wieder verlassen müssen. Ist es nicht risikoärmer, wenn die Begleitperson drei Tage am Stück mit der Mutter und dem Neugeborenen in der Klinik bleibt, anstatt jeden Tag ein und aus zu gehen? Und warum sollte eine Person, die ohnehin im selben Haushalt lebt, während der Geburt nicht anwesend sein dürfen? 

Niemand sollte allein sein müssen

Wir hatten viel Glück mit einer unkomplizierten Geburt und einer tollen Klinik. Ich weiß, dass es auch Mütter gibt, denen es anders ging. Meine Wochenbett-Hebamme erzählte mir später, dass sie eine 19-jährige Mutter betreut, die niemanden mit in den Kreißsaal nehmen durfte. Nicht mal ihre Mutter. Sie war komplett alleine. Das finde ich unmöglich, denn ich stelle mir so ein Erlebnis gerade für eine sehr junge Frau traumatisierend vor.

Auch ich hatte keine Ahnung, was als nächstes passieren würde, ich wusste nicht, wie schlimm die Schmerzen noch werden würden. Einmal musste ich mich vor Schmerzen sogar übergeben. Ich hatte Angst, ohnmächtig zu werden und weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich allein gewesen wäre. Ich wünsche jeder Frau, die das möchte, während der Entbindung einen Menschen bei sich zu haben, dem sie vertraut und auf den sie sich verlassen kann.

Wir haben großes Glück, dass wir einen Garten haben, in dem wir jetzt, in der Zeit nach der Geburt, viel Zeit verbringen können, sodass wir nicht allmählich zu Hause durchdrehen. Ich war irgendwie auch ein bisschen erleichtert, in den ersten Wochen meine Ruhe haben zu können, ohne sie einfordern zu müssen. Trotzdem ist es seltsam, die eigenen Eltern Abstand zu unserem Sohn halten zu sehen. Sie standen bisher immer anderthalb Meter vor dem Kinderwagen im Garten und haben mit Masken im Gesicht ihr Enkelkind betrachtet.

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Nun ist der Kleine schon sieben Wochen alt und die meisten Familienmitglieder haben ihn noch nicht einmal live gesehen, weil sie zu weit weg wohnen und nicht zu uns reisen konnten. Diejenigen, die schon zu Besuch waren, konnten ihn nicht im Arm halten, wiegen oder an dem so süß nach Baby duftenden Köpfchen riechen. Er entwickelt sich so schnell. Die ersten Wochen haben sie nun verpasst. Die bekommt man nicht zurück.

Trotzdem hat die Krise für uns auch etwas Positives. Weil mein Freund wegen Corona nun viel von Zuhause aus arbeitet, haben wir so viel gemeinsame Zeit wie selten zuvor. Da schafft diese merkwürdige Zeit also etwas, das wir vorher jahrelang immer wieder gesucht haben: ein wenig Entschleunigung und einen Blick für das wirklich Wichtige.


Uni und Arbeit

Die Gastro atmet schwer: Schicht mit Mundschutz
Besteck polieren, Wein nachschenken und Essen servieren. Wir haben einen Kellner einen Abend lang begleitet.

Als Max den ersten Cocktail des Abends schüttelt, rutscht ihm seine Maske bis zur Nasenspitze herunter. Immer wieder muss er innehalten und den Schutz hochschieben. 

Wie viele junge Leute arbeitet er in der Gastronomie und wie für viele ist seine Arbeit in der Coronakrise weggebrochen. Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA Bundesverband) waren im März und April 95 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Gastgewerbe in Kurzarbeit. Das Gastgewerbe liege am Boden, sagte DEHOGA-Präsident Guido Zöllick in einer Pressemitteilung am 30. April. 

Doch seit dem 11. Mai haben viele Läden wieder auf. Allerdings nur unter bestimmten Auflagen. Je nach Bundesland müssen die Tische eineinhalb oder zwei Meter Abstand zueinander haben, für alle gilt die Abstandsregelung. Gäste müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen und das Servicepersonal braucht einen Mundschutz. 

Wie fühlt sich das für die Kellnerinnen und Kellner an? Sind sie froh wieder arbeiten zu dürfen und was halten sie von den Auflagen an ihrem Arbeitsplatz? Um das herauszufinden, haben wir Max einen Abend in seiner Schicht begleitet. Er ist 27 Jahre alt und macht eine Ausbildung zum Restaurantfachmann im Restaurant Viscvle in Lüneburg.