Bild: Roland Holschneider/ dpa
Die FSK wird 70 – ein Hassliebesbrief.

Als Teenager wäre der Geburtstag der ersten Filmkontrolle für mich sicher kein Grund zum Feiern gewesen. Mit etwas mehr Abstand erkenne ich aber: Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hat zusammen mit ihrem kleinen Bruder, der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) – quasi die FSK für Videospiele – mein Leben beeinflusst und gleichermaßen für schöne und schreckliche Momente gesorgt. 

Sie war für mich mehr als nur ein Aufkleber mit einer Zahl: Sie hat meinen Horizont erweitert, meine kriminelle Kreativität gefördert und mich vor große Herausforderungen gestellt.

Was ist die FSK?

Vor 70 Jahren wurde der erste Film von der "Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK) kontrolliert. Seit 1949 bewertet ein Gremium aus Menschen der Filmwirtschaft Filme und legt fest, ob die gezeigten Inhalte die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen könnten. Erst danach kommen die Filme ohne Altersbeschränkung oder mit einer Altersbeschränkung ab sechs, zwölf, sechzehn, und achtzehn Jahren in die Kinos (ARD). Auch, wenn "freiwillig" draufsteht, sind die Vorgaben in Deutschland im öffentlichen Raum bindend.

Die FSK war für mich wie die Tür des Berghain: eine unumstößliche Instanz.  Mit meiner Mutter, dem Klassenlehrer, oder Freunden konnte ich diskutieren und debattieren. Die FSK entkräftete dagegen all meine Argumente ohne Sprache - nur durch einen einfachen Aufkleber. Die grüne Zwölf, blaue Sechzehn, oder rote Achtzehn waren lange die Bestimmer über die Erweiterung meines kulturellen Horizontes. 

Die erste Erfahrung mit der FSK machte ich in der Grundschule.

Jeder hatte diesen einen Klassenkameraden, der zu Hause Filme gucken und Spiele spielen durfte, die eigentlich noch nicht für sein Alter bestimmt waren. Bei mir war es Kevin (Wirklich!). Auch, wenn unsere Familien unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung hatten, freundeten wir uns über das Interesse für Videospiele und Filme an. Statt der Legosteine und Holzeisenbahnen, die in meinem Kinderzimmer verstreut lagen, konnte ich bei Kevin in virtuelle Spiele-Welten eintauchen. 

Kindliche Neugier, Unbefangenheit und das etwas sorglose Einkaufsverhalten von Kevins Mutter sorgten dafür, dass ich mich in "James Bond's Nightfire" zum ersten Mal in Ego-Perspektive durch eine Eislandschaft ballerte. Oder dafür, dass ich zum ersten Mal Ralf Moeller und Russel Crowe im Circus Maximus bei ihren Gladiatorenkämpfen zuschaute. Ohne Kevin hätte ich wohl ziemlich lange darauf warten müssen. Der Reiz, das Verbotene gemeinsam zu erleben, hat zwischen Kevin und mir ein Band gespannt. Mit Lego wäre dieses vielleicht nicht so stark geworden. 

Durch Juba, Hagen und Maximus entflammte meine Leidenschaft für den Film.

(Bild: Universal)

Gegen Ende der Nullerjahre zeigte mir ein Freund die Möglichkeit des Internetstreamings, um die FSK zu umgehen – was wir damals natürlich für eine rechtliche Grauzone hielten. Doch was mich erst unglaublich begeisterte, ernüchterte mich nach drei Viren und etlichen Computer-Abstürzen schnell wieder.

Um mein Verlangen nach den "verbotenen" Filmen und Spielen zu stillen, musste ich kreativ werden.

Das regelmäßige Auflaufen an den Kassiererinnen und Kassierern der Elektronik-Fachmärkte wurde beim Spiel- und Videokauf mit der Zeit zu einem Ritual. Und selbst nach stundenlangen Gesprächen über die geschichtliche Relevanz des ersten Teils der "Assassins Creed"-Reihe konnte ich meine Eltern nicht überzeugen, mir etwas zu kaufen, dass laut USK nicht für mich geeignet war. 

Kein Ausweis? Kein Spiel!
Jeder Kassierer im Spieleladen

Alle Diskussionen endeten mit dem unumstößlichen Aufkleber-Argument. Ich suchte nach Auswegen: Über meine Oma bekam ich gelegentlich meine Wunschfilme und Wunschspiele. Und über meinen Onkel, der als Lektor in einer Bibliothek arbeitete, bekam ich sogar die originalen Aufkleber der FSK und USK. Ungefähr ein halbes Jahr konnte ich meinen Eltern glaubhaft bezeugen, dass "Crank" und "GTA 4" tatsächlich ab zwölf Jahren freigegeben sind. 

Als ich als Zwölfjähriger aber gerade dabei war, den roten FSK-Aufkleber von "Call of Duty: Modern Warfare" mit dem grünen überkleben zu wollen, erwischte meine Mutter mich.

An meinem dreizehnten Geburtstag ließ mein Vater schließlich Gnade walten. Ich durfte dem "Weißen Hai" von Steven Spielberg ins Maul schauen, obwohl die scharfen Zähne eigentlich für 16-jährige Augen bestimmt waren. Nach dem aufregenden Filmerlebnis platschte ich aber durch ein "So, dass reicht jetzt aber auch erstmal, bis du sechzehn bist" zurück in die Realität wie ein toter Fisch ins Meer. 

Dieses Maul ist erst für Menschen ab sechzehn Jahren geeignet.

(Bild: Universal)

Geburtstage waren Meilensteine: Nach dem sechzehnten etwa wurde es deutlich einfacher. Vieles war nun verfügbar, außerdem wurde ich (der Pubertät sei Dank!) von den meisten Menschen für älter gehalten und konnte mir gelegentlich Artikel ab achtzehn besorgen. 

Natürlich endete dieses Glück im schier ungünstigsten Moment. 

Als ich selbstbewusst, mit weiblicher Begleitung, den japanischen Klassiker "Battle Royal" (FSK 18) kaufen wollte, bestand eine leider sehr verantwortungsbewusste Kassiererin auf meinen Ausweis. Ich beteuerte, dass ich ihn nicht dabeihatte. Dummerweise guckte er aber aus meinem Portemonnaie heraus. Nach der peinlichen Diskussion, ob ein Polizeieinsatz nötig sei, wurde ich von der Security-Kraft nach draußen begleitet. 

Mein DVD-Player blieb an diesem Abend ebenso unberührt wie ich.

Auch, wenn ich mir in den Situationen nie darüber im Klaren war, was die FSK eigentlich bewirkt und wofür sie gut ist, hat sie am Ende viel mehr getan, als mich vor jugendgefährdenden Inhalten zu schützen. Sie hat mich mit Menschen zusammengebracht, die ich sonst nie kennenglernt hätte, sie war mein Sparringspartner im Debattieren, sie hat für peinliche Momente gesorgt, an denen ich am Ende gewachsen bin und in mir einen fast schon kriminellen Erfindergeist ausgelöst. Für all das bin ich dankbar.

Happy Birthday, FSK!


Fühlen

Midlife-Crisis: Wie gehe ich mit den psychischen Problemen meines Vaters um?

Lars-Martins Vater* ist eine wichtige Bezugsperson für ihn, jemand, der ihm Halt gibt und den so schnell nichts erschüttert. Dann verändert sich der 52-Jährige. Er rastet am Lenkrad aus, schläft schlecht, geht nicht mehr zum Sport, ist unmotiviert. Christian* hat eine Midlife-Crisis. Lars-Martin bemerkt das zunächst nicht – bis sein Vater mit ihm spricht.

Was bedeutet die Midlife-Crisis seines Vater für die Beziehung zwischen Lars-Martin und Christian? Und welche Auswege gibt es? Wir haben mit den beiden und einem Psychologen gesprochen.

Lars-Martin, 23, erzählt von dem Moment, als sein Vater ihm von seinen Problemen berichtete. 

"Seit ich mich erinnern kann, gehe ich mit meinem Vater an Weihnachten zur Mitternachtsmesse in die Kirche. Da der Rest meiner Familie wenig von Spiritualität hält, entwickelte sich der 45-minütige Spaziergang zur nächsten Dorfkapelle zu einem Vater-Sohn-Ritual. Häufig nutzten wir die Zeit für unser "Jahresabschlussgespräch". Was war an diesem Jahr schön? Was war schwierig? Was kommt auf uns zu?

Als wir im vergangenen Jahr aus dem weihnachtlichen Trubel des Hauses in die nieselnde, kalte Nacht traten, bat mein Vater mich allerdings darum, den Spaziergang auszudehnen und die Kirchentradition zu brechen. Er müsse mir etwas Wichtiges erzählen. Nachdem wir ein paar Schritte gegangen waren, begann er, von psychischen Problemen zu berichten, die er seit längerer Zeit habe. Im vergangenen Jahr hätten sie zugenommen. Er finde nur noch wenig Schlaf, sei auf der Arbeit permanent genervt und zu Hause antriebslos und schlecht gelaunt. Es sei für ihn manchmal nur noch schwer auszuhalten. Er glaube, dass er in einer "Midlife-Crisis" stecke.