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Er ist die Jahreszeiten-gewordene Diskriminierung von Menschen wie mir.

Der Frühling ist da. Sonnenschein. Die Natur erwacht und so. Toll, ganz toll. Und ich, ich hasse jede Sekunde davon.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Kälte, Regen und Dunkelheit haben ein paar Vorteile, die absolut nicht von der Hand zu weisen sind: niemand hat übertrieben gute Laune, alles läuft ein bisschen unaufgeregt, es ist sozial total akzeptiert, sehr viel Zuhause zu bleiben und ein bisschen deprimiert zu sein und niemand, absolut niemand guckt einen dafür komisch an. 

Es braucht allerdings nicht mehr, als ein paar Sonnenstrahlen und ein bisschen Wärme, und schon platzt die gemütliche Blase der saisonalen Soziophobie und es ist vorbei mit dem schönen Leben. Plötzlich wollen alle raus, Eis essen, so ab sechs Grad, voll geil.

Überall sitzen sie dann, die Sonnenkinder, und halten ihre bleiche Zombiehaut in die ersten Sonnenstrahlen, weil ein paar Grad über Null in dieser kalten Gesellschaft ja schon Hochsommer sind und sowieso muss man raus! Raus, und ganz viele Freunde treffen und ganz viel reden und Grillen und Bordsteinbier saufen, weil man zwar nicht übers Wetter spricht, aber deshalb kann man es ja wohl genießen, verdammt.

Denn es ist ja so schön, wenn es Frühling wird. 

Denn endlich strahlt die Sonne die graue Stadtsuppe ordentlich an, toll. Da kann man mal sehen, in was für einem Drecksviertel man wohnt, während man T Shirt trägt und Bio-Limo trinkt und veganen Falafel isst. Großartig, denkt man, bin ich großartig, man, ist diese Stadt ein großartiger Ort, so schön. Dass die Bäume immer noch kahl sind und der geschmolzene Schnee nur den ganzen Dreck darunter wieder freilegt: egal. Hauptsache Frühling.

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Zum Glück muss man das alles ja auch nicht alleine ertragen, denn alle wollen jetzt wieder daten und sich verlieben, weil das natürlich nur im Frühling so richtig geil ist, ich meine, scheiß auf die halbherzigen Winteraffären, die nur lebendige Wärmflaschen waren, seit April wird zurückverliebt!

Und dann sitzen und flirten und verlieben die sich alle da, auf den Bordsteinen und in den Parks und Straßencafés dieses Landes und sie tindern und grindern und gucken sich verliebt und skeptisch an, ach, was ist das schön, endlich wieder vier Stunden Smalltalk und Nervosität und am Ende eventuell Sex, weil das alles im Winter schlagartig nicht mehr geht.

Weiße Anführungszeichen
Der Frühling ist die Jahreszeiten-gewordene Diskriminierung von Menschen wie mir.
Kathrin Weßling

Der Frühling ist die Jahreszeiten-gewordene Diskriminierung von Menschen wie mir. Menschen, die nicht in ständige hypernervöse Aktivität verfallen, sobald sich was auf dem Thermometer ändert. Menschen, die Dunkelheit mögen und Ruhe und die Nacht und die Freundschaft nicht als übertrieben soziales Event abfeiern, bei dem man ständig irgendetwas UNTERNEHMEN muss, um das Gefühl zu haben, dass man das jetzt auch echt endlich mal bei Instagram zeigen kann.

Ich wünschte, man könnte den Frühling einfach skippen. Die Pollenallergie, die T-Shirts bei vier Grad, die übertriebene Erwartungshaltung an einfach alles, das Leben, Future is now, bla bla bla, hey, hey, hey. Ich wünschte, ich könnte einfach bis zum Herbst der schlechtgelaunte Grinch sein, der erst ab 21 Uhr aktiviert wird.

Vor allem wünsche ich mir, dass alle anderen nicht ständig von mir erwarten, dass ich wegen eines simplen Wechsels des Wetters total ausraste und ständig irgendwo irgendwas konsumiere (Bier, Eis, Limo, Pommes, noch mehr Bier) – erst recht nicht in Biergärten, Parks und so weiter.

 Also: Wickelt das blaue Band um euch, zieht euch jeden Krokus und jedes einzelne Grad rein, hört den ganzen Tag Vivaldi und vögelt euch durch die Welt (besonders das letztere,  unbedingt) – aber bitte bitte bitte lasst mich damit in Ruhe. Wake me up when September ends. Danke.


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