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Lena geht eher locker mit Social Distancing um, Antonia hält sich streng an die Abstandsregeln. Was macht das mit ihren Freundschaften?

Freundschaften in Pandemie-Zeiten zu pflegen, ist schwer. Schon die strengen Ausgangsbeschränkungen waren für Freundinnen und Freunde eine Belastungsprobe. Doch auch die Lockerungen bringen ihre eigenen Probleme mit sich. Viele Freundeskreise teilen sich jetzt in Lager: Die Lockeren auf der einen, die Strengen auf der anderen Seite.

Lena*, 26, Tierärztin in einer oberbayerischen Kleinstadt, gehört zu den Lockeren. Sie trifft Freunde in Gruppen, zum Kaffeetrinken, Lagerfeuermachen oder Kochen. Antonia*, 27, Unternehmensberaterin aus Frankfurt ist streng, trifft nur Ausgewählte und hält sich weiter an Social Distancing. Die beiden kennen sich nicht, aber wir haben ihnen voneinander erzählt. Obwohl – oder gerade, weil – ihre Einstellungen zu Corona so unterschiedlich sind, können sie Tipps geben, wie man unter Freundinnen und Freunden gut damit umgeht und Konflikte über den Umgang mit den Corona-Regeln vermeidet.

Lena: Am Anfang der Krise war auch ich verunsichert. Bis Ende März waren mein Mann und ich streng und haben keine Freunde getroffen. Aber dann musste ich komplett normal weiterarbeiten, während andere sicher im Homeoffice waren. Als Tierärztin  kann ich selten eineinhalb Meter Abstand halten und muss auch mal die Maske abnehmen – zum Beispiel, weil ich auch meinen Mund brauche, um bei einer Kolik eine Sonde (Kunststoffschlauch, Anmerkung d. Redaktion) in einen Pferdemagen einzuführen. Auf der Arbeit habe ich Kontakt mit Kunden, ein paar sind sogar meine Freunde. Aber privat durfte ich sie dann nicht mehr sehen. Das habe ich irgendwann einfach nicht mehr eingesehen.

Antonia: Ich bin eigentlich keine Prinzipien-Reiterin, aber seit Corona halte ich mich streng an die Regeln. Dass ich so konsequent bin, liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich mich hart an die Isolation gewöhnen musste. Ich bin schon vor dem offiziellen Lockdown freiwillig ins Homeoffice gegangen, weil ich Fieber hatte. Zwei Wochen habe ich niemanden getroffen, ich war noch nicht mal einkaufen. Damals war ich noch unsicher, ob das nicht alles völlig übertrieben ist. Die erste Woche war echt hart, dann wurde es leichter. Jetzt könnte ich gut noch weiter durchhalten.

„Ich habe das Gefühl, viele legen sich jetzt plötzlich die Regeln individuell positiv aus.“
Antonia

Lena: Ich weiß, dass ich gegen die Regeln verstoße, wenn ich Freunde aus mehreren Haushalten zu mir zum Lagerfeuermachen einlade. Trotzdem finde ich, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Ich sage meinen Freunden vorher einfach ehrlich: passt auf, ich könnte eine Gefahr für euch sein, weil ich viel Kontakt zu anderen Menschen habe. Ihr müsst also eigenverantwortlich entscheiden, ob ihr euch dem Risiko aussetzen wollt. Einige besprechen es dann vorher mit ihren Familien.

Antonia: Ich habe das Gefühl, viele legen sich jetzt plötzlich die Regeln individuell positiv aus. Auch mein Freund und ich treffen seit Kurzem wieder vereinzelt Freunde. Aber nur sehr ausgewählt. Vor den Treffen fragen wir nach: Wie viele Leute habt ihr in der letzten Zeit getroffen? Haltet ihr dabei den Abstand ein und tragt beim Einkaufen eure Masken? Bisher gab es keine pampigen Antworten oder Konflikte. Die meisten unserer Freunde in Frankfurt haben ein ähnliches Gefühl für die Situation. Aber ich sehe auf Instagram, dass zum Beispiel einiger meiner Leute in meiner Heimstadt München das Social Distancing lockerer nehmen. Ich fahre an Pfingsten nach Hause und habe schon jetzt Bammel vor den Diskussionen.

„Vor Freunden möchte ich keine Rechenschaft ablegen!“
Lena

Lena: Ich hätte keine Lust, so ausgefragt zu werden. Corona hin oder her, vor Freunden möchte ich keine Rechenschaft ablegen! Trotzdem finde ich, dass jetzt die perfekte Zeit ist, um Toleranz zu üben. Ich muss akzeptieren, wenn Freunde sagen, sie wollen mich gerade nicht treffen. Im Gegenzug wünsche ich mir aber auch ehrliche Ansagen. Letzens habe ich mich zum Beispiel mit einer Freundin zum Frühstücken verabredet. Als ich ankam, wollte sie mich nicht in ihre Küche lassen; sagte, sie habe schon gefrühstückt und schlug vor, den Kaffee im Garten zu trinken. Mir war es aber draußen zu kalt und ich habe mich geärgert: Warum hat sie ihr Bedürfnis nicht vorher ehrlich geäußert? Dann hätte ich entscheiden können, ob ich so auf ein Treffen Lust habe. Hätte ich wegen der Regeln abgesagt, würde ich erwarten, dass sie das als gute Freundin akzeptiert. Wahrscheinlich hätte ich mir aber einfach nur wärmere Socken angezogen.

Antonia: Transparenz und Vertrauen sind zurzeit das Wichtigste. Wenn der andere mir nicht ehrlich sagt, dass er sich wieder in Gruppen trifft, aus Angst, ich könnte ihn verurteilen, bringt er damit nicht nur mich, sondern auch meine 80-jährige Oma in Gefahr, die ich jetzt endlich wiedersehen darf. Das könnte die Freundschaft belasten! Es sprichst nichts dagegen, vor einem Widersehen kurz die Einstellungen abzugleichen und auch das Setting des Treffens zu planen. Gut funktioniert, einfach interessiert nachzufragen, wie der andere die Krise meistert und dann erfährst du automatisch, wie er seine Tage gestaltet und es mit den Regeln hält. Ich setzte niemanden unter Druck, habe aber trotzdem immer ein bisschen Sorge, als uncoole Spielverderberin dazustehen.

„„Die Einstellung zu Corona ist kein Freundschaftskriterium.““
Lena

Lena: Ich finde genau das sollte man gegenüber guten Freunden offen kommunizieren, – zum Beispiel so: Ich würde voll gerne zu eurem Grillen kommen, aber tatsächlich habe ich einen inneren Konflikt, weil es mir eigentlich zu gefährlich ist. Gleichzeitig habe ich Angst, als Spielverderberin blöd dazustehen, oder euch zu verlieren. Nur wenn ich meine Ängste äußere, gebe ich meinen Freunden die Möglichkeit, gemeinsam einen Ausweg zu finden: Zum Beispiel das Grillen zu verschieben und stattdessen im Wald spazieren zu gehen. Die Einstellung zu Corona ist kein Freundschaftskriterium! Aber der Umgang damit zeigt, wer sind meine richtigen Freunde, denen ich vertrauen und vor denen ich alles offen sagen kann.

Antonia: Fest steht, zurzeit muss man sich besonders um Freundschaften bemühen und in sich reinhören, wer die Personen sind, die einem wirklich wichtig sind. Meine Tage in München sind die einzige Chance, richtig enge Freunde wiederzusehen und ich habe mich dafür entschieden. Allerdings nicht ohne Plan: Ich werde nachschauen, an welchen Tagen gutes Wetter ist und sie dann zu mir auf die Terrasse einladen. Dann können sie durchs Gartentor kommen und ich habe die Getränke dann schon so vorbereitet, dass wir uns auf zwei Meter Abstand entspannt unterhalten können.

 

*Namen von der Redaktion geändert


Fühlen

Fernsehen: Ist endlich wieder 20.15?
Die Coronakrise führt zu gesteigerter Mediennutzung – und zu einer Renaissance des klassischen Fernsehabends.

Eine genormte Europalette EPAL 1 besteht aus elf Brettern. Das habe ich am 24. März im Fernsehen gelernt, von Ronald Tenholte. Der 35-Jährige war Kandidat bei "Wer wird Millionär?"  – und gewann mit der Antwort die Million. Vor ihm war das in Deutschland zuletzt 2015 einem Kandidaten gelungen. Ohne Joker beantwortete Ronald die alles entscheidende letzte Frage: Eine Palette besteht aus 78 Nägeln, neun Klötzen – und eben elf Brettern.

Ronalds finale Antwort habe ich stehend in meinem Wohnzimmer verfolgt. Meine Freundin und ich hatten die Sendung von Beginn an gesehen, wir sind einfach beim Zappen hängengeblieben. Der Mut des Kandidaten beeindruckte uns. Wir waren richtig gefesselt, wir wollten uns mit Ronald freuen – oder eben auch ärgern. In einer Art Übersprungshandlung schickten wir in der letzten Werbepause vor dem Millionengewinn sogar eine SMS, um am Gewinnspiel teilzunehmen. Die Nachricht war natürlich rausgeschmissenes Geld, was absehbar war.

Was für mich nicht absehbar war: Dass ich von nun an jede einzelne Folge "Wer wird Millionär?" gucken würde. Jeden Montag, 20.15 Uhr, saß ich vor dem Fernseher. Als die Sendung zwischenzeitlich für einige Wochen pausierte, wusste ich nicht mehr, was ich nun mit meinem Montagabend anfangen sollte. 

Wer einen Fernseher zu Hause hat, fängt wieder an, zu glotzen

Normalerweise schaue ich selten gezielt Sendungen im linearen TV. Wenn überhaupt, geht es dann meistens um Sport oder Nachrichten. Wenn ich Entertainment will, suche ich in Mediatheken und bei Streamingdiensten. Aber das hat sich in der Coronakrise geändert.

Als ich das, fast verschämt, einem Kumpel erzählte, sagte der: "Alter, machen wir auch!" Er war bei seiner Freundin in einer oberbayerischen Kleinstadt zu Gast, um die Quarantäne gemeinsam mit ihr zu verbringen. Genau wie meine Freundin und ich in Hamburg saßen die beiden jede Woche rechtzeitig um 20.15 Uhr vor der Glotze, um Günther Jauch dabei zuzuschauen, wie er einen Kandidaten nach dem anderen befragt. Wir haben den klassischen Fernsehabend wiederbelebt.