Bild: pixabay.com/Unsplash
Männer und Frauen können nicht befreundet sein? Blödsinn.

Ein Sommertag in München. Die halbe Stadt sitzt an der Isar. Irgendwo zwischen Studenten, Bier und Sandschaufeln, direkt neben einer Großfamilie am Grill: eine Frau und ein Mann, beide Anfang 20, auf einem alten, braun-karierten Schlafsack. Zwischen ihnen die Reste eines Picknicks: eine Tüte mit Brötchen, eine Schüssel Tomate-Mozzarella, eine Packung Kekse.

Ein Paar? Nein, dafür liegen die beiden zu weit auseinander. Bruder und Schwester? Vielleicht.

Die Frau auf dem Schlafsack bin ich. Der Mann neben mir ist mein bester Freund. Martin. Wir kennen uns seit vier Jahren, haben zusammen studiert. Mittlerweile leben wir 800 Kilometer voneinander entfernt, sehen uns vielleicht fünfmal im Jahr. Trotzdem: Wenn es etwas Neues gibt, muss ich das zuerst ihm erzählen. Wenn wir uns nach vielen Monaten wieder treffen, fühlt es sich an, als hätten wir uns am Tag zuvor zum letzten Mal gesehen. Beste Freunde eben.

(Bild: pixabay.com/Foundry)

Eigentlich kann unsere Freundschaft nicht funktionieren. Zumindest gibt es genügend Studien, die das nahelegen (Abstract einer Übersichtsstudie). Demnach haben Männer und Frauen nämlich unterschiedliche Erwartungen an eine Freundschaft: Frauen legen mehr Wert auf Vertrauen und Loyalität als Männer – darauf, sich an den anderen zu binden, sich nicht verstellen zu müssen, akzeptiert zu werden; sie wollen sich ihren Freunden gegenüber öffnen, Verständnis und Unterstützung bekommen. Männer dagegen stellen in den Bereichen Status, Attraktivität und Intelligenz höhere Erwartungen an ihre Freunde als Frauen. Das zumindest sagt die Wissenschaft.

Ja, solche Unterschiede gibt es, das merke ich auch bei Martin und mir immer wieder: Wenn einer von uns über Probleme spricht, Schwäche zeigt, bin das fast immer ich; wenn Martin schlecht drauf ist, muss ich fünfmal nachfragen, bevor er mir erzählt, was los ist. Manchmal strengt das an, manchmal ärgere ich mich darüber.

Aber nur deshalb soll eine Freundschaft unmöglich sein?

Als ich im Kindergarten war, lud ich mehr Jungs als Mädchen zu meinem Geburtstag ein. In der Grundschule hatte ich schonmal einen besten Freund, am Gymnasium auch. Und ich kenne genug andere Frauen, die ebenfalls einen besten Freund haben. Alles Einzelfälle?

(Bild: pixabay.com/Unsplash)

In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) aus dem Jahr 2013 gab immerhin ein Drittel der Befragten an, schon mal einen besten Freund anderen Geschlechts gehabt zu haben – oder immer noch einen zu haben (Statista). In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2012 antworteten sogar mehr als 80 Prozent der 263 befragten Studenten, dass Männer und Frauen sehr wohl einfach nur befreundet sein können (Volltext).

Psychologen sind der gleichen Meinung: "Natürlich können Männer und Frauen befreundet sein; sie können sogar beste Freunde sein", sagt zum Beispiel Wolfgang Krüger, Psychologe und Autor des Buches "Freundschaft: beginnen – verbessern – gestalten". Mehr noch: Eine beste Freundschaft zwischen Männern und Frauen könne "sogar einfacher" sein, eben weil sie verschieden sind.

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Einen besten Freund zu haben, bereichert das Leben jeder Frau – und zwar aus (mindestens) drei Gründen:

1. Direkter reden

Mit Freundinnen und Kolleginnen diskutiere ich stundenlang die gleichen Dinge, analysiere jeden Schritt eines Gesprächs, sehe Probleme, wo keine sind. Mit Martin ist die Kommunikation direkter, objektiver, und dadurch meist einfacher. Auf mein Gejammer antwortet er häufig nur mit "Chill mal!" – wörtlich oder im übertragenen Sinn – und das trifft es meist am besten.

Klar, oft denke ich im ersten Moment, was er doch für ein gefühlloses Trampeltier ist. Meist stelle ich im zweiten fest, dass er Recht hat, dass es sich nicht lohnt, mich weiter in Gedankenschleifen zu verstricken. Chill mal.

Auf mein Gejammer antwortet er häufig nur mit "Chill mal!", und das trifft es meist am besten.

Wahrscheinlich ist nicht jede Frau-Mann-Freundschaft so stereotyp wie unsere. Trotzdem sagt der Psychologe Wolfgang Krüger, dass Frauen an einer Freundschaft mit einem Mann vor allem "die Sachlichkeit" schätzen würden. "Viele Frauen sagen, dass Frauenfreundschaften sehr erfüllend sind, weil man über alles reden kann. Aber sie sagen auch, dass das emotionale Geschnatter manchmal anstrengend ist." Ganz verzichten wollten diese Frauen zwar nicht auf ihre Freundinnen, aber bei Problemen könnten "Männer mit ihrer ruhigen, sachlichen Art zumindest eine Bereicherung sein", sagt Krüger.

Damit will ich nicht andeuten, dass Martin sich nicht für das interessiert, was ich ihm erzähle. Das ganze "Frauen können besser zuhören"-Gerede geht mir nicht nur ziemlich auf die Nerven, es ist meiner Meinung nach auch einfach Quatsch. Natürlich hört Martin mir zu, und natürlich merkt er, wenn ich mir ernsthaft Sorgen mache. Er hält mich eben nur vom ständigen Reflektieren ab, denn meist gibt es ja wirklich nichts zu reflektieren.

2. Direkter streiten

Manchmal provoziert direkte Kommunikation Streit: Wenn ich nerve, sagt Martin mir das – und zwar genau so, direkt und unverblümt. Meist bin ich daraufhin kurz (manchmal auch länger) beleidigt. Dann stelle ich immer wieder aufs Neue fest: Eigentlich ist es besser, wenn er mir das ins Gesicht sagt und sich nicht hinter meinem Rücken über mich beschwert. Eine Freundschaft muss das aushalten, und bisher tut sie das ja auch.

Umgekehrt lerne ich langsam, mit ihm genauso umzugehen: Sagen, wenn mich etwas stört und zwar gleich. Manchmal sprechen Martin und ich nach einer solchen Diskussion ein paar Wochen nicht miteinander. Dann schreibt einer dem anderen eine Nachricht und alles ist wieder gut. Nachtragend ist er nicht (zumindest habe ich davon bisher nichts bemerkt) und bringt auch mir bei, es nicht zu sein.

Damit will ich nicht sagen, dass ich mit Freundinnen nie streite, oder dass wir ständig nur hinter dem Rücken der anderen übereinander lästern. Aber weil ich weiß, wie empfindlich ich in solchen Situationen manchmal reagiere, bin ich meist lieber still.

3. Direkter freuen

Auf Punkt drei bin ich nicht von selbst gekommen. Ich chattete mit einer Freundin, die ebenfalls einen besten Freund hat – und fragte, was sie an ihm besonders mag. Sie antwortete: „Egal wie lange und gut man mit einer Frau befreundet ist: Man vergleicht sich mit ihr – oder wird verglichen. Irgendwie versuchen Frauen immer, besser auszusehen als ihre beste Freundin, den hübscheren Partner zu haben oder im Job besser zu sein. Mit Männern ist das weniger der Fall.“

Ich freute mich; ich wusste, dass er es verdient hatte.

Stimmt, ich sehe mich oft in Konkurrenz zu meinen Freundinnen, wenn auch unbewusst: Klamotten, Freunde, Erfolg, irgendwas findet sich immer. In Männerfreundschaften gibt es die gleiche Rivalität, sagt der Psychologe Wolfgang Krüger: „Wenn wir Männer uns treffen, erzählen wir erst mal, was wir toll gemacht haben.“

Bei Martin und mir ist das anders: Als er mich nach seinem Vorstellungsgespräch anrief und mir erzählte, dass er die Stelle bekommen hatte, war ich kein bisschen neidisch, wirklich nicht. Ich freute mich; ich wusste, dass er es verdient hatte. Als ich ein knappes Jahr später in seiner Einzimmerwohnung in München saß und ihm zum ersten Mal ausführlich von der Stelle erzählte, die mir angeboten worden war, reagierte er ähnlich: Er hörte still zu, bis ich fertig war, dann sagte er zwei Worte: „Wie geil!“ Er freute sich mit mir, nahm mir die letzten Zweifel, sagte, dass ich die Stelle natürlich annehmen würde.


(Bild: pixabay.com/NattySttey)
Klar, eine Frage bleibt: Ob da mehr sein könnte als Freundschaft?

Früher oder später verliebt sich der eine in den anderen – mit diesem Vorurteil wird wohl jede Frau-Mann-Freundschaft konfrontiert. In einer Umfrage des IfD Allensbach aus dem Jahr 2013 gaben immerhin 52 Prozent der Befragten an, dass ein Mann und eine Frau nicht dauerhaft beste Freunde sein könnten – weil irgendwann einer von beiden mehr will (Statista).

Für mich war das nie wirklich Thema, weil ich zu dem Zeitpunkt, als Martin und ich uns kennenlernten, schon lange in einer Beziehung war. Wie es in Zukunft weitergeht? Keine Ahnung.

"Natürlich kann es passieren, dass sich der eine in den anderen verliebt", sagt der Psychologe Wolfgang Krüger. "Ich glaube allerdings, dass das in einer richtig guten Freundschaft selten passiert. Wir wissen so viele intime Dinge über den anderen, wir kennen Macken, Fehler, Ängste, Schwächen. Da bleiben so wenige Geheimnisse offen. Um sich zu verlieben, braucht es auch das Unbekannte, das Geheimnis."

Mich kennt kaum jemand so gut wie Martin. Ich kann mit kaum jemandem so gut reden, lachen, streiten.

Er ist mein bester Freund. Und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.