Bild: Jalal Hosseini
Jenifer erzählt von ihrer Verbundenheit zu Marleen.
"Das würde ihr gefallen!"

Wie oft denke ich an diesen Satz und wünsche mir, schnell ein Foto an meine Freundin Marleen schicken zu können. Um ihr das neue Kleid zu zeigen, einen leckeren Auflauf, den Blumenstrauß auf meinem Küchentisch.

Was Marleen davon hält, erfahre ich so schnell nicht. Denn ich habe zwar ein Smartphone und diverse Messenger-Apps. Aber Marleen hat das nicht.

Sie hat lediglich ein Festnetz-Telefon, einen Anrufbeantworter, einen E-Mail-Account und einen Briefkasten. Nur darüber können andere und auch ich sie erreichen.

Ein Selfie wie dieses kann Jenifer per WhatsApp verschicken – aber nicht an Marleen.
Deswegen ist unsere Freundschaft anders als alle anderen Freundschaften, die ich führe. Und das schon seit wir uns kennen.

Alles begann vor etwa einem halben Jahr. Ich kannte Marleen, 24, nur flüchtig über eine Bekannte. Sie machte gerade ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau in Berlin, war fast fertig. Nach dem Abi ging sie für ein Jahr nach Paris – dort hing sie ständig an ihrem Handy und spürte: Das ist viel zu viel.

Als sie zurückkehrte, verbannte sie das mobile Internet aus ihrem Leben. Sie dachte: "Ich habe genug davon. Ist mir zu stressig."

Was denkst du?
Nun, in Berlin, wollte sie sich offensichtlich mit mir verabreden.

Nach einem Treffen mit mehreren Leuten besorgte sie sich meine E-Mail-Adresse von einer Freundin. Sie schrieb eine Mail: "Hey, hättest du am Sonntag Zeit für einen Kaffee?“

Ich war etwas irritiert, gleichzeitig fühlte ich mich geehrt: Wow, sie nimmt sich die Zeit, sich mit mir auf einen Kaffee zu treffen, obwohl sie mich gar nicht kennt? Ich sagte zu.

An dem Sonntag fühlte ich mich wie bei einem Blind Date. Und seit langem war es mir mal wieder richtig wichtig, pünktlich zu sein. Wie hätte ich ihr auch mitteilen können, falls ich mich verspäte?

Ich fühlte mich wie bei einem Blind Date
Jenifer

Marleen war wundervoll. Sie stand gleich auf, winkte mir zu. Da, wo ich am liebsten sitze, als hätte sie es gewusst.

Es stellte sich heraus, dass wir beide Kuchen lieben. Und als wir uns zwischen den Sorten nicht entscheiden konnten, bestellten wir einfach mehrere und teilten. Der Kellner sah uns an wie ein verliebtes Paar, das sich gerade kennenlernt. Und wir lachten uns darüber kaputt.

Aus dem Kaffeetrinken wurden weitere Treffen, Marleen und ich wurden Freunde.

Jenifer: "Marleen tut mir gut"

Meist sahen wir uns zur Kaffeezeit, ab und zu telefonierten wir. Und ich merkte, wie gut es mir tat, dass Marleen nicht ständig auf das Smartphone oder die Zeit achtete. Denn dadurch tat ich es auch nicht.

Doch schon nach kurzer Zeit stießen wir an unsere erste Grenze. Ich steckte mitten in einer schmerzhaften Trennung und brauchte jemanden zum Reden. Marleen fehlte mir. Ich rief sie auf dem Festnetz an, sie ging nicht dran.

Ich habe Liebeskummer, Marleen geht nicht dran
Jenifer

Das bedeutete, dass sie wohl nicht zu Hause war – deswegen könnte sie auch auf eine E-Mail nicht antworten, denn ihr Laptop steht meist in ihrem Regal. Also sprach ich ihr auf den Anrufbeantworter.

Einige Stunden später – der Traueranfall war schon fast überwunden – hatte ich dann einen verpassten Anruf auf dem Handy und eine neue Nachricht in meiner Mailbox.

Es war Marleen, die sich entschuldigte, dass sie nicht da war und mir gut zuredete, so wie sie es immer tat. Auch, wenn das einer Sprachnachricht auf WhatsApp sehr ähnelte: Ihre Worte kamen zu spät.

Nach dieser Erfahrung wurde mir bewusst, wie anders unsere Freundschaft ist.

Trotzdem bitte ich sie deswegen nicht seltener um Rat. Ich rufe jetzt andere Freunde an, wenn ich schnelle Hilfe brauche. Doch nach diesem ersten Dampf-Ablassen ist es immer wieder wertvoll, ganz in Ruhe mit Marleen zu reden. Vielleicht gerade, weil sie den Abstand hat, den andere nicht haben.

Wenn ich Marleen von meinem Arbeitsalltag erzähle, dass ich dringend noch ein paar Mails beantworten und diesem einen Kollegen bei WhatsApp schreiben muss, sagt sie immer: "Oh Mann, hör auf, mir wird schon ganz schwindelig."

Jenifer über Marleen: "Ich brauche sie – genau wie die Freunde mit Smartphone"

In diesen Momenten beneide ich sie. Während ich mich manchmal verrückt mache, auf alles immer schnell reagieren zu müssen, kommt sie mir zwischen all den vom Leistungsdruck Getriebenen wie ein Exot vor.

Ohne Smartphone bekommt sie einfach nicht mit, wenn in ihrer Abwesenheit was schiefläuft auf der Arbeit. Sie kann sich viel unabhängiger entscheiden, wann sie ihre Mails liest, weil sie nicht auf dem Touchscreen aufploppen.

"Wenn ich mich mit jemandem treffe, dann bin ich nur da – und habe keine Parallelwelt im Hinterkopf", sagt sie.

Wenn sie eine E-Mail schreibt, nimmt sie sich bewusst Zeit und wählt ihre Worte sorgfältig aus. Vor allem aber läuft sie mit dem Kopf geradeaus durch die Gegend. Es kommt mir immer so vor, als sei sie viel sensibler für blühende Kakteen am Straßenrand, duftenden Kaffee oder ältere Menschen in der U-Bahn, denen sie ihren Platz gibt.

Nur eines vermisst sie: den Luxus, spontan Fotos machen zu können.

Party-Selfies oder lustige Schnappschüsse gibt es von uns nicht. Und damit auch nicht die Möglichkeit, sich mit Bildern an das zu erinnern, was man gemeinsam erlebt hat.

Doch in denselben Momenten, in denen ich sie beneide, finde ich es schade, dass sie diese andere Welt, meine Welt, nicht versteht. Dass es mir wichtig ist, sofort zu wissen, wenn etwas passiert. Dass mein Smartphone mir hilft, schnell Leute zu kontaktieren, von denen ich was will.

Sie versteht meine Welt nicht
Jenifer über Marleen

Ich liebe schnelle Selfies. Ich freue mich über Sprachnachrichten mit Lachanfällen, die ich mir anhören kann, während ich U-Bahn fahre.

Marleen sagt: "Die Informationen, die mich erreichen sollen, werden mich auch erreichen. Ob ich jetzt ein Handy habe oder nicht."

Freundschaft mit Marleen bedeutet: In ihrer Gegenwart lasse ich mein Smartphone in der Tasche, weil ich weiß, dass es sie stört.

Wenn mir mal ein Begriff nicht einfällt, googel ich ihn nicht. Mit der U-Bahn-App kann ich nicht noch während des Treffens meine Fahrt nach Hause planen.

Vor ein paar Wochen ist Marleen für ein Praktikum nach England gereist. Seitdem erfahre ich über ihren E-Mail-Newsletter, was sie erlebt. Auch wenn nur die engsten Vertrauten im Verteiler sind, kommt mir das unpersönlich vor.

Mein Name steht in diesen Mails nirgends. Wir sind zwar verbunden, uns aber nicht nah – und für regelmäßige Telefonate habe ich keine Zeit, da würde die ein oder andere Sprachnachricht einiges erleichtern.

Die vergangenen Gespräche und die schönen Treffen sind jetzt die Reserve, von der wir zehren müssen. An die wir uns erinnern müssen, damit wir uns jetzt nicht verlieren.

Müsste ich mich entscheiden, welche Freundschaften besser sind – die mit oder ohne Smartphones auf beiden Seiten – dann könnte ich es nicht.

Freundschaften, die auch in sozialen Netzwerken und Messengern stattfinden, sind lebendiger, erlebbarer, näher. Aber das, was ich mit Marleen teile, teile ich mit niemandem anderen.

Tief in mir sehne ich den Tag herbei, an dem sie zurückkommt. Dann können wir zwar noch immer keine Emojis austauschen.

Aber dann habe ich meine Freundin wieder, von deren Gelassenheit ich so viel lernen kann. Die mir zeigt, dass etwas auch einfach mal klingeln kann, ohne, dass ich sofort springen muss.


Was ist Freundschaft, was ist Liebe? Vielleicht das:

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