Nur eine Bekannte? Merle ist mehr! Aber was?

Felix und ich kennen uns aus der Uni. In der ersten Vorlesung saßen wir zufällig nebeneinander, danach standen wir vor dem Hörsaal-Gebäude und rauchten gemeinsam eine Zigarette. In den nächsten Wochen sahen wir uns regelmäßig in der Uni. Wenn jemand fragte, wer Felix war, dann sagte ich: ein Kommilitone.

Dann trafen wir uns in einer Lerngruppe, gingen ein Bier trinken, wurden Facebook-Freunde. Eine Woche später traf ich Felix und seinen Mitbewohner im Club. Wie lang wart ihr noch da? Schrieb er mir am nächsten Tag bei Facebook. Wir chatteten kurz, tauschten Nummern, schrieben bei WhatsApp weiter, das fanden wir bequemer und persönlicher.

Jetzt landeten Felix' Nachrichten direkt auf meinem Handy und irgendwie wurden wir mehr als Kommilitonen. Wenn jetzt jemand fragt, wer Felix ist, dann weiß ich es selbst nicht so recht. Nicht nur beim Daten, auch bei platonischen Freundschaften gibt es unterschiedliche Stufen in der Beziehung. 

Ab wann ist jemand mehr als ein Komilitone? Wie verstehen Andere unsere Beziehung, wenn ich Felix einen Bekannten nenne? Und findet er es übergriffig, wenn ich ihn als einen Freund bezeichne?

Die gleichen Fragen stelle ich mir, wenn es um Merle geht. Merle ist eine Freundin. Oder doch nur Bekannte? Eigentlich ist sie ja nur die Schwester der Freundin meines Mitbewohners. 

Wir kennen uns aus der WG, haben schon gemeinsam Wein getrunken, viel Wein. Hin und wieder sehen wir uns in einer Bar oder in der Bahn. Dann quatschen wir und lachen zusammen. Nur eine Bekannte? Merle ist mehr – aber was? 

Nur bei meiner besten Freundin ist die Sache eindeutiger:

Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Erster Schultag, erster Kuss, erste Zigarette - das haben wir alles zusammen erlebt und genau das macht uns zu besten Freundinnen. Bei allem, was auf der Freundschafts-Pyramide darunter kommt, wird die Beziehungs-Bezeichnung schwieriger.

Eine Abfrage bei Google ergibt: Ich bin nicht die Einzige, die sich schwer tut mit der passenden Bezeichnung.

In unterschiedlichen Foren diskutieren die Nutzerinnen und Nutzer, alle plagt dieselbe Frage:

Jetzt weiß ich immerhin: Ich bin nicht allein mit diesem Problem. Auf die Frage, wie ich Felix denn nun am besten beschreiben soll und ob Merle mehr als eine Bekannte ist, finde ich aber keine befriedigende Antwort.

Statt im Internet zu suchen, nehme ich nun den Duden zur Hand. Was weiß er über Freundschaft und Freunde?

Laut Duden ist ein Freund eine Person, die einer anderen Person, "in Freundschaft verbunden ist". Freundschaft wiederrum ist demnach ein "auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander".

Nach dieser Definition kann ich allerdings auch die Kiosk-Verkäuferin und den Straßenmusiker vor dem S-Bahnhof zu meinen Freunden zählen. Die sehe ich fast täglich, lächle ihnen zu, man kann eindeutig von gegenseitiger Zuneigung sprechen.

Ein Freund aber, das ist für mich mehr: Jemand, der mich schon weinen gesehen hat. Jemand, der weiß, womit er mich ärgern kann. Der einen Witz nicht laut aussprechen muss, damit wir beide darüber lachen. Jemand, bei dem ich nicht verunsichert bin, was wir füreinander empfinden. Bei dem ich zu 100 Prozent so sein kann, wie ich bin.

Nein, so weit bin ich mit Felix noch nicht.

Ein Freund, das ist in Zeiten von Facebook aber eben auch ein inflationärer Begriff, den wir viel zu oft verwenden. Fällt es deshalb so schwer, abzugrenzen, wann jemand ein Freund ist?

Mobinah Ahmad ist digitale Kommunikationsspezialistin. Sie entwickelte bereits im Jahr 2015 eine Theorie zu Freundschaft und Bekanntschaft, die ihr weltweite Aufmerksamkeit brachte:

Ahmad wollte herausfinden, wie viele ihrer Bekannten wirklich wahre Freunde sind.  Sie erstellte einen Fragenkatalog und wollte unter anderem wissen: "Würdest du mich vom Flughafen abolen?" oder "Können wir uns 20 Minuten unterhalten?"

Anhand ihrer Antworten definierte sie sechs Freundschaftskategorien. Die niedrigste Form war dabei eine "Prä-Bekanntschaft", bei der man nur den Namen des Anderen kennt. Die höchste Form ist der Freund.

Richtige Freunde, das sind laut Ahmads Definitionen Personen, die sich immer die Wahrheit sagen können. Die sich regelmäßig treffen und sofort erkennen, ob es dem Gegenüber gut geht. Wichtige Werte in dieser Beziehung sind ihrer Theorie zufolge Vertrauen, Vergebung und Bewunderung.

Nur ein Prozent aller Menschen aus unserem Bekanntenkreis sind demnach wirkliche Freunde, sagt Ahmad. Nämlich nur die Menschen, die wir allgemein als "beste Freunde" bezeichnen.

Ihrer Definition nach wären Felix und Merle meine "Prä-Freunde": Personen, mit denen ich gerne enger befreundet wäre und mit denen ich eine feste Freundschaft aufbauen will.

Auf einen Chai Latte im Café treffen – macht man das auch mit Bekannten?

(Bild: Unsplash / Toa Heftiba)

Ob meine übrigen Freunde verstehen, was Felix und ich für eine Beziehung haben, wenn ich ihn als meinen Prä-Freund vorstelle? Und ob Merle weiß, was ich damit meine?

All diese Fragen plagen mich eigentlich nur, weil ich für mich persönlich eine saubere Trennung brauche zwischen Bekanntem, Freund oder Freundin oder einem Kumpel.

Weil Freunde eben doch mehr sind als ein Klick bei Facebook oder eine gemeinsame Zigarette. Und weil ich wissen muss, vor wem ich heulen kann.

Und genau da liegt wohl das Problem, erkenne ich: Jeder definiert Freundschaft anders. Für mich ist das Wort Freund ein wertvolles Label. Für andere ist ein Freund jeder Mensch, mit dem er oder sie gerne Zeit verbringt. Auch wenn es nur auf eine Zigarette ist.

Damit bin ich für Felix vielleicht nur eine Bekannte. Und für Merle eine Freundin. Und wenn ich sie als Freunde vorstelle, dann finden das manche übertrieben und übergriffig. Nenne ich sie Bekannte, verstehen andere vielleicht nicht, was sie mir wirklich bedeuten.

Für mich sind die beiden auf jeden Fall mehr als "ein Typ, den ich aus der Uni kenne" und die "Schwester der Freundin meines Mitbewohners".

Wenn ich das nächste Mal von ihnen erzähle, werde ich wahrscheinlich trotzdem ins Stocken geraten: Ein Bekannter? Eine Freundin? Verdammt, es sind halt Felix und Merle. Immerhin weiß ich jetzt aber: Noch will ich nicht vor ihnen weinen - aber vielleicht ja irgendwann. 


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